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09.08.2016

17:10 Uhr

Ölpreis und Opec

Wie lange wirkt der alte Trick des Ölkartells?

VonMatthias Streit

Der Ölpreis fällt und die Opec spricht wieder einmal über ein informelles Treffen ihrer Mitglieder. Die Ankündigung soll den Preisfall stoppen – doch der Glaubwürdigkeit des Ölkartells hilft sie nicht.

Der katarische Energieminister und Opec-Präsident sucht Stabilität am Ölmarkt. Reuters

Mohammed bin Saleh Al Sada

Der katarische Energieminister und Opec-Präsident sucht Stabilität am Ölmarkt.

FrankfurtDie Opec hat es schon wieder getan. Mit der Ankündigung eines informellen Treffens hat sie am Montag erneut am Markt eingegriffen, um den jüngsten Fall der Ölpreise zu stoppen. Ende September, so erklärt der Präsident des Ölkartells Mohammed Saleh Al Sada, werden die Mitgliedsstaaten zu informellen Gesprächen zusammentreffen. Das Kalkül dahinter lässt sich schnell durchschauen: Die Opec will den jüngsten Fall des Ölpreises stoppen und die Einnahmen seiner Mitglieder stabilisieren.

Doch das Manöver ist nicht neu. Für den Moment aber zeigt der alte Trick Wirkung. Der Preis für die Nordseesorte Brent stieg seit Freitag um drei Prozent auf über 45 Dollar je Barrel (159 Liter). Das nordamerikanische Leichtöl legte auf knapp 43,40 Dollar zu.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Doch die Wirkung der Verbalintervention könnte schnell verpuffen. Sie ist in ihrer Absicht weniger konkret als vorherige Versuche, Ort und Zeit des Treffens keine Überraschung. Der Glaubwürdigkeit der Opec dürfte dies nicht gerade helfen. Aber eins nach dem anderen.

Was ist passiert? Noch Anfang Juni schien es, als ob sich der Rohstoff von seinem seit Mitte 2014 anhaltenden Fall endlich erholt hätte. Das Zwölf-Jahres-Tief aus dem Februar hatte sich mit Preisen über 50 Dollar im Eiltempo verdoppelt. Zuletzt aber ging es wieder rapide bergab. Der Preis für die nordamerikanische Sorte WTI fiel am zwischenzeitlich sogar unter 40 Dollar. Analysten wie jene von der amerikanischen Großbank Morgan Stanley prophezeiten gar Preisniveaus um die 35 Dollar in Reichweite. Hegefonds wetten derzeit so stark wie seit 2006 nicht mehr auf den Fall des Ölpreises, wie aus Daten der Commodity Futures Trading Commission hervorgeht, die unter anderem den Rohstoffhandel reguliert.

Also gegensteuern, bevor noch Schlimmeres passiert, dachte sich nun wohl die Opec. Denn die Konsequenzen sind fatal. Wie fatal, lässt sich am jüngsten Beispiel Kuwait ablesen: Wegen des niedrigen Ölpreises hat das Emirat erstmals seit 16 Jahren ein Haushaltsdefizit bilanziert. Im Haushaltsjahr 2015/16 (endete am 31. März) machte Kuwait 4,6 Milliarden Dollar Miese. Die Staatseinnahmen stammen zu neun Zehnteln aus dem Ölexport. Doch genau dessen Einnahmen brachen um die Hälfte ein. Als Hilfsmaßnahme kündigte Kuwaits Finanzminister vor kurzem an, dass das Emirat bis zu zehn Milliarden Dollar über Anleihen auf dem internationalen Markt einnehmen will.

Selbst für den größten Ölproduzenten der Opec, Saudi-Arabien, sieht es nicht besser aus. Das Königreich plant ebenfalls Geld über Schuldverschreibungen im Ausland einzunehmen. Ein Teil seines mächtigen staatlichen Ölkonzerns soll an die Börse gebracht werden, was wiederum Geld in die Haushaltskassen spülen soll. Venezuela steht wegen des gefallenen Ölpreises vor dem Ruin.

Kommentare (8)

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Baron v. Fink

09.08.2016, 17:55 Uhr

Der niedrige Ölpreis hilft der Wirtschaft auf der Welt, ausgenommen der kranken EU natürlich.

Account gelöscht!

10.08.2016, 10:53 Uhr

Mensch Marc und Annette,


WIESO


-------------------------------------------------------------------------------------------------
(Abstände,Sonderzeichen und GROSSBUCHSTABEN für carlos)


habt Ihr den ARTIKEL gestern vergessen ?????????????


DAS GEHT


ABER SO NICHT





Herr Peter Noack

10.08.2016, 11:23 Uhr

Der niedrige Ölpreis hilt der "kranken" EU gar kein bisschen , schreibt Baron von Finck.
Der niedrige Ölpreis hilft auch dem kranken Deutschland bei Höchstverschuldung, Stagnation und negativer Arbeitsproduktivität nicht mehr. Daran ist aber nicht die Wirtschaft schuld, sondern einzig und allein die Kanzlerin, nicht wahr? Auch Nullzins rettet uns nicht mejhr. Wir sind dem Untergang geweiht, der noch vor der nächsten Wahl kommt, stimmts?

Etwas ganz anderes: Ist es noch so dass Angebot und Nachfrage über den Preis bestimmen? Postuliert die übliche Volkswirtschaftslehre, dass sinkender Preis die Nachfrage steigert und das Angebot senkt. Ein neues Gleichgewicht stellt sich kurzfristig auf dem neuen Preisniveau ein. (Linksverschiebung)
Das scheint ja nun schon länger als zwei Jahre außer Kraft gesetzt. Wenn schon die Nachfrage nach Öl trotz halbem Preis nicht angemessen steigt, passt sich dann wenigstens die VWL der geänderten Realität an? Wer soll das denn erwaten? Heißt das dann auchm, dass es egal ist, mit welchen Argumenten man das vermeintliche Überangebot oder die vermeintliche Unternachfrage begründet? Gemessen an der VWL stimmen beide Varianten nicht mehr. Die sind völlig falsch, Wird das ein Ökonom begreifen können?

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