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06.03.2017

18:00 Uhr

Ölmarkt

Energieagentur IEA warnt vor Engpass

VonMatthias Streit

Glaubt man dem BP-Chefökonomen, besitzt die Welt doppelt so viel Öl wie sie bis 2050 braucht. Trotzdem warnt die Internationale Energieagentur nun vor einem möglichen Angebotsengpass. Wie das zusammenpasst.

Die Internationale Energieagentur mahnt: Es muss in neue Ölfelder investiert werden. dpa

Kann rötlich schimmern: Rohöl

Die Internationale Energieagentur mahnt: Es muss in neue Ölfelder investiert werden.

FrankfurtDie Zahlen sind so immens, dass man sie sich eigentlich gar nicht vorstellen kann: 2,6 Billionen Barrel Öl schlummern unter der Erdoberfläche. Das ist genug, um den Öldurst der Welt bis 2050 zweimal zu stillen, erklärt der Chefökonom des britischen Ölkonzerns BP, Spencer Dale. Grundsätzlich ist genug Öl für alle da. Umso verwunderlicher wirkt es, dass die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem heute veröffentlichten Bericht „Oil 2017“ in den nächsten fünf Jahren vor einem drohenden Angebotsengpass warnt. So grotesk das auch wirkt: Es passt zusammen.

Ja, theoretisch reichen die Reserven, um die Welt zu fluten. Ob das passiert, hängt letztlich aber an den Unternehmen. Denn sie entscheiden, wie viel sie in neue Projekte investieren. Genau hier liegt das Problem: In den vergangenen beiden Jahren brachen die Investitionen drastisch ein, von knapp 800 auf nur noch rund 450 Milliarden Dollar pro Jahr. Für Ölimporteure kann das teuer werden.

Der Chef der IEA, Fatih Birol, zeigt sich beunruhigt: „Wir können in unmittelbarer Zukunft noch keinen Gipfel der Nachfrage erkennen. Sofern die Investitionen nicht anziehen, droht eine neue Ära schwankender Preise.“ Die IEA wurde in den 1970er-Jahren gegründet, als die Ölpreise drastisch stiegen. Die Agentur sollte als Vertreter der Industrieländer und ölimportierenden Staaten gewissermaßen als Gegenstück zum Ölkartell Opec agieren. Jährlich gibt die IEA neben dem „World Energy Outlook“ auch einen Ölausblick heraus.

Wie und wo die Preise für Ressourcen entstehen

Welche sind die wichtigsten Handelsplätze?

Das Herz der globalen Rohstoffmärkte schlägt in London, Paris und Chicago. Hier läuft ein großer Teil des Handels mit denjenigen natürlichen Ressourcen ab, die für die Ernährung und Energieversorgung von Milliarden Menschen sowie Herstellung zahlloser Produkte unentbehrlich sind. Den sogenannten Termingeschäften schlägt jedoch regelmäßig auch viel Kritik entgegen.

Wie funktionieren Termingeschäfte?

Wir sind es meist gewohnt, nach Kauf oder Bestellung eines Produkts direkt zu zahlen. An den Finanzmärkten ist das oft nicht so. Hier gibt es neben sofort ausgeführten Geschäften („Spot“/„Kassa“) auch viele Deals, bei denen die Abwicklung in der Zukunft liegt - aber zu schon heute vereinbarten Konditionen. Käufer und Verkäufer einigen sich dann auf eine Umsetzung per Termin („Future“). Ein Stahlkonzern kann etwa Monate im Voraus Eisenerz ordern und weiß genau, was ihn das später kostet.

Warum sind solche Geschäfte wichtig?

Generell soll der Terminhandel die Märkte stabilisieren. Im Einkauf großer Öl-, Rohstoff- oder Chemiekonzerne ist eine langfristige Planung ohne teilweise abgesicherte Preise und Mengen nicht denkbar. Grundsätzlich gilt: Wenn die für einen späteren Zeitpunkt erwarteten Preise von den aktuellen abweichen, kann es sich lohnen, auf künftige Preise zu spekulieren. Ziel ist es, beim Liefertermin keinen Verlust zu machen, falls das Preisniveau in der Zwischenzeit in den Keller geht.

Wo gibt es Terminmärkte?

Bekannte Beispiele sind der Handel mit Metallen, Kohle oder Erdöl. Dafür gibt es Börsen, an denen täglich Milliarden umgesetzt werden. Bei Metallen wie Kupfer und Zink läuft das etwa über die London Metal Exchange. Relativ rohstoffarme Länder wie Deutschland sind darauf angewiesen: Laut der Bundesbehörde BGR fiel der Wert der heimischen Rohstoffproduktion 2015 um 100 Millionen auf 13,4 Milliarden Euro. Agrargüter wie Getreide, Soja oder Zucker werden vor allem in Chicago und Paris ge- und verkauft.

