Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.05.2017

11:04 Uhr

Ölmarkt

Opec kürzt Ölförderung sogar mehr als versprochen

VonMatthias Streit

Die Opec setzt ihre Kürzungsquote zu mehr als 100 Prozent um. Was lange als undenkbar galt, wird nun möglich. Das Problem: Diese Nachricht allein kann den Ölpreis kaum mehr bewegen. Die Marktteilnehmer erwarten Größeres.

Seit Januar haben die Opec und elf weitere Nicht-Opec-Staaten ihre Förderung reduziert. Nun wird über eine Verlängerung des Abkommens gerungen. dpa

Ölarbeit am Persischen Golf

Seit Januar haben die Opec und elf weitere Nicht-Opec-Staaten ihre Förderung reduziert. Nun wird über eine Verlängerung des Abkommens gerungen.

FrankfurtSeit Monaten verfolgt die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) ein Ziel: Sie möchte ihre geplante Förderkürzung zu 100 Prozent erfüllen. So richtig glauben wollten Marktbeobachter das aber nicht, weil frühere Kürzungsabkommen scheiterten. Doch derzeit geschieht offenbar das Undenkbare: Laut Daten von Bloomberg übererfüllt die Opec ihr Kürzungsversprechen bereits, setzt es zu 102 Prozent um.

Die Ölpreise steigen am Mittwochmorgen: Die Nordseesorte Brent etwa verteuert sich um 28 Cent auf 50,74 Dollar je Barrel. Allein: Als großer Sprung kann das nicht gewertet werden. Vor zwei Wochen kostete Öl noch 56 Dollar.

Denn die Opec wird Opfer ihrer eigenen Politik. Zwar kürzt das Ölkartell jetzt mehr als versprochen. Den Ölpreis bewegt das aber kaum noch. Denn der Markt wartet schon auf den nächsten großen Schnitt: Die Verlängerung des bis Ende Juni begrenzten Förderabkommens. Darüber wurde zwar schon viel spekuliert und die Marktteilnehmer preisen den Schritt zum Teil schon ein. Doch noch ist das nicht beschlossene Sache.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Am 25. Mai soll darüber auf dem nächsten offiziellen Treffen des Ölkartells diskutiert werden. Die Erwartungen sind hoch, schließlich hat der saudische Ölminister Khalid Al-Falih Ende April erklärt, dass sich einige Ölproduzenten bereits auf eine Verlängerung der Förderkürzung über Juni hinaus einig wären. Wie viele Länder und welche dies genau sind, erwähnte Al-Falih aber nicht.

Grundsätzlich sei eine Verlängerung aber nötig, räumte vor einigen Tagen auch der Saudi ein: „Obwohl die Kürzung zu einem hohen Level umgesetzt wird, haben wir unser Ziel noch nicht erreicht. Dieses ist, die Öllager auf den Fünf-Jahres-Durchschnitt zu reduzieren.“

Davon ist das Kartell aber noch weit entfernt. Zwar seien die Lagerbestände der OECD, also der wichtigsten Industriestaaten, im Februar leicht gesunken. Doch die Internationale Energieagentur, die die Interessen der größten Ölabnehmerländer vertritt, berichtete jüngst, dass die Lager mit 330 Millionen Barrel noch immer deutlich über dem Fünf-Jahres-Durchschnitt gefüllt sind.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Marc Hofmann

03.05.2017, 12:35 Uhr


Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Ciller Gurcae

03.05.2017, 13:41 Uhr

So isses. Die Opec, also auf Deutsch: die Ölscheichs haben die Leistungsträger der Welt, in Europa, amerika, Asien ausgequetscht und sich mit dem verbrecherisch erlangten Geld die Wüste begrünt.

Es wird Zeit, diese Machenschaften des Kartells aufzudecken, vor ein internationales Tribunal zu bringen und die Verantwortlichen streng zu bestrafen.

G. Nampf

03.05.2017, 14:22 Uhr

@ Marc Hofmann03.05.2017, 12:35 Uhr

Fahren Sie weniger Auto, dafür mehr ÖPNV (sofern in Ihrer Gegend vorhanden). Das mache ich schon seit Jahren.

Damit drehen Sie den Scheichs die Geldquelle ab.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×