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24.07.2017

14:14 Uhr

Opec-Treffen in St. Petersburg

Ölminister unter Zugzwang

VonMatthias Streit

Weniger Öl für höhere Preise: Dieser Formel will die Fördergemeinschaft Opec treu blieben. Doch weil die Umsetzung zuletzt zu wünschen übrig ließ, reist zum Kontrolltermin nach Russland sogar der saudische Ölminister an.

Das Ölkartell hat sein Kürzung mit zehn weiteren Nicht-Mitgliedsstaaten jüngst bis Ende März 2018 verlängert. Ursprünglich sollte schon im Juni dieses Jahres Schluss sein. Reuters

Logo der Opec

Das Ölkartell hat sein Kürzung mit zehn weiteren Nicht-Mitgliedsstaaten jüngst bis Ende März 2018 verlängert. Ursprünglich sollte schon im Juni dieses Jahres Schluss sein.

FrankfurtEin Routinetreffen, mehr sollte es eigentlich nicht werden. Ein netter Plausch im russischen St. Petersburg über den Wasser-, oder besser: Ölstand, in Sachen Förderkürzung, bei dem sich alle gegenseitig versichern, ihre Quoten einzuhalten. Kurz: alles auf Kurs. Ein paar Häppchen und ein Drink zum Abschluss, dann könnte jeder zurück nach Hause oder in den Urlaub reisen.

Treffen sollte sich eigentlich nur das Joint Ministerial Monitoring Committee (JMMC), jenes Gremium bestehend aus den drei Opec-Staaten Algerien, Kuwait und Venezuela sowie den Nicht-Opec-Staaten Russland und Oman, das die Umsetzung der Förderkürzung prüft. Aus dem Routinetreffen ist nun aber ein Notstandstreffen geworden, für das sogar der saudische Ölminister Khalid Al-Falih aus seinem Urlaub eingeflogen kommt. Grund dafür sei die plötzliche „strategische Bedeutung“ und die „hohen Erwartungen“ dieser Tage, erklärte Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo.

Einen Durchbruch bei den hat es bei dem Treffen zwar nicht gegeben, wohl aber einen Appell: „Einige Staaten hinken bei der Umsetzung hinterher“, mahnte Al-Falih. Dies sei ein „Sorge, die wir direkt angehen müssen“. Um die Märkte nicht nur vom guten Willen sondern auch von den Taten der Opec zu überzeugen, sollen nun auch die Exporte, nicht mehr nur die Produktionszahlen überwacht werden. Bereits im Januar wurde über diese Möglichkeit debattiert, bislang aber nicht umgesetzt.

Fragen und Antworten zur Entwicklung des Ölpreises

Warum fallen die Preise, obwohl die Opec weniger fördert?

Im Vorfeld der Entscheidung der Opec und ihrer Partnerländer wie Russland waren die Anleger schon auf die Verlängerung der seit Januar geltenden Förderbremse bis März 2018 vorbereitet worden. Einige hatten aber auf eine deutlichere Verlängerung und stärkere Kürzungen spekuliert.

Was bezweckt die Opec mit der niedrigeren Förderung?

Das Kartell und seine Partner, darunter Russland, wollen das Überangebot auf dem Weltmarkt schmälern und damit die Preise stützen. Erklärtes Ziel ist es, die Ölvorräte von einem aktuellen Rekordhoch von drei Milliarden Fässern auf 2,7 Milliarden Fässer zu senken - dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Das für die Finanzmärkte richtungsweisende Nordseeöl Brent kostet derzeit gut 50 Dollar - im Sommer 2014 war der Preis mit 115 Dollar noch mehr als doppelt so hoch.

Wie wird sich der Preis jetzt entwickeln?

Das hängt davon ab, wie viel Öl tatsächlich vom Weltmarkt verschwindet. Und genau das ist der Haken. Die US-Ölindustrie dürfte in die Bresche springen und die Lücke schließen, die durch den Opec-Beschluss von Donnerstag entsteht.

Gibt es besondere Preis-Marken?

Ja. Umkämpft ist fast jede runde Marke - auch aus psychologischen Gründen. Doch in der Vergangenheit waren stets zwei Preis-Marken wichtig: die 30-Dollar-Marke und die 50-Dollar-Marke. Die erstere wurde Anfang 2016 erstmals seit 2003 wieder unterschritten, was letztlich die Opec auf den Plan rief. Nachdem das Kartell im November erstmals wieder eine Förderkürzung beschloss, kletterte der Preis wieder über 50 Dollar und hat sich seither mehr oder weniger darüber behauptet.

