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10.10.2016

16:02 Uhr

Ölpreis

Putin eilt Opec verbal zu Hilfe

Die Opec tüftelt weiter an ihrer Förderkürzung. Am Rande des Weltenergiekongresses in Istanbul wollen Opec-Vertreter auch mit Russland sprechen. Wladimir Putin prescht schon einmal vor.

Der russische Präsident will mit der Opec kooperieren. AP

Wladimir Putin

Der russische Präsident will mit der Opec kooperieren.

Frankfurt/IstanbulFür das Ölkartell Opec geht es um mehr als nur stabile Ölpreise und die Erholung ihrer stark strapazierten, ölabhängigen Staatshaushalte. Die Opec möchte Vertrauen zurückgewinnen, das sie in diesem Jahr nach mehrfach gescheiterten Gesprächen über Fördergrenzen verloren hat. Ende September einigten sich die Mitglieder grob über eine Förderkürzung. Und nun bekommt sie gewichtige Unterstützung.

Am Rande des Weltenergiekongresses in Istanbul sicherte Wladimir Putin dem Ölkartell am Montag Unterstützung zu. Russland ziehe in Betracht, seine Ölproduktion zu deckeln oder gar zu kürzen, wenn sich die Opec zur Kürzung entschließt. Täglich fördert Russland 11,2 Millionen Barrel (à 159 Liter) Öl – so viel wie keine andere Nation.

Die Reaktion an den Finanzmärkten ließ nicht lange auf sich warten: Am Montagnachmittag verteuerte sich ein Barrel Rohöl der Sorte Brent um 2,4 Prozent auf 53,16 Dollar. Der Preis für das US-Leichtöl WTI stieg ebenfalls um 2,4 Prozent auf 51,01 Dollar.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Die Äußerungen Putins könnten der Opec gar nicht gelegener kommen. Obwohl die Organisation erdölexportierender Länder selbst noch immer knapp 40 Prozent des Ölmarktes kontrolliert, haben die vergangenen zwei Jahre und eine zeitweise Viertelung des Preises gezeigt: Ohne Hilfe von außen wird es nicht gehen. Und von wem könnte die besser kommen, als vom größten Ölproduzenten der Welt. Ohnehin wollen Opec-Vertreter in den kommenden Tagen in Istanbul mit den Russen sprechen.

Ende September einigten sich die Mitglieder der Opec, ihre gesamte Ölproduktion künftig bei 32,5 bis 33 Millionen Barrel pro Tag einzufrieren, also knapp 800.000 Fass weniger als heute. Dafür sei etwa Saudi-Arabien, das heute knapp ein Drittel des Opec-Öls fördert, zu Einschnitten bereit.

Erste Erfolge der neu verordneten Strategie sind bereits erkennbar: Seitdem hat sich der Preis für ein Barrel (159 Liter) des Nordseeöls Brent um 13 Prozent auf 52,60 Dollar verteuert. Und auch einige Spekulanten hören wieder vermehrt auf die Worte des Ölkartells. In der vergangenen Woche stiegen die Wetten auf steigende Ölpreise so stark wie nie zuvor.

Nun beschwichtigt der saudische Energieminister al-Falih die Sorgen vor einem drastischen Preisanstieg. „Die Opec muss deutlich machen, dass wir die Förderung nicht zu stark kürzen und keinen Schock an den Märkten auslösen. Wir werden sehr verantwortungsbewusst sein“, sagt al-Falih in Istanbul. Gleichwohl hat er ein klares Ziel vor Augen: Bis Ende diese Jahres könne sich der Ölpreis bis auf 60 Dollar erholen. An diesen Anstieg glaubt übrigens auch BP-Chef Bob Dudley.

Wie sich die Opec-Einigung für Verbraucher auswirkt

Wie reagiert der Markt auf die Einigung der Opec-Länder?

Dieser Schritt war nicht erwartet worden und führte zunächst zu einem raschen Anstieg der Ölpreise um mehr als zwei Dollar. Am Donnerstag waren für ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Sorte Brent rund 48 Dollar zu bezahlen. Das ist weder besonders viel noch besonders wenig und entspricht dem Durchschnittspreis im laufenden Jahr. Vor einem Jahr war der Ölpreis ungefähr gleich hoch. Im Januar und Februar war er für einige Tage unter die Marke von 30 Dollar gestürzt, hatte sich aber anschließend wieder erholt.

