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02.06.2016

17:20 Uhr

Opec-Konferenz

Die Ölquellen sprudeln weiter

VonHans-Peter Siebenhaar

Bei ihrem Treffen in Wien haben sich die 13 erdölexportierenden Länder nicht auf eine Deckelung der Ölfördermenge einigen können. Doch nach jahrelangem Stillstand konnten sie immerhin ein Ergebnis verkünden.

Am Ende konnte der Opec-Präsident Mohammed Bin Saleh Al-Sada (Mitte) keine Einigung zur Drosselung der Ölfördermenge verkünden. dpa

Opec-Treffen in Wien

Am Ende konnte der Opec-Präsident Mohammed Bin Saleh Al-Sada (Mitte) keine Einigung zur Drosselung der Ölfördermenge verkünden.

WienZu Beginn der Konferenz hatte sich eine Mauer von Mikrofonen und Kameras um den neuen saudischen Ölminister Khalid A. Al-Falih gebildet. Freundliche Augen hinter der randlosen Brille blicken in die Linsen der Reporter. Bei seinem ersten Auftritt vor der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) in Wien hatte sich der erfahrene Ölmanager aus Riad fast fröhlich gegeben.

Doch seine Worte klangen ernst: „Es geht um die langfristige Stabilität des Marktes“, hatte Al-Falih in die Mikrofone und Handys der rund zweihundert Journalisten und Analysten geflüstert, die kurz vor dem Beginn den Konferenzraum im ersten Stock des verwinkelten Opec-Gebäudes in der Wiener Innenstadt gestürmt waren.

Am Nachmittag dann die nächste Pressekonferenz: Die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) hat sich bei ihrem Treffen nicht auf eine feste Förderquote einigen können. Als Opec-Präsident Mohammed Bin Saleh Al-Sada versuchte, das Ergebnis der mehrstündigen Beratungen zu erklären, war der Öl-Minister Katars sichtlich nervös. Von einer Krise des 13 Länder umfassenden Öl-Kartells wollte er trotz der Uneinigkeit aber nichts wissen. „Wir hören uns gegenseitig zu und beraten uns gemeinsam“, beschwichtigte er. Der scheidende Generalsekretär Abdalla El-Badri sagte: „Ich habe schon viele Mal gehört, die Opec sei tot. Aber die Opec ist lebendig.“

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Ein Ergebnis gab es immerhin: Der Libyer El-Badri wird nach mehr als neun Jahren im August erwartungsgemäß vom Nigerianer Mohammed Barkindo abgelöst. Der Wechsel war längst überfällig. Doch die Opec-Mitglieder hatten sich in der Vergangenheit nicht einmal einstimmig auf einen neuen Generalsekretär einigen können. Barkindo ist ein erfahrener Ölmanager und Chef des staatseigenen Ölkonzerns in Nigeria. Er wurde nun für drei Jahre gewählt.

Teilnehmer berichteten, dass die Stimmung diesmal auf dem Opec-Treffen In Wien wesentlich besser gewesen sei als in den vergangenen eineinhalb Jahren war. Das dürfte vor allem am leicht gestiegenen Ölpreis liegen. „Es ist das erste Treffen, bei dem wir einen neuen Trend bei rund 50 Dollar gesehen haben“, sagte Opec-Präsident Mohammed Bin Saleh Al-Sada nach der Konferenz. „Ein fairer Preis ist eine Rückkehr zu Preisen, wo wir wieder vernünftig investieren können.“ Die Opec setzt auf eine weitere Preiserholung.


Die 13 Mitgliedsstaaten betonten gemeinsam ihr Interesse an einen „stabilen und ausbalancierten Ölmarkt“, dessen Preise für Produzenten und Konsumenten passend sein sollen. Mit Freude beobachtet die Opec, dass die Ölproduktion außerhalb des Kartells um 740.000 Barrel pro Tag in diesem Jahr zurückgehen wird. Das sind mehr als eine Millionen Barrel weniger als zu den Spitzenzeiten Anfang 2015. Gleichzeitig wächst die globale Ölnachfrage laut Opec um 1,2 Millionen Barrel pro Tag. Das Ölkartell sprach am Donnerstag von einer „relativ gesunden“ Nachfragewachstum trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen und Entwicklungen.

Nach der Bekanntgabe, dass sich die Opec auf keine feste Deckelung ihrer Produktion einigen konnte, kamen die Ölpreise allerdings unter Druck. Ein Barrel Brent-Öl kostetet zuletzt knapp 49 Dollar. Die nächste Opec-Konferenz findet Ende November in Wien statt.

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