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25.02.2017

09:22 Uhr

Rohstoffe

Das Jahr des Kobalts

VonMatthias Streit, Hans-Peter Siebenhaar

Seit November hat das Metall seinen Wert um mehr als 50 Prozent gesteigert. Dank steigender Nachfrage nach Batterien für Elektroautos lockt eine strahlende Zukunft. Ein Ende der Preissprünge ist noch nicht in Sicht.

Das Land besitzt die Hälfte aller Kobalt-Reserven der Welt. AP

Arbeiter einer Kobalt-Mine in der Demokratischen Republik Kongo

Das Land besitzt die Hälfte aller Kobalt-Reserven der Welt.

Frankfurt, WienDie Chinesen wollen es, die Amerikaner wollen es, die Schweizer wollen es und jetzt horten es auch die Hedgefonds: Kobalt. In Erwartung auf höhere Preise haben eine ganze Reihe von Investoren insgesamt 6.000 Tonnen des Rohstoffes zusammengekauft, berichtet die Financial Times. Darunter seien etwa die Schweizer Pala Investments oder Shanghai Chaos aus China.

6.000 Tonnen mögen auf den ersten Blick wenig erscheinen. Doch die Menge entspricht immerhin rund fünf Prozent der Weltproduktion im vergangenen Jahr. Warum die Hedgefonds sich mit dem weitgehend unbekannten Metall eindecken? Sie spekulieren auf rasante Preissteigerungen. Tatsächlich scheinen die Chancen gut: 2017 könnte das Jahr des Kobalts werden, urteilt die australische Bank Macquarie.

Grund dafür ist der Elektroauto-Trend. Kobalt wird für die in den E-Autos eingebauten Batterien gebraucht. Spekulanten erwarten eine Preisexplosion sollte Elon Musk seine ehrgeizigen Pläne mit dem amerikanischen E-Auto-Hersteller Tesla wahr machen. Erst im Januar hatte er seine „Gigafactory“ getaufte Batterie-Produktion in Nevada aufgenommen. Hinzu kommt der große Appetit der bereits etablierten Autokonzerne wie Volkswagen und General Motors, die künftig verstärkt auf Elektromobilität setzen.

Wie und wo die Preise für Ressourcen entstehen

Welche sind die wichtigsten Handelsplätze?

Das Herz der globalen Rohstoffmärkte schlägt in London, Paris und Chicago. Hier läuft ein großer Teil des Handels mit denjenigen natürlichen Ressourcen ab, die für die Ernährung und Energieversorgung von Milliarden Menschen sowie Herstellung zahlloser Produkte unentbehrlich sind. Den sogenannten Termingeschäften schlägt jedoch regelmäßig auch viel Kritik entgegen.

Wie funktionieren Termingeschäfte?

Wir sind es meist gewohnt, nach Kauf oder Bestellung eines Produkts direkt zu zahlen. An den Finanzmärkten ist das oft nicht so. Hier gibt es neben sofort ausgeführten Geschäften („Spot“/„Kassa“) auch viele Deals, bei denen die Abwicklung in der Zukunft liegt - aber zu schon heute vereinbarten Konditionen. Käufer und Verkäufer einigen sich dann auf eine Umsetzung per Termin („Future“). Ein Stahlkonzern kann etwa Monate im Voraus Eisenerz ordern und weiß genau, was ihn das später kostet.

Warum sind solche Geschäfte wichtig?

Generell soll der Terminhandel die Märkte stabilisieren. Im Einkauf großer Öl-, Rohstoff- oder Chemiekonzerne ist eine langfristige Planung ohne teilweise abgesicherte Preise und Mengen nicht denkbar. Grundsätzlich gilt: Wenn die für einen späteren Zeitpunkt erwarteten Preise von den aktuellen abweichen, kann es sich lohnen, auf künftige Preise zu spekulieren. Ziel ist es, beim Liefertermin keinen Verlust zu machen, falls das Preisniveau in der Zwischenzeit in den Keller geht.

Wo gibt es Terminmärkte?

Bekannte Beispiele sind der Handel mit Metallen, Kohle oder Erdöl. Dafür gibt es Börsen, an denen täglich Milliarden umgesetzt werden. Bei Metallen wie Kupfer und Zink läuft das etwa über die London Metal Exchange. Relativ rohstoffarme Länder wie Deutschland sind darauf angewiesen: Laut der Bundesbehörde BGR fiel der Wert der heimischen Rohstoffproduktion 2015 um 100 Millionen auf 13,4 Milliarden Euro. Agrargüter wie Getreide, Soja oder Zucker werden vor allem in Chicago und Paris ge- und verkauft.

