Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.02.2015

20:41 Uhr

Ölpreis

Energiekonzerne haben Mitschuld am Preissturz

Experten sehen die Energieunternehmen in einer Mitschuld am Ölpreisverfall. Am Montag stehen die Zeichen aber auf Erholung. Die Opec rechnet derweil mit einer höheren Nachfrage nach ihrem Öl.

Eine höhere Schuldenlast im Energiesektor hat laut Experten die Dynamik am Ölmarkt beeinflusst und zum Preisverfall beigetragen. dpa

Ölförderung durch Fracking in den USA

Eine höhere Schuldenlast im Energiesektor hat laut Experten die Dynamik am Ölmarkt beeinflusst und zum Preisverfall beigetragen.

London/SingapurDie Energiekonzerne haben ihren Schuldenstand seit 2003 vervierfacht. Diese Entwicklung habe möglicherweise zum Ölpreisverfall im vergangenen Jahr beigetragen, schrieb die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in einer am Samstag veröffentlichten Studie. Die Firmen hätten die Drosselung der Produktion verschoben und Terminkontrakte verkauft, um sich gegen den Rückgang abzusichern.

Die ausstehenden Schulden der Energieunternehmen seien auf mehr als 800 Milliarden Dollar (705 Milliarden Euro) in diesem Jahr angestiegen, von weniger als 200 Milliarden Dollar im Jahr 2003, schreibt die Bank der Zentralbanken. Sinkende Ölpreise hätten den Wert der Vermögenswerte, die die Ölförderer als Sicherheiten anbieten, gedrückt und sie so gezwungen, mehr Öl auf den Terminmärkten zu verkaufen.

Rohöl der Sorte Brent hat zwischen Juni und Januar 60 Prozent an Wert verloren, nachdem Opec-Länder als Reaktion auf die hohe Ölförderung der USA darauf verzichtet hatten, ihre eigene Ölproduktion zu drosseln. Seitdem hat sich der Preis um gut 20 Prozent erholt; es wird spekuliert, dass Händler Verkaufspositionen geschlossen und US-Ölförderer mehr Förderanlagen stillgelegt haben als jemals zuvor.

„Die Veränderungen bei Förderung und Verbrauch können offenbar den abrupten Absturz der Ölpreise nicht befriedigend erklären“, so die BIZ. „Die höhere Schuldenlast des Ölsektors dürfte die jüngste Dynamik am Ölmarkt beeinflusst“ und zu dem Preisverfall beigetragen haben, hieß es.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

Beginne der Ölförderung

Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen finden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 steigt der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt müssen damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fällt mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig ist.

Vollgas mit Benzin

Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 19. Jahrhunderts steigt die Öl-Nachfrage rasant; speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum Massenprodukt wird. 1929 fahren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen. Der Verbrauch liegt 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise bleiben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wird.

Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

In den 30er Jahren kommt die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hat. Während der Weltwirtschaftskrise verringert sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sinkt auf ein historisches Tief. 1931 müssen bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

Goldene Zeitalter des billigen Öls

Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hat, steigt der Preise für Öl wieder, bleibt aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

Erste Ölkrise

In den 70er und 80er Jahren kommt der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselt, um politischen Druck auszuüben, vervierfacht sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostet ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekommen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland bleiben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bilden sich Schlangen vor den Tankstellen.

Preisexplosion während des Golfkriegs

Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zieht der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wird dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodieren die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostet ein Barrel 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116 Dollar).

Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

Die 80er und 90er Jahre sind – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befinden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gibt es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sinkt die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 werden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt.

Ein rasanter Anstieg

Nach Überwindung der Krise wachsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgen nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 steigt der Ölpreis erstmals über 100 US-Dollar je Barrel, Mitte des Jahres sogar fast auf 150 Dollar. Ein Grund für den Preisanstieg war der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt. Die Finanzkrise ließ den Preis Ende 2008 allerdings wieder abstürzen.

Ölpreis heute

Ein weltweites Überangebot hält die Preise weiterhin auf niedrigem Niveau. Aktuell kostet ein Barrel Brent rund 30 US-Dollar.

Der Ölpreisverfall habe die Kreditkosten der Energieunternehmen erhöht und die Spreads von hochverzinslichen Anleihen solcher Firmen seien per Januar auf 800 Basispunkte angestiegen, von nur 330 Basispunkten im Juni, schreibt die BIZ. Das habe die Firmen veranlasst, sowohl Terminpreise zu sichern, was den Verkaufsdruck zusätzlich erhöhte, als auch eine hohe Produktion aufrecht zu erhalten, um Einnahmen sicherzustellen. Dadurch sei das Überangebot länger bestehen geblieben, so die Studie.

Der Schub bei der Kreditaufnahme im Energiesektor habe über den Zuwachsraten seit 2003 der Gesamtwirtschaft gelegen. Dieser Wert habe sich seit 2003 auf etwa sechs Billionen Dollar verdreifacht, heißt es in der Studie.

Zum Wochenstart konnten die Ölpreise leicht zulegen. Am Morgen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im März 58,05 Dollar. Das waren 25 Cent mehr als am Freitag. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 38 Cent auf 52,07 Dollar.

Seit Ende Januar gibt es bei den Ölpreisen nach ihrem monatelangen Sturzflug eine Aufwärtsbewegung. Der Brent-Preis ist seither um etwa acht Dollar gestiegen, WTI konnte um etwa fünf Dollar zulegen. Ausschlaggebend sind erste Auswirkungen des Preissturzes in der amerikanischen Ölindustrie, wo sich die Anzahl der Bohrlöcher seit Wochen verringert. Angesichts des immer noch hohen Überangebots an Rohöl sind sich Analysten aber nicht sicher, ob schon von einer Wende hin zu anhaltend höheren Ölpreisen gesprochen werden kann.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Jörg Dürre

09.02.2015, 11:34 Uhr

Zum gestrigen EEX (Phelix) Preis von 12,44 Euro/MWh wäre ein Barrel Öl (ca. 1,59 MWh) nach Energiegehalt nur knappe 20 Euro Wert gewesen.

Berücksichtigt man, dass man aus Öl mit Motoren nur ca. 40% der Energie nutzbar machen kann, dann hätte das Barrel im Wettbewerb zu Strom sogar nur etwa 8 Euro kosten dürfen.

Aber welchen Analysten interessiert heute schon noch Wettbewerb.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×