Wo lauern Gefahren?

Geht ein Termingeschäft auf, wird die Risikobereitschaft der Akteure belohnt. Probleme können entstehen, wenn die Spekulation von reiner Finanz-Zockerei angetrieben ist. Solche Spekulanten wollen oft gar nicht in reale Güter investieren. Sie setzen auf Preisanstiege etwa von Agrar-„Futures“, um diese mit hohem Gewinn weiterzuverkaufen. Etliche Termingeschäfte sind stark kreditfinanziert und brauchen nur wenig Eigenmittel des Spekulanten. Und Skeptiker weisen auf möglichen Missbrauch durch Insider-Spekulation (Wetten „gegen den Markt“) oder Leerverkäufe (Spekulation mit bloß geliehenen Zertifikaten) hin.

Sind die Geschäfte also schlecht?

Das lässt sich pauschal keinesfalls sagen. Bei realen Gütern kann sie stabilisierend wirken, wenn etwa nach der Ernte Teile des Angebots durch Lagerung verknappt und die Erzeugerpreise so gefestigt werden. Turbulenzen können spekulative Geschäfte aus Sicht vieler Ökonomen dagegen vor allem bei Finanzprodukten auslösen. Einige Banken haben das Geschäft mit Agrarzertifikaten unabhängig davon eingestellt.

Bis 2022 werde die weltweite Nachfrage nach Öl auf 103 Millionen Barrel pro Tag steigen, 7,3 Millionen mehr als heute. Vor allem in Asien, nicht zuletzt aus Indien, erwarten die Experten eine steigende Nachfrage. Doch die mögliche Förderkapazität droht zugleich nur um 5,6 Millionen Barrel zu wachsen.

Schon in drei Jahren könnte dem Ölanalysten Spencer Welch von IHS Markit zufolge ein Engpass am Markt eintreten. „Aufgrund der Einschnitte bei den Investitionen besteht das ernstzunehmende Risiko einer Angebotsknappheit“, sagt Welch. Ein Grund dafür ist der niedrige Ölpreis. Der hat sich zuletzt zwar bei 55 Dollar stabilisiert. Doch um gleich eine Reihe neuer Investitionen anzuschieben, müsse er noch bis auf 80 Dollar klettern, glaubt Welch.

Müssen wir trotz prall gefüllter Ölreserven nun doch drastische Preissteigerungen fürchten? Per Magnus Nysveen, Seniorpartner beim Beratungsunternehmen Rystad Energies, beschwichtigt. Zwar sieht auch er die ausbleibenden Investitionen mit Sorge. Dennoch glaubt Nysveen: „Preise jenseits von 150 oder gar 200 Dollar gehören der Vergangenheit an.“

Steigende Preise: Die neue Ölschwemme

Steigende Preise

Premium Die neue Ölschwemme

Mit der Erholung des Ölpreises drängen die Produzenten von Schieferöl, das mit der Fracking-Methode gewonnen wird, zurück an den Markt. Dabei ist jetzt schon klar: Die Welt hat mehr Öl, als sie je verbrauchen wird.

Dies ist nicht zuletzt den amerikanischen Schieferöl-Unternehmen zu verdanken. Wie die jüngsten Monate zeigen, reagieren sie prompt auf steigende Preise. Dank stabiler Preise über 50 Dollar fördern die USA derzeit erstmals seit April 2016 wieder neun Millionen Barrel Öl pro Tag, mehr als die Hälfte davon stammt aus Schieferölquellen. Auch die Internationale Energieagentur erkennt darin einen mittelfristig anhaltenden Trend. In den nächsten fünf Jahren könnten zwischen 1,4 und drei Millionen Barrel Schieferöl aus den USA hinzukommen.

Damit gehören die USA neben Brasilien (1,1 Millionen Barrel) und Kanada (0,8 Millionen Barrel) zu den Ländern, die das Angebot maßgeblich ausweiten werden. Die 13 Mitglieder des Ölkartells Opec werden ihre Förderkapazität laut IEA-Prognose um knapp zwei Millionen Barrel ausweiten, allen voran der Irak.

Kommentare (3)

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Herr J. Teufel

06.03.2017, 18:56 Uhr

Was sind das eigentlich alles für Milchmädchenrechnungen?????
Nach uns die Sintflut?????

