Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.12.2015

16:16 Uhr

Ölschwemme und die Folgen

Opec beglückt Autofahrer mit Tiefstpreisen

VonRegine Palm

Die Opec, die Organisation Erdöl exportierender Staaten, hat den Autofahrern ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk beschert. An den Tankstellen sind die Preise unter Druck und rutschen immer weiter ab.

Die Dieselpreise sind in einer Woche um vier Cent durchschnittlich gefallen. dpa

Tankstelle in Hamburg

Die Dieselpreise sind in einer Woche um vier Cent durchschnittlich gefallen.

DüsseldorfSeit mehr als einem Jahr flutet das Ölkartell Opec die Weltmärkte mit Rohöl, um ihre Marktanteile gegen die amerikanischen Schieferölproduzenten zu verteidigen. Erst vor wenigen Tagen haben die Ölminister beschlossen, diese Taktik beizubehalten. Das hat den Ölpreis noch stärker unter Druck gebracht. Erstmals seit Anfang 2009 kostete das europäische Brentöl zeitweise weniger als 40 Dollar. Zum Vergleich: Noch Mitte 2014 mussten für ein Barrel (159 Liter) rund 115 Dollar bezahlt werden.

Zwar leiden unter diesem Preisrutsch die Kartellmitglieder selbst, doch reiben sich auf der anderen Seite die Autofahrer die Hände. Der Preis für einen Liter Super E10 sank laut ADAC binnen Wochenfrist um 3,2 Cent auf durchschnittlich 1,285 Euro. Noch deutlicher falle der Preisrückgang bei Diesel aus: Ein Liter kostet nach Angaben des Automobilclubs im bundesweiten Mittel nur noch 1,087 Euro, das ist ein Minus von 4,1 Cent in nur einer Woche.

Das Auf und Ab beim Ölpreis im Jahr 2015

Überangebot

Ein weltweites Überangebot bei schwächelnder Nachfrage setzen dem Ölpreis immer stärker zu. Noch im Juni 2014 kostete ein Barrel (Fass zu je 159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent 115,71 Dollar. Derzeit liegt der Preis mit rund 40 Dollar nicht einmal halb so hoch.

Die Gründe

Ein Grund für das Überangebot ist der Schieferölboom in den USA. Ein anderer ist die Förderpolitik der Opec, die anders als in früheren Jahren den Preis nicht durch die Senkung von Fördermengen stützen will. Sie kämpft stattdessen mit Rabatten um ihre Marktanteile.

7. Januar

Der Brent-Preis fällt zum ersten Mal seit Mai 2009 unter 50 Dollar je Fass.

13. Januar

Mit 45,19 Dollar erreicht Brent den niedrigsten Stand seit März 2009. Damit nähert er sich dem im Sog der Finanzkrise im Dezember 2008 erreichten Tief von 36,20 Dollar. Das war so wenig wie zuletzt im Juli 2004.

3. Februar

Spekulationen auf einen deutlichen Rückgang des Überangebots treiben den Preis für Brent wieder über 55 Dollar.

6. Mai

Export-Ausfälle in Libyen schüren Spekulationen auf einen Versorgungsengpass: Der Ölpreis steigt bis auf 69,63 Dollar.

3. Juli

Ein Bericht über den neuerlichen Anstieg von Ölbohrungen in den USA setzt den Preis wieder unter Druck: Brent fällt bis auf knapp 60 Dollar. Am darauffolgenden Montag, den 6. Juli, sinkt der Preis wieder klar unter die 60-Dollar-Marke.

3. August

Erstmals seit Januar rutscht Brent wieder unter die 50-Dollar-Marke. Auslöser ist ein Rekordanstieg der Ölproduktion der Opec-Länder im Juli.

24. August

Aus Sorgen vor einer deutlichen Abkühlung der chinesischen Wirtschaft machen Anleger einen großen Bogen um Öl. Brent verbilligt sich um bis zu 6,5 Prozent auf 42,51 Dollar. Damit kostet Brent so wenig wie zuletzt im März 2009, als der Preis einen Tiefstand von 41,30 Dollar erreichte.

8. Dezember

Nachdem die Opec am Freitag ihre Förderpolitik bestätigt hat und in der Abschlusserklärung nicht einmal mehr eine Zahl für die Obergrenze der Produktion auftaucht, gehen die Notierungen erneut in die Knie: Brent fällt auf bis zu 39,81 Dollar und ist damit so billig wie zuletzt im Februar 2009.

9. Dezember

Auch an den Zapfsäulen kommt der Kursverfall am Rohstoffmarkt langsam an: Bei mehreren Internet-Vergleichsportalen kratzt der Preis für ein Liter Diesel erstmals seit 2009 wieder an der Ein-Euro-Marke.

An einigen Tankstellen wurde sogar die Marke von einem Euro nach unten durchbrochen. Und ein schnelles Ende der Niedrigpreisphase ist noch nicht in Sicht. Schließlich zeige der Beschluss der Opec, die Ölfördermengen nicht zu reduzieren, dass weiter mit einer guten Versorgung des Marktes zu rechnen ist, so der ADAC. „Auch dies lässt eine zeitnahe deutliche Verteuerung unwahrscheinlich erscheinen.“

Ölpreis: Kleines Zwischenhoch

Ölpreis

Kleines Zwischenhoch

Nach dem Preisverfall am Dienstag haben sich die Ölpreise wieder leicht erholt. Für den Fall, dass der Preis unter eine bestimmte Marke fällt, drohen dem weltweiten Finanzsystem enorme Verwerfungen.

Den deutschen Autofahrern kommt dabei eine weitere Entwicklung zugute. Denn der Kurs des Euros hat gegenüber dem amerikanischen Dollar wieder deutlich aufgeholt. Noch vor einer Woche schien die Parität, also der Gleichstand von Euro und Dollar, in greifbare Nähe gerückt. Seither hat die europäische Gemeinschaftswährung mehr als fünf Cent gewonnen und tendiert gegen 1,10 Euro zur US-Währung.

Da Rohöl in Dollar gehandelt wird, verbilligt sich sein Preis für europäische Käufer und auch die Preise an den Tankstellen geraten unter Druck.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Tom Schmidt

09.12.2015, 16:41 Uhr

Man sollte sich in diesem Zusammenhang noch daran erinnern, dass derart niedrige Ölpreise die Wirtschaft ankurbeln. Stattdessen fabuliert Herr Draghi von der drohenden Deflation. Niemand erwartet noch stark sinkende Sprot-Preise und selbst wenn kann man den Kauf ja sowieso nicht aufschieben. Es werden zusätzlich unkonventionelle Maßnahmen der Zentralbank von ihm forciert. Selbst wenn der Ölpreis also über das nächste Jahr nur konstant bleibt, wird die Inflation wieder höher sein.

Zudem liest man inzwischen, dass ein niedriger Ölpreis das System schädigen kann (oder manche Länder), ein hoher auch, und dazwischen wahrscheinlich bestimmt auch. Irgendwie scheint das System instabil zu sein. Ich tanke also besser mal jetzt! ;-)

Herr Peter Noack

10.12.2015, 07:50 Uhr

Nicht nur die OPEC hat die Ölförderung nicht gesenkt. Die USA haben es der OPEC gleich getan. Tagesschwankungen von 8 oder 10 Prozent beim Ölpreis haben ausschließlich und ganz allein mit den schwankenden Tagesnachfragen nach Öl zu tun. Warum wachsen die Wirtschaften bei einen Drittelölpreis von 2008 so viel langsamer als damals?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×