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02.05.2016

10:41 Uhr

Ölpreisverfall

Russland will Öl vom Dollar abkoppeln

VonAndré Ballin

Der Anstieg des Ölpreises freut die russischen Politiker kaum, im Gegenteil – sie fürchten einen erneuten Absturz. Nun hat Moskau einen Plan entwickelt, um russisches Öl unabhängiger von Weltmarkt-Schwankungen zu machen.

Russland will es Investoren ermöglichen, künftig Öl-Futures in Rubel handeln. dpa

Russische Öl-Förderplattform

Russland will es Investoren ermöglichen, künftig Öl-Futures in Rubel handeln.

MoskauKaum hat sich der Ölpreis ein wenig erholt, schon gibt es neue Schreckensszenarien für den Kreml: Experten glauben, dass der jüngste rapide Preisanstieg beim „schwarzen Gold“ zu einer scharfen Gegenreaktion führen wird und erinnern an das Vorjahr. Laut Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg gibt es „Parallelen zum Jahr 2015“. Damals gab es ebenfalls ein Zwischenhoch im Frühjahr, ehe die Preise wieder abstürzten. Der Markt sei auch jetzt überhitzt, warnt Weinberg. Bis auf 30 Dollar könnte es nach Einschätzung vieler Analysten wieder herunter gehen.

Höchste Zeit gegenzusteuern und die Abhängigkeit des russischen Urals-Öls von anderen auf dem Weltmarkt gehandelten Marken zu senken. In einem ersten Schritt will Moskau dazu Futures auf Urals-Öl anbieten. Gehandelt werden sollen die Terminkontrakte an der St. Petersburger Warenbörse. „Ziel ist die Schaffung eines Systems, in dem russisches Öl gerecht und offen bewertet und verkauft wird“, erklärte der Chef der Börse, Alexej Rybnikow. Seinen Angaben nach unterstützen die größten russischen Petrolkonzerne Rosneft, Lukoil und Gazpromneft die Initiative.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Laut dem Vorsitzenden des russischen Börsenverbands Anatoli Gawrilenko könnte der Urals-Future noch im laufenden Jahr in den Handel kommen. Für einen Erfolg sei aber politischer Wille notwendig, sagte er. „Natürlich wird das Interesse zunächst verhalten sein. Dafür, dass unser Future von sich reden macht und den Respekt der globalen Akteure erwirbt, müssen wir Konstanz beim Handel, Umsatz und Umfang gewährleisten – und natürlich Transparenz unseres Marktes“, sagte Gawrilow.

Die Futures laufen zunächst auf mindestens 720.000 Barrel pro Lieferung und sollen auch erst einmal in Dollar gehandelt werden. Später ist aber ein Umstieg auf den Handel in Rubel angedacht. Immerhin fordert Kremlchef Wladimir Putin seit Jahren eine stärkere Emanzipation des russischen Außenhandels vom Dollar.

Der direkte Handel mit Urals-Futures würde eine Diversifizierung des Exports ermöglichen. Bisher liefert Russland vorwiegend nach Europa. In Moskau sieht man potenzielle Klienten aber auch in Asien. Dort – speziell in China – ist die Bereitschaft, den Handel in nationalen Währungen abzuwickeln, größer. Darauf setzt die russische Führung.

Zudem bietet der Handel nach Einschätzung russischer Analysten weitere Vorteile. Bisher ist Urals-Öl direkt an den Preis für Öl der Marke Brent gekoppelt und wird derzeit mit einem Abschlag von 2,5 bis drei Dollar pro Barrel gehandelt. Urals habe sein Marktpotenzial noch nicht ausgeschöpft, „für viele Ölverarbeiter ist es günstig wegen seiner Beschaffenheit. Experten meinen, wenn unsere Sorte selbständig ohne Bindung an Brent-Öl gehandelt würde, sei mit einem nachhaltigen Wachstum bei der Nachfrage nach russischem Öl zu rechnen“, erklärte Nikita Maslennikow, Leiter des Finanz- und Wirtschaftsressorts beim Moskauer „Institut für moderne Entwicklung“. Das bedeutet auch höhere Preise.

Maslennikow warnt zugleich vor zu hohen Erwartungen am Anfang. Auch Brent habe Jahre gebraucht, um sich als eigenständige Marke durchzusetzen, erinnerte er. Seiner Einschätzung nach könnten allerdings bereits 2017 fünf Prozent des in Russland geförderten Öls an der Börse gehandelt werden – das wären immerhin mehr als 25 Millionen Tonnen.

Kommentare (35)

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Rainer von Horn

02.05.2016, 10:45 Uhr

Putin sollte seinen Personenschutz verstärken. Genau dasselbe wollten schon Gaddafi und der Saddam.

Herr Otto Lehmann

02.05.2016, 11:03 Uhr

Die Mineralölsteuer in Deutschland muss angehoben werden.

Herr Marc Otto

02.05.2016, 11:17 Uhr

ich glaube, die Russland Sanktionen sind eine Entwicklungshilfe dafür dass sich Russland vom Dollar abkoppelt. Wahrshceinlich unterstützt Deutschland die Russland-Saktionen deshalb so sehr,w eil es eine herrliche Möglichkeit ist, dem verhassten Ami mal so richtig eins rein zu würgen.

Soltle der dollar iwa nicht mehr die Leitwährung sein, wird die USA auf Ramsch-Niveau absinken (Spanien, Portugal, Mexico...).

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