Welche Rolle spielen die US-Ölkonzerne

Die USA machen bei der Förderkürzung nicht mit - dürften sie aus rechtlichen Gründe vermutlich auch gar nicht. In den USA ist die Ölindustrie zudem nicht staatlich organisiert wie in vielen anderen Förderländern. Von Texas bis in die Dakotas feiert das Fracking seit Mitte 2016 ein Comeback. Die US-Ölindustrie pumpt derzeit wieder so viel Öl an die Oberfläche, wie vor einigen Jahren, als die Ölschwemme erstmals die Preise ins Rutschen brachte.

Ist Fracking nicht ein sehr kostspieliges Verfahren?

Ja und nein. Denn während des Preisverfalls der vergangenen beiden Jahre hat die Branche nicht geschlafen. In Texas und anderen US-Regionen sind die Förderkosten inzwischen teilweise so niedrig wie in Nahost. Der technische Fortschritt macht Fracking wieder profitabel. Machten US-Firmen vor einigen Jahren erst ab einem Ölpreis von 60 Dollar Profit, reichen ihnen inzwischen schon 30 Dollar.

Was macht die Opec denn jetzt?

Bis März 2018 kürzt die Opec die Produktion um 1,8 Millionen Barrel täglich. Am 30. November kommen die Mitglieder erneut in Wien zusammen, um die Lage zu beraten. Außerdem wollen sie enger mit den Nicht-Opec-Partnern – sprich Russland – zusammenarbeiten. Saudi-Arabien will zudem seine Exporte in die USA verringern. Doch das ist nicht ohne Risko: Die Opec-Länder und Russland drohen Marktanteile an die US-Ölkonzerne zu verlieren.

Wer sind die größten Ölförderer der Welt?

Die Opec steht für rund ein Drittel des weltweiten Rohöl-Angebots. Neben dem Kartell-Mitglied Saudi-Arabien sind Russland und die USA mit großem Abstand und einer Förderung von je etwa neun bis zehn Millionen Fässern Öl am Tag die größten Ölproduzenten der Welt.

Welche Folgen hätte ein neuerlicher Ölpreisverfall für die Weltwirtschaft?

Wenn der wichtigste Schmierstoff für die Produktion nicht viel kostet, ist das generell gut für die Konjunktur und den Geldbeutel des Verbrauchers, der beim Benzin spart. Aber es gibt auch Kehrseiten - beispielsweise für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn sie kämpft seit Jahren gegen eine zu geringe Inflation, was auf Dauer für die Konjunktur schädlich ist. Erwarten Verbraucher und Firmen fallende Preise, halten sie sich mit Käufen und Investitionen zurück. Der niedrige Ölpreis dämpft zudem in einigen Förderländern die wirtschaftliche Dynamik. Vielerorts werden Investitionen zurückgestellt.

Investoren und Anleger hatten sich eigentlich erhofft, dass das Komitee über Produktionsobergrenzen für die beiden von der Kürzung ausgenommenen Staaten Libyen und Nigeria. Bereits in einem Vorgespräch des Treffens am Sonntag hätte sich die Delegation bereits über die Lage von Libyen und Nigeria sowie die „Aussichten und Herausforderungen“, die vor dem Kartell liegen mögen, ausgetauscht, wie die Opec in einer Mitteilung erklärt.

Zwar zeigten sich sowohl Nigeria als auch Libyen zuletzt gewillt, ihren Teil zur Stabilität des Ölmarktes beizutragen, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen: Nigeria wolle Bloomberg zufolge seine Produktion zunächst bei 1,8 Millionen Barrel pro Tag stabilisieren. Der Chef des staatlichen libyschen Ölkonzerns NOC, Mustafa Sanallah, peilt bis Jahresende an, schon 1,25 Millionen Barrel pro Tag zu fördern. Beides zusammen ergäbe ein Plus von fast einer Million Fass im Jahresvergleich – und würde allein die Kürzungen zu vier Fünfteln nichtig machen.

Dass ein entsprechender Beschluss fehlt, scheint den Investoren wenig auszumachen: Nach anfänglichen Verlusten legt der Ölpreis nun wieder zu. Am Nachmittag notiert er knapp ein halbes Prozent höher bei 48,33 Dollar je Barrel der Nordseesorte Brent.

Zuletzt hatte es immer wieder Zweifel gegeben, ob das Ölkartell auch weiterhin die Disziplin aufbringen könne, um die Kürzungen bis Ende März 2018 durchzuhalten. Die Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) hat sich gemeinsam mit zehn weiteren Nicht-Opec-Staaten verpflichtet, täglich 1,8 Millionen Barrel Öl weniger zu fördern. Das entspricht zwar nur rund zwei Prozent der gesamten Fördermenge. Es soll aber reichen, um das jahrelang bestehende Überangebot zu eliminieren und die hohen Lagerbestände in der Welt abzubauen.

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