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17.08.2012

19:04 Uhr

Preisanstieg

O'zapft is – Politiker wollen an die Ölreserven

Die hohen Benzinpriese befeuern die Debatte über ein Anzapfen der strategischen Öl-Notreserven, um den Preis zu drücken. Die Internationale Energiebehörde sieht „keinen Grund für eine Freigabe“, so deren Chefin.

Autofahrer müssen derzeit tief in die Tasche greifen: Tanken wird immer teurer. dpa

Autofahrer müssen derzeit tief in die Tasche greifen: Tanken wird immer teurer.

Washington/Paris/London/BerlinGroße westliche Industrieländer wie die USA und Frankreich erwägen im Kampf gegen rekordhohe Benzinpreise ein Anzapfen der strategischen Ölreserven. Aus Kreisen in Washington und Paris sowie im britischen Energieministerium hieß es am Freitag, der Anstieg des Ölpreises um rund ein Drittel binnen zwei Monaten sei Grund zur Sorge. Man stehe daher bereit, im Fall der Fälle zu handeln. Die Bundesregierung wollte sich nicht äußern.

An den Ölmärkten sorgte die Nachricht für fallende Preise, obwohl aus Asien Stimmen kamen, die eine Freigabe der Reserven eher ausschlossen. Allerdings machten Händler für den Rückgang der Preise auch Aussagen aus Israel verantwortlich, im Atomstreit mit dem Iran bei einem militärischen Vorgehen nicht allein vorgehen zu wollen. Die Sorge vor einer Zuspitzung der Lage in Nahost war zuletzt einer der Preis-Treiber.

Deutschlands Ölreserven

Wie groß sind die deutschen Ölreserven?

Insgesamt 21 Millionen Tonnen. Davon sind zehn Millionen fertige Produkte wie Benzin, Diesel und Heizöl. Der Rest ist Rohöl. Die Menge reicht aus, um Deutschland im Falle eines kompletten Lieferausfalls für mindestens 90 Tage zu versorgen. Zuständig für die Verwaltung ist der Erdölbevorratungsverband. Die Körperschaft des öffentlichen Rechts ist dem Wirtschaftsministerium unterstellt.

Wo werden die Reserven gelagert?

Benzin und die anderen fertigen Produkte werden an 160 Standorten gelagert, die über ganz Deutschland verteilt sind. Der Erdölbevorratungsverband hat dazu Tanklager der großen Mineralölkonzerne angemietet. Das Rohöl wird in unterirdischen Hohlräumen gelagert, meist ehemaligen Salzstöcken. 60 Prozent gehören dem Verband, der Rest ist ebenfalls angemietet.

Wer finanziert den Erdölbevorratungsverband?

Die rund 120 Mitglieder. Raffinerien und Ölhändler müssen eine Zwangsabgabe zahlen, mit denen sich der Verband mit seinen 70 Mitarbeitern an den Standorten Hamburg und Bremerhaven finanziert. Das meiste Geld stammt von großen Raffineriebetreibern wie BP, Shell und Esso.

Wie wird das Öl auf den Markt geworfen?

Der Verband bietet das Öl zunächst seinen Mitgliedern an, die ein Vorkaufsrecht genießen. Was von ihnen nicht abgenommen wird, landet auf dem freien Markt. Die jetzt freigegebenen 4,2 Millionen Barrel werden in vier Tranchen angeboten. Der Preis orientiert sich an den jeweiligen Weltmarktpreisen.

Wird der Verkauf zum Verlustgeschäft?

Nein. Der Verband hat seit seiner Gründung 1978 - damals in Reaktion auf die zweite Ölkrise - viele Jahre Gelegenheit gehabt, sich zu günstigen Konditionen am Markt einzudecken. Ende der 90er Jahre war ein Barrel zeitweise für weniger als zehn Dollar zu haben, heute wird dafür das Zehnfache verlangt.

Wie oft wurden die Reserven schon angezapft?

