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27.04.2015

15:41 Uhr

OPEC

Ölnationen entziehen Märkten Liquidität

Die fallenden Ölpreise machen nicht nur den Haushalten der ölreichen Staaten zu schaffen. Auch den internationalen Anleihenmärkten bereitet der Petrodollar-Schwund Probleme: Sie werden dadurch weniger liquide.

Wenn der Petrodollar nicht mehr fließt: Um Haushaltslöcher zu stopfen, müssen Staaten wie Saudi-Arabien, Omar oder Angola ihre Reserven verkaufen. Das wirkt sich auch auf internationale Anleihemärkte aus. dpa

Ölförderung in Saudi-Arabien

Wenn der Petrodollar nicht mehr fließt: Um Haushaltslöcher zu stopfen, müssen Staaten wie Saudi-Arabien, Omar oder Angola ihre Reserven verkaufen. Das wirkt sich auch auf internationale Anleihemärkte aus.

In den rauschenden Zeiten des Rohstoff-Booms schwammen ölreiche Staaten in Milliarden von Dollar an Reserven. Sie investierten sie in US-Anleihen und andere Wertpapiere und kauften gelegentlich begehrte Trophäen wie Wolkenkratzer in Manhattan, Luxushäuser in London oder den Fußballverein Paris Saint-Germain.

Das ging gut - solange das Öl sprudelte und teuer war. Doch inzwischen hat sich der Preis für das schwarze Gold auf etwa 63 Dollar je Barrel. Zeitweise hatte sich dieser fast halbiert. Den rohstoffreichen Staaten wie Saudi-Arabien bleibt nichts anderes übrig, als ihre „Petrodollar”-Reserven abzubauen. Einige Staaten wie Angola verbraten ihre Rücklagen sogar im Rekordtempo.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

Beginne der Ölförderung

Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen finden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 steigt der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt müssen damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fällt mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig ist.

Vollgas mit Benzin

Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 19. Jahrhunderts steigt die Öl-Nachfrage rasant; speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum Massenprodukt wird. 1929 fahren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen. Der Verbrauch liegt 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise bleiben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wird.

Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

In den 30er Jahren kommt die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hat. Während der Weltwirtschaftskrise verringert sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sinkt auf ein historisches Tief. 1931 müssen bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

Goldene Zeitalter des billigen Öls

Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hat, steigt der Preise für Öl wieder, bleibt aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

Erste Ölkrise

In den 70er und 80er Jahren kommt der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselt, um politischen Druck auszuüben, vervierfacht sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostet ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekommen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland bleiben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bilden sich Schlangen vor den Tankstellen.

Preisexplosion während des Golfkriegs

Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zieht der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wird dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodieren die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostet ein Barrel 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116 Dollar).

Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

Die 80er und 90er Jahre sind – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befinden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gibt es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sinkt die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 werden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt.

Ein rasanter Anstieg

Nach Überwindung der Krise wachsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgen nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 steigt der Ölpreis erstmals über 100 US-Dollar je Barrel, Mitte des Jahres sogar fast auf 150 Dollar. Ein Grund für den Preisanstieg war der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt. Die Finanzkrise ließ den Preis Ende 2008 allerdings wieder abstürzen.

Ölpreis heute

Ein weltweites Überangebot hält die Preise weiterhin auf niedrigem Niveau. Aktuell kostet ein Barrel Brent rund 30 US-Dollar.

Ein Problem der Ölstaaten? Mitnichten. Denn weil sie ihre Reserven aufbrauchen - um beispielsweise ihre einheimischen Haushalslöcher zu stopfen - , können die Staaten nicht mehr in großem Stil in europäische und US-amerikanische Schuldenpapiere investieren - und das wirkt sich auch auf die Anleihenmärkte der westlichen Staaten aus. Eine Quelle der Liquidität fällt weg. „Erstmals seit 20 Jahren werden die OPEC-Länder dem Markt Liquidität entziehen, anstatt sie über Investitionen hinzuzufügen”, sagt David Spegel, Experte für Schwellenmärkte bei BNP Paribas in London.

Saudi-Arabien ist ein Paradebeispiel für die Schnelligkeit und das Ausmaß des Ausverkaufs: die Devisenreserven des größten Ölproduzenten der Welt fielen im Februar um 20,2 Milliarden Dollar, was Daten der saudischen Zentralbank zufolge der stärkste Einbruch seit mindestens 15 Jahren war. Der Rückgang ist fast doppelt so hoch wie n der Finanzkrise 2009, als die Ölpreise nachgaben und Riad 11,6 Milliarden Dollar seiner Reserven innerhalb eines einzigen Monats abschmolz.

Die Zeit der teuren Rohstoffe scheint vorerst vorbei: Der Rohstoffindex des Internationalen Währungsfonds (IWF) - ein breiter Korb natürlicher Ressourcen von Eisenerz über Öl bis hin zu Bananen und Kupfer - erreichte im Januar den niedrigsten Stand seit Mitte 2009. Und obwohl sich der Index seither wieder etwas erholt hat, liegt er noch immer mehr als 40 Prozent unter dem Rekordhoch von Anfang 2011.

Betroffen sind die Staaten, die auf die Ausbeutung ihrer Ressourcen angewiesen sind - so zum Beispiel das Ölförderland Oman, das kupferreiche Chile und der Baumwollanbauer Burkina Faso. Die Reserven gehen schneller zurück als während des letzten Einbruchs der Rohstoffpreise in den Jahren 2008 und 2009.

Ohne Berücksichtigung des Iran, dessen Verkäufe Sanktionen unterliegen, werden die Mitglieder der Organisation Erdöl exportierender Länder in diesem Jahr 380 Milliarden Dollar an ihrem Öl verdienen, schätzen die USA. Das wären 350 Milliarden Dollar weniger als 2014, was den stärksten Rückgang innerhalb eines Jahres in der Geschichte wäre.

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