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17.02.2011

09:01 Uhr

Preise ziehen an

Öl-Investoren schauen gebannt nach Libyen und Iran

VonRalf Drescher

Schon die Unruhen in Ägypten haben den Ölpreis steigen lassen. Nun erreicht der politische Sturm bedeutende Ölstaaten wie Iran und Libyen. Die Ölpreise ziehen weiter an. Doch ausgerechnet die Spekulanten zögern.

Ölanlage in Libyen. Das Land produziert täglich 1,6 Millionen Barrel Öl. Quelle: ap

Ölanlage in Libyen. Das Land produziert täglich 1,6 Millionen Barrel Öl.

DüsseldorfDie politische Lage in Nordafrika und am Persischen Golf sorgt am Ölmarkt weiter für Nervosität. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im April kostete am Vormittag 103,24 Dollar, nachdem der Preis zuvor bis auf 104,30 Dollar gestiegen war. Es war der höchste Stand seit zweieinhalb Jahren. Der Preis für ein Fass der US-Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) zur Lieferung im März stieg um einen Cent auf 85,00 Dollar.

Bereits in den vergangenen Wochen hatten die Ölpreise wegen der Unruhen in Tunesien und Ägypten angezogen. Dabei ist Tunesien als Produzent unbedeutend und Ägypten ist nur insofern relevant, dass viele Öllieferungen durch den Suez-Kanal laufen. Im Notfall gibt es Experten zufolge aber Ersatzrouten, sodass die Versorgung nicht wirklich gefährdet sein dürfte.

Mit Bahrain und Algerien, vor allem aber Libyen und Iran sind inzwischen jedoch auch Staaten mit sehr großem Gewicht am Ölmarkt von dem politischen Sturm betroffen. Allein Iran produziert am Tag 3,7 Millionen Barrel Öl, Libyen kommt auf eine Tagesproduktion von 1,6 Millionen Barrel, in Algerien sind es 1,3 Millionen. Zusammen kommen sie damit auf knapp acht Prozent der globalen Ölförderung von 85 Millionen Barrel am Tag.

"Die politischen Unruhen sind im Moment ein Riesenthema, das alles andere in den Schatten stellt", sagt Eugen Weinberg, Leiter der Rohstoffanalyse bei der Commerzbank. "Die Preise reagieren sehr sensibel auf Angebotsveränderungen. Ein Ausfall von ein oder zwei Barrel kann leicht einen Preissprung von fünf bis zehn Dollar auslösen", erklärt er.

Vor diesem Hintergrund hält Weinberg die aktuelle Reaktion des Ölpreises sogar für sehr gering: "Brent lag bereits im Dezember bei 95 Dollar, der Anstieg seither ist eher moderat. Wir hatten früher schon wesentlich höhere Ausschläge bei weitaus weniger dramatischen Nachrichten." Der Commerzbank-Analyst wertet dies als Indiz dafür, dass die Ölpreise vor Ausbruch der Unruhen in Afrika und im Nahen Osten aus fundamentaler Sicht deutlich überbewertet war. Dafür spreche auch die sehr zögerliche Haltung von Spekulanten am Ölmarkt, die nicht auf stark steigende Preise wetteten. "Die Frage ist, für wie wahrscheinlich der Markt einen Umsturz in Libyen oder im Iran hält. Und dem scheint bisher eine sehr niedrige Wahrscheinlichkeit beigemessen zu werden", vermutet Weinberg.

Zu spüren ist die Zurückhaltung der Investoren im Moment vor allem beim amerikanischen Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI). Dessen Preis liegt mit 85 Dollar weit unter den Höchstständen von mehr als 90 Dollar im Januar. Zurückzuführen ist dies auf hohe Lagerbestände in den USA, aber auch auf eine Flucht von Investoren aus WTI in Brent. Weil kurz laufende Terminkontrakte auf das amerikanische Öl derzeit deutlich günstiger sind als die längerfristigen, drohen Investoren beim Wechsel von einem Kontrakt in den nächsten hohe Verluste. Diese Konstellation, die Fachleute als "Contango" bezeichnen, schreckt viele Anleger ab.

Nach Meinung von Commerzbank-Analyst Weinberg wird sich die Lage am Ölmarkt in den kommenden Monaten aber wieder beruhigen - sowohl mit Blick auf die enorme Preisdifferenz zwischen den beiden Ölsorten als auch hinsichtlich des Preisniveaus insgesamt. "Sofern sich die politischen Unruhen nicht zu einem Flächenbrand ausweiten oder die Konjunktur in den Industriestaaten noch deutlich stärker wächst als erwartet, dürften die Ölpreise im zweiten Halbjahr zurückgehen", erwartet Weinberg. Zum Jahresende rechnet er mit Preisen von rund 85 bis 86 Dollar, jedoch dürfte Brent etwas teuerer bleiben als WTI.

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