Die Premiere gab es 1990, als nach dem Angriff des Irak auf das erdölreiche Kuwait die Sorge vor Lieferengpässen umging. Es dauerte 15 Jahre, ehe zum zweiten Mal auf die Reserven zurückgegriffen wurde. 2005 sorgte der Hurrikan Katrina im Golf von Mexiko dafür, dass die dortige Ölproduktion zum Erliegen kam. 500.000 Tonnen bot Deutschland damals an, um Engpässen vorzubeugen. Zuletzt wurden Ölreserven 2011 wegen des Libyenkrieges und der ausfallenden Ölproduktion des Landes freigegeben.

Die US-Regierung hole derzeit alte Pläne wieder aus der Schublade, erfuhr Reuters aus mit der Sache vertrauten Kreisen. Schon im Frühjahr hatte es entsprechende Überlegungen bei Präsident Barack Obama gegeben. Damals war Öl mit 125 Dollar pro Fass (159 Liter) für Brent-Öl aus Europa und 105 Dollar für die US-Sorte WTI sogar noch zehn Dollar teurer als derzeit.

In Kreisen der südkoreanischen Regierung hieß es daher am Freitag auch, man gehe angesichts der damals noch höheren Preise nicht davon aus, dass die Mitglieder der Internationalen Energie Agentur (IEA) derzeit einer Freigabe der Not-Reserve zustimmen würden. Schließlich sei es dazu ja bereits im Frühjahr nicht gekommen. Auch in Tokio war man skeptisch. Die Reserven gebe es für den Fall von Problemen bei der Öl-Versorgung, hieß es in Regierungskreisen. Solche Probleme gebe es derzeit aber nicht. Die IEA berät die Länder und koordiniert eine mögliche Freigabe.

Sechs Fakten über die Rohstoffmärkte

Viel Verbrauch...

Die Weltbevölkerung wächst und wächst. Prognosen gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2100 mehr als zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben werden.

...und wenig Angebot

Rohstoffe wie Öl und Gold sind nicht endlos, dementsprechend teuer werden sie, wenn das Angebot sich verknappt.

13 Prozent

beträgt aktuell Chinas Anteil an der Weltwirtschaft. Die rohstoffhungrige Volksrepublik ist auf dem besten Wege die größte Handelsnation der Welt zu werden.

40 Prozent

der weltweiten Kupfer-, Zink- und Aluminiumproduktion verbrauchen die Chinesen.

30 Prozent mehr

als vor drei Jahren kosten nach Angaben des Food Price Index der Uno unsere Nahrungsmittel weltweit im Durchschnitt.

465 Prozent Gesamtrendite

konnten Anleger mit Aktien auf Goldminen seit 2002 einfahren.

Für Autofahrer - und damit auch die Wirtschaft - ist die Lage aber nahezu gleich: sie müssen so tief wie nie zuvor in die Tasche greifen. Dem ADAC zufolge lag der Preis etwa für ein Liter Super E10 mit rund 1,67 Euro nicht einmal mehr ein Cent unter Allzeitrekord. Binnen einer Woche betrug der Anstieg fünf Cent. Auch in den USA ist das Benzin weiter relativ teuer. Und dass die Amerikaner das gar nicht mögen, weiß auch der in drei Monaten zur Wiederwahl stehende Präsident Obama.

Kommentare (22)

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Numismatiker

17.08.2012, 15:23 Uhr

Opium für's Volk

Account gelöscht!

17.08.2012, 15:31 Uhr

Wenn das Geld weltweit eben inflationiert, merkt man das eben an den Rohstoffen. Siehe Gold, Silber, Öl,...

br73

17.08.2012, 16:06 Uhr

So wie in Deutschland Auto gerast wird, verbraucht der Durchschnittsdeutsche real wahrscheinlich über 8 Liter im Schnitt. So lange dieser Wert nicht durch vernünftige Fahrweise auf 5 Liter sinkt, braucht sich wirklich niemand über die Spritpreise aufzuregen. An die strategischen Reserven zu gehen, um das Autofahrer Dummvolk zu befriedigen halte ich schon für fast kriminell.

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