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02.06.2016

11:05 Uhr

Opec-Treffen

Achterbahnfahrt beim Ölpreis

VonMatthias Streit

Kurz vor dem Treffen des Ölkartells kommen Gerüchte über eine mögliche Förderbegrenzung des schwarzen Goldes wieder auf. Doch der Iran scheint erneut die Party zu verderben. Wie die Opec-Akteure stille Post spielen.

Investoren und Analysten hegen kaum Erwartungen an das Treffen des Ölkartells. Reuters

Opec-Hauptquartier in Wien

Investoren und Analysten hegen kaum Erwartungen an das Treffen des Ölkartells.

FrankfurtDie Opec trifft sich in Wien und da ist es schon wieder, das Thema Fördergrenze bei der Produktion des Rohöls. Auf gleich vier Opec-Quellen berief sich die Nachrichtenagentur Reuters am Mittwochabend. Das Ölkartell werde sich auf seinem Treffen in Wien diesem Thema widmen.

Für den Ölpreis war das eine gute Nachricht. Schmierte der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zuvor noch unter 49 Dollar ab, wirkte die Nachricht wie ein Befreiungsschlag. Bis zum Abend ging es erneut um einen Dollar nach oben. Zwischenzeitlich war gar die Rede von einer Opec-Fördergrenze knapp unter dem aktuellen Niveau von 33 Millionen Barrel am Tag.

Doch dann, als letzter der dreizehn Ölminister, traf am späten Abend der Iraner Bijan Namdar Zangeneh ein – und machte zugleich deutlich, was er von dem Treffen erwarte: Nichts. Eine Fördergrenze habe „keine Vorteile“ für sein Land. Zudem erklärte der Ölminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Suhail Mohamed Al Mazrouei, noch nichts von einer möglichen Deckelung gehört zu haben. Gerüchte hier, Dementi da – das Ganze mutet an wie ein Stille-Post-Spiel entscheidender Akteure am Ölmarkt.

Damit präsentiert sich das gleiche Bild wie in der jüngsten Vergangenheit: Spekulationen feuern die Erwartungen an, der Preis steigt, doch am Ende scheitert – offenbar erneut – eine Einigung an den unüberwindbaren Gräben zwischen Saudi-Arabien und dem Iran.

So mag die Opec ihre aktive preistreibende Macht als geeintes Kartell im Moment verspielen. Der Einfluss des Kartells, das immer noch für mehr als ein Drittel der weltweiten Produktion steht, bleibt an den Märkten jedoch bestehen. Am Donnerstagvormittag kostete ein Barrel Brent zeitweise wieder über 50 Dollar. Allein die Unsicherheit über das, was tatsächlich in Wien besprochen wird, ließ ihn kurz darauf wieder unter die Marke fallen.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Bereits im Vorfeld haben Investoren und Analysten die Erwartungen kräftig heruntergeschraubt, wie eine Handelsblatt-Umfrage ergeben hat. Keiner der Befragten rechnet mit einem Befreiungsschlag der Opec. So glaubt auch Michael Müller, Rohstoff-Fondsmanager bei Union Investment, nicht an eine Einigung über eine Förderbegrenzung. „Das liegt vor allem daran, dass die erdölproduzierenden Länder nicht mehr an einem Strang ziehen. Die OPEC-Staaten und Russland haben sich bereits zwei Mal getroffen, um die Fördermengen zu begrenzen, passiert ist aber nichts. Es ist daher schwer ersichtlich, warum das am Donnerstag in Wien anders sein sollte.“

Die amerikanische Großbank Citi schätzt jedoch, dass genau diese Nullerwartungen Preissprünge nach sich ziehen können. „Selbst ein schwaches und nicht durchsetzbares Abkommen über eine Fördergrenze wäre eine bullische Überraschung.“ Der Börsenjargon heißt im Klartext: Die Preise könnten dann plötzlich deutlich anziehen.

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Wie das aussehen kann, zeigte der Ausbruch der Preise über die 50-Dollar-Marke am Vormittag. Einer der Gründe könnte erneut die Hoffnung auf eine Einschränkung der Fördermengen gewesen sein. Zwar schließt Irans Ölminister Zanganeh eine formelle Deckelung vorerst aus. Das Land möchte zunächst seine Produktion auf vier Millionen Barrel erhöhen. Im April waren es bereits 3,5 Millionen. Doch immerhin zeigte sich der Iran gesprächsbereiter als noch beim letzten Treffen in Doha. Nach Wien kam Zanganeh mit einem eigenen Vorschlag: Die Opec solle seine Ölförderquoten für die einzelnen Mitgliedsstaaten wiederleben. Ohne sie wären auch Fördergrenzen sinnlos. Doch was davon am Ende des Treffens übrig bleibt, bleibt vorerst reine Spekulation.

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