Gibt es eigentlich keinen Menschen mehr, der wirtschaftlich länder als ein Quartal denken kann einigermassen versteht, wass es bedeutet, dass Öl (30,7 %), Gas (22,4 %) und Kohle (27,9 %) immer noch über ca. 80 % unserer Energie-Matrix ausmachen?
Ist ja wunderschön, wenn wir bis 2050 erst die Hälfte des Öls verbraucht haben. Dann hält es ja vermutlich noch einmal 100 Jahre.

Zu Zeiten des zweiten Weltkrieges, bei dem Öl auch eine gewisse Rolle gespielt hat, galt noch die Regel, dass das Öl mindestens 500 Jahre halten würde.

Beides sind aus energietechnischer Sicht sehr geringe Zeiträume und vielleicht sollte Öl einfach mindestens das Doppelte kosten, damit wir mit diesem Geld erneuerbare Energien fördern können und somit das bisher absehbare MADMAX- Scenario vermeiden könnten.

Denkt eigentlich heute noch ein Reporter einer Materie für 5 Minuten eigenständig?

Die Konflikte der Welt sind oftmals unmittelbar ans Öl oder Uran gebunden, sei es im Nahen Osten,(Öl) in Lybien (Öl) oder Mali (Uran). Wenn es nicht direkt ums Öl geht, dann in der Regel darum, wer die Pipeline bedient und welches Öl dort durchfliesst..

Aber es ist schon besser, allen zu erzählen, dass Öl kein knappes Gut ist, wenn alle Produzenten gerade mal das Maximum pumpen.
Vom Trauerspiel, dass mit dieser Energiequelle international so umgegangen wird, anstadt dass man sich auf gemeinsame Zukunftsplanungen für die Welt verständigt, will ich nicht weiter reden. Es ist wirklich ein MAD MAX Scenario..

Herr Holger Narrog

07.03.2017, 08:20 Uhr

Hallo Herr Teufel...wenn die fossilen Brennstoffe den Energiebedarf der Erde für ein paar weitere Jahrhunderte decken können (Kohle, Erdgas/Methanhydrat) ist das doch nicht schlecht. Eine Menschengeneration entspricht 30 Jahren, bereits in 10 - 15 Jahren gibt es beispielsweise in Deutschland eine ganz andere Gesellschaft (Kalifat??).

Eine Rückkehr in ein verarmtes, ökoreligiöses Mittelalter mit Windmühlen etc. ist sicherlich die schlechteste Lösung für die Menschheit.

Sofern die Menschheit weiter in eine moderne, wohlhabende Zukunft strebt wird man die fossilen Energieträger irgendwann durch bessere Energiequellen ablösen.
Die besten Aussichten hat die umweltfreundliche Kernenergie. Sobald neue Gesellschaften damit aufhören diese zu dämonisieren, auf irrationale, ökoreligiöse Endlagerspektakel verzichten, die Regeln an das real sehr geringe Risikopotential anpassen, kann diese fossile Brennstoffe substituieren. Die Reichweite des Urans in den oberen 3000m der Erdkruste (Land) beträgt bei steigendem Energieverbrauch einige Millionen Jahre.

Rainer von Horn

07.03.2017, 08:49 Uhr

Nachdem man die AKW erfolgreich stigmatisiert und auf Sicht stillgelegt hat, passiert das gleiche doch gerade beim Diesel-PkW. Stichwort: Quasi-Enteigung durch Fahrtverbote. Benzin-Autos und die Ölheizung werden hierzulande absehbar folgen. Unter dem frenetischen Applaus des Wahlvolks, da Politik hierzulande in großen Teilen nicht auf Grundlage sachlicher Auseinadersetzungen sondern auf der Grundlage von Emotionen gemacht wird.
Nahezu nirgends wird das deutlicher, wie im Falle der Energiewende, in welcher man kann schon sagen fanatisch, ideologische Ziele verfolgt werden, ohne Blick auf die reelle Machbarkeit und ohne Zielkontrolle hinsichtlich der urpsrünglichen Zielrichtung: der Vermeidung der CO2-Emissionen zwecks "Klimarettung". Wer redeut da noch drüber und wer setzt die Kosten ins Verhältnis zur "Zielerrecihung"? Niemand, der Zirkus ist zum Selbstzweck verkommen, die Stromsteuer ist feste Größe im Bundeshaushalt der schwarzen Null, Steigerung fest eingeplant und wegen absehbarem arabischem Facharbeiterzuwachs auch dringend benötigt. Wegen der Trump-Rechnung wegen adäquater Militärausgaben übrigens auch.

Also freuen wir uns kindisch auf eine Zukunft mit E-Mobilen und elektrischer Wärmepumpe, die von Solarzellen und Windkraftanlagen betrieben werden. Jedenfalls ab und zu. Und freuen wir uns auf saftig steigende Energiesteuern.

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