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21.04.2016

10:55 Uhr

Opec und das liebe Öl

Wann einigen sich die Förderstaaten?

VonMatthias Streit

Kaum sind die Gespräche des Ölkartells in Doha gescheitert, überbieten sich dessen Mitglieder wieder mit neuen Versprechen zu einer Förderkürzung. Der Ölmarkt wird von Spekulationen getrieben – und von hehren Worten.

Das südamerikanische Land sehnt sich nach steigenden Preisen. Der Staat bräuchte einen Preis von etwa 110 Dollar, um sein Haushaltsdefizit auszugleichen. dpa

Ölraffinerie in Venezuela

Das südamerikanische Land sehnt sich nach steigenden Preisen. Der Staat bräuchte einen Preis von etwa 110 Dollar, um sein Haushaltsdefizit auszugleichen.

Frankfurt am MainNach Venezuela und Russland steigt jetzt auch der Irak in die Rhetorik der Ölförderländer ein. Dessen stellvertretender Ölminister, Fayyad Al-Nima, kündigte an, dass sich bedeutende Opec-Mitglieder mit weiteren Ölförderländern möglicherweise schon im Mai in Russland treffen wollen. Thema: Begrenzung der Produktion. Auch die Opec kündigte heute an, sich im Juni zu diesem Thema treffen zu wollen.

Kommt Ihnen bekannt vor? Natürlich! Gleich nach dem Scheitern der jüngsten Gespräche in Doha am vergangenen Sonntag hatte Russland weitere Gespräche mit Saudi-Arabien angekündigt. Doch so aussichtslos diese Versprechen zuletzt erschienen, so erfolgreich wirkten sie am Markt: Kaum wurde die Aussage Al-Nimas am Mittwochabend publik, kletterte der Ölpreis um vier Prozent. Am Donnerstag liegen die Preise etwa auf Vortagesniveau. Ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent zur Lieferung im Juni kostete zuletzt 45,74 Dollar, ein Fass des Leichtöls WTI 44,19 Dollar. Das sind Preise, die zuletzt am 26. November aufgerufen wurden.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Der Preisanstieg verwundert schon, wenn man sich das Angebot am Markt anschaut. So haben die Ölarbeiter in Kuwait am Mittwochabend ihren viertägigen Streik beendet. Deren Ausstand sorgte für eine Verknappung, die das weltweite Angebot-Nachfrage-Verhältnis zumindest für kurze Zeit nahezu in eine Balance versetzte. Nun aber soll die Förderung Kuwaits bald wieder 2,8 Millionen Barrel täglich erreichen – womit das Überangebot weltweit erneut bei etwa 1,5 Millionen Barrel liegen dürfte. Und das obwohl die tägliche Produktion in den USA seit Anfang des Jahres um 280.000 Barrel gefallen ist.

Dennoch sehnen sich Ölexporteure nach höheren Preisen, nicht zuletzt um ihre Defizite im Haushalt zu begrenzen. Nach Berechnungen der Deutschen Bank benötigt Russland aktuell einen Preis von über 80 Dollar je Barrel, für Bahrain und Venezuela müssten es zwischen 110 und 120 Dollar sein. Der Irak bräuchte nach IWF-Schätzungen etwa 65 Dollar.

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