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18.10.2011

12:06 Uhr

Rohstoff-Kasino

Wie Banken mit Nahrungsmitteln zocken

Foodwatch greift die Deutsche Bank frontal an. Die Banker seien mit ihrer "Zockerei" schuld daran, dass Millionen Menschen hungern, schimpft die Verbraucherorganisation. Sie fordert: Rohstofffonds gehören verboten.

Weizenähren auf einem Feld bei Stuttgart: Die Verbraucherorganisation Foodwatch fordert ein Verbot von Rohstofffonds und Zertifikaten. dpa

Weizenähren auf einem Feld bei Stuttgart: Die Verbraucherorganisation Foodwatch fordert ein Verbot von Rohstofffonds und Zertifikaten.

Berlin/Frankfurt/DüsseldorfDie Botschaft des Briefes ist eindeutig: "Sehr geehrter Herr Ackermann, die Investmentbanken und damit auch Sie persönlich tragen Mitschuld daran, dass die Menschen in den ärmsten Ländern Hunger leiden und am Hunger sterben", schreibt Thilo Bode an Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. "Sie schädigen mit Spekulationen auf die Nahrungsmittelpreise das globale Gemeinwohl."

Bode ist Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation Foodwatch. Er präsentiert heute eine Studie, deren Inhalt dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. "Die Hungermacher - Wie Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren" heißt die knapp 90 Seiten starke Anklageschrift gegen die Finanzbranche.

Sechs Fakten über die Rohstoffmärkte

Viel Verbrauch...

Die Weltbevölkerung wächst und wächst. Prognosen gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2100 mehr als zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben werden.

...und wenig Angebot

Rohstoffe wie Öl und Gold sind nicht endlos, dementsprechend teuer werden sie, wenn das Angebot sich verknappt.

13 Prozent

beträgt aktuell Chinas Anteil an der Weltwirtschaft. Die rohstoffhungrige Volksrepublik ist auf dem besten Wege die größte Handelsnation der Welt zu werden.

40 Prozent

der weltweiten Kupfer-, Zink- und Aluminiumproduktion verbrauchen die Chinesen.

30 Prozent mehr

als vor drei Jahren kosten nach Angaben des Food Price Index der Uno unsere Nahrungsmittel weltweit im Durchschnitt.

465 Prozent Gesamtrendite

konnten Anleger mit Aktien auf Goldminen seit 2002 einfahren.

"Die unverantwortliche Zockerei im globalen Rohstoff-Kasino muss durch klare Spielregeln eingedämmt werden", sagt Ex-Greenpeace-Chef Bode. Foodwatch forderte ein Verbot von Rohstofffonds und Zertifikaten auf Rohstoffe. Die Banken rief die Organisation zum Verzicht auf Spekulationen mit Nahrungsmitteln auf.

Die Wut auf die Finanzkonzerne wächst, nicht zuletzt wegen ihrer Wetten auf den Rohstoffmärkten. Bundespräsident Christian Wulff sagte kürzlich, die hohen Preisschwankungen, ausgelöst von Spekulanten, führten dazu, dass viele Menschen in der Welt Hunger litten. Klaus Josef Lutz, Vorstandschef beim Agrarkonzern Baywa, meint, dass der Einfluss der Banken und Fonds auf die Preise mittlerweile sehr groß sei, sehr viel größer als noch in früheren Jahren: "Der Markt ist unberechenbar geworden."

Rohstoff-Spekulation: „Der Markt ist unberechenbar geworden“

Rohstoff-Spekulation

„Der Markt ist unberechenbar geworden“

Das Handelsblatt sprach mit Baywa-Chef Klaus Josef Lutz über die neue Macht der Rohstoffspekulanten - und warum die alten Regeln nicht mehr gelten.

Global operierende Banken und große Fonds haben das Rohstoffmonopoly längst als lukratives Spielfeld entdeckt und bewegen sehr viel Geld, egal ob es um Schweinbäuche, Mais oder Sojabohnen geht.

Bis Ende März dieses Jahres hatten Spekulanten den Experten des britischen Finanzkonzerns Barclays zufolge mehr als 400 Milliarden Dollar in Wertpapiere investiert, mit denen sie auf steigende Preise am Rohstoffmarkt spekulierten. Etwa ein Drittel dieser Summe floss in Anlagen für Agrarrohstoffe; und diese Summe steige monatlich um fünf bis zehn Milliarden Dollar an, schreiben die Barclays-Analysten. An der Rohstoffbörse in Chicago beispielsweise wurden allein im Mai rund 350 Millionen Tonnen Weizen virtuell gehandelt. Das ist mehr als die Hälfte der weltweiten Weizenproduktion dieses Jahres. Die Folge: Die Spekulanten treiben die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe. In den vergangenen zehn Jahren ist der Preis für Reis um 315 Prozent und der für Mais um 215 Prozent gestiegen; Sojabohnen haben sich um 192 Prozent verteuert.

Kommentare (22)

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Naechstenliebe

18.10.2011, 09:55 Uhr

Alles im Namen des Kunden? Von welchen Kapitalverbrechern reden wir eigentlich? Aktionäre der Banken, die sich das ins Portfolio holen, was die meiste Rendite bringt, oder? Mechanismen eines Marktes, der längst überdeutlich, selbst dem naivsten Anleger, zeigt: alles geschieht nur, damit ich meine Zinsen/Rendite sichern kann. Mal von der üppigen Bezahlung der Bankvorstände abgesehen, jeder der an diesem Geldsystem profitiert ist Mitschuld! Das sollte sich auch der "kleine" Bezieher von Versicherungsleistungen klar machen. Und der Zwang mitzumachen wird immer stärker - vor dem ständig wachsenden Zinsdruck gibt es kein Entkommen! Solange bis das Elend ringsumher apokalyptische Ausmaße annimmt. Aber solange wir es nur durch die Mattscheibe sehen ist ja alles noch ok!

Account gelöscht!

18.10.2011, 10:56 Uhr

Obwohl der Artikel im Kern richtig ist, vermisse ich beim Handelsblatt immer öfter die Objektivität. Natürlich spekulieren Banken und Investmentgesellschaften zurzeit massiv auf steigende Rohstoffpreise oder treiben sie durch ihre Käufe noch zusätzlich in die Höhe.

Zu der objektiven Berichterstattung würde für mich aber gehören, endlich mal die Gleichung Spekulanten=Banken zu korrigieren. Hier ist nämlich Spekulanten=Jeder einzelne von uns, der über seine Hausbank Rohstofffonds erwirbt, weil man damit ja mehr Rendite bekommt als auf dem Tagesgeld.

Bevor also die moralische Entrüstung des "gemeinen Bürgers" hier einsetzt, sollte man sich zunächst fragen, ob man nicht ein Teil dieser Doppelmoral ist!

Nur wieder die Banken zu verteufeln weils ja populär ist, ist für eine Zeitung wie das Handelsblatt ziemlich low.

Account gelöscht!

18.10.2011, 11:34 Uhr

Steigen die Preise, sind es die Spekulanten, fallen die Preise, sind es die Spekulanten, verdammt, ich kann das nicht mehr verstehen. Was ist nun richtig?

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