Quelle: dpa

Wird Heizöl nach dem Opec-Beschluss nun teurer?

Kaum. Auch der Preis für Heizöl ging am Donnerstag zwar vorerst in die Höhe, gegenwärtig sind im bundesweiten Durchschnitt 51 Euro für 100 Liter zu bezahlen (inklusive Mehrwertsteuer). Das war aber schon mal günstiger, als der Heizöl-Preis im Januar und Februar kurz unter 40 Euro gefallen war. Eigenheimbesitzer und Mieter können sich derzeit nicht beklagen, wenn sie mit Heizöl heizen. Zuletzt waren die Preise 2009 auf einem vergleichbaren Niveau, seitdem meistens viel höher. Vor einem Jahr war Heizöl ungefähr 5 Euro teurer. Zwischen 2011 und 2014 mussten die Kunden noch mehr als 80 Euro bezahlen, in der Spitze mehr als 96 Euro.

Und wie sieht es beim Benzin aus?

Der aktuelle Preis für Diesel liegt bei 1,08 Euro je Liter, für Superbenzin E10 sind im bundesweiten Durchschnitt ungefähr 1,28 Euro zu bezahlen. Vor einem Jahr lagen die Preise um zwei bis drei Cent höher. Damit sind die Kraftstoffpreise auf Jahressicht relativ stabil. Sie schwanken jedoch nach wie vor sehr stark nach Tageszeiten und sind auch regional verschieden.

Mehr als die Hälfte der Haushalte heizen nicht mit Öl, sondern mit Gas. Haben sie mit Auswirkungen zu rechnen?

Die Öl- und Gasmärkte haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend entkoppelt. Während der Preis für Heizöl in den vergangenen beiden Jahren um rund 40 Prozent zurückging, betrug der Rückgang beim Gas nicht einmal 10 Prozent. Die Gasversorger mussten zwar bei der Beschaffung im Großhandel weniger für das Gas bezahlen, die Börsenpreise sanken zwischen Juli 2014 und Juli 2016 um mehr als ein Fünftel. Die Unternehmen hatten aber zum Teil auch höhere Leitungskosten zu verkraften. Für den Herbst haben viele Versorger Preissenkungen angekündigt, im Schnitt nach Angaben des Internet-Portals Verivox um rund 7 Prozent.

Dann wird die nächste Heizsaison also günstiger als die vergangene?

So war es in den vergangenen beiden Jahren. Die Ausgaben der privaten Haushalte für Energie sind insgesamt rückläufig. In den Jahren 2012 und 2013 musste ein Durchschnittshaushalt jeweils 257 Euro pro Monat für Energie ausgeben; darin sind Strom, Gas oder Öl und Kraftstoffe enthalten. Im Jahr 2014 waren es nur noch 245 Euro und im Jahr 2015, für das noch keine offiziellen Daten vorliegen, war der Trend weiter rückläufig. Ob das Heizen in diesem Winter günstiger wird als im vorigen, hängt jedoch nicht nur von den Preisen ab - sondern auch vom Wetter. Wird der Winter kalt, dann wird es teuer.

Das setzt jedoch voraus, dass sich die Opec bei ihrem nächsten Treffen am 30. November in Wien tatsächlich einigt. Noch ist der Deal aber längst nicht beschlossen. Denn die wirklich brisante Frage, wer welche Einbußen im Einzelnen hinnimmt, muss erst noch beantwortet werden. Gleichzeitig drängen Länder wie der Iran darauf, mehr Öl zu fördern als heute. Jüngst kündigte der Irak an, im kommenden Jahr mehr Öl pumpen zu wollen. „Worte und Taten klaffen bei der Opec also weiterhin deutlich auseinander. Derzeit produziert die Opec knapp eine Million Barrel pro Tag mehr Rohöl als benötigt“, kommentieren die Rohstoff-Analysten der Commerzbank.

Noch bis zu ihrem nächsten Treffen Ende November hat die Opec Zeit, Zweifel auszuräumen. Erst dann entscheidet sich, ob das Ölkartell verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnt – oder endgültig an Glaubwürdigkeit verliert.

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