Wo lauern Gefahren?

Geht ein Termingeschäft auf, wird die Risikobereitschaft der Akteure belohnt. Probleme können entstehen, wenn die Spekulation von reiner Finanz-Zockerei angetrieben ist. Solche Spekulanten wollen oft gar nicht in reale Güter investieren. Sie setzen auf Preisanstiege etwa von Agrar-„Futures“, um diese mit hohem Gewinn weiterzuverkaufen. Etliche Termingeschäfte sind stark kreditfinanziert und brauchen nur wenig Eigenmittel des Spekulanten. Und Skeptiker weisen auf möglichen Missbrauch durch Insider-Spekulation (Wetten „gegen den Markt“) oder Leerverkäufe (Spekulation mit bloß geliehenen Zertifikaten) hin.

Sind die Geschäfte also schlecht?

Das lässt sich pauschal keinesfalls sagen. Bei realen Gütern kann sie stabilisierend wirken, wenn etwa nach der Ernte Teile des Angebots durch Lagerung verknappt und die Erzeugerpreise so gefestigt werden. Turbulenzen können spekulative Geschäfte aus Sicht vieler Ökonomen dagegen vor allem bei Finanzprodukten auslösen. Einige Banken haben das Geschäft mit Agrarzertifikaten unabhängig davon eingestellt.

Kobalt ist ein Übergangsmetall aus der Eisen-Platin-Gruppe. So ziemlich jeder Deutsche dürfte schon einmal damit zu tun gehabt haben, denn das Metall wird auch in Lithium-Ionen Akkus von Smartphones verbaut. Es wurde erst 1735 von dem schwedischen Chemiker Georg Brandt entdeckt, der dem Element den Namen aus der griechischen Mythologie gab.

Heute scheint Kobalt begehrter denn je. Schon in diesem Jahr könnte der Rohstoff in ein Angebotsdefizit von 900 Tonnen abrutschen. Das würde steigende Preise nach sich ziehen – also genau das, was sich die Hedgefonds erhoffen.

Das Problem an der Sache: Theoretisch gibt es zwar genügend Reserven. Allerdings befinden sich diese hauptsächlich in einem Land: der Demokratischen Republik Kongo. Heute stammen mit 74.000 Tonnen fast zwei Drittel der weltweiten Produktion aus diesem Land. Mit 3,4 Millionen Tonnen Kobalt liegt dort zudem knapp die Hälfte der weltweiten Reserven. Doch das Land in Zentralafrika gilt alles andere als politisch stabil. „Sobald dort etwas Substanzielles passiert, wird das den Preis merklich bewegen“, sagt Edward Spencer, Analyst vom Metall-Analysehaus CRU Group in London.

Allein seit November 2016 ist der Preis von Kobalt um 50 Prozent gestiegen auf aktuell 21 Dollar pro Pfund. Das liegt zwar einerseits an der Nachfrage aus der Industrie. Doch dass die Preissteigerung vor allem im Januar und Februar auftraten, spricht für spekulativ getrieben Preissprünge der Hedgefonds. Doch das Spekulieren ist riskant: Denn viele der Abnehmer, wie etwa Tesla, versorgen sich direkt über Langzeitverträge mit den Produzenten und nicht am Spotmarkt, wo die Hedgefonds gekauft haben, erklärt Spencer von der CRU Group. Zudem ist die Zahl der Marktteilnehmer überschaubar. Entsprechend groß ist das Risiko.

Dennoch sei noch nicht abzusehen, wann die Preissprünge enden. „Die Nachfrage nach Kobalt steigt“, sagte der Glencore-Chef Ivan Glasenberg der Financial Times. Das dürfte ihm gefallen: Der Schweizer Rohstoffkonzern dominiert den Kobalt-Markt mit ungefähr einem Drittel Marktanteil.

Unrecht hat er deswegen aber nicht. Auch Spencer von der CRU Group schätzt: „In den kommenden Jahren könnte der Markt für Kobalt im Schnitt um 30 Prozent wachsen.“ Das liegt nicht zuletzt am komplizierten Abbau. Heute gebe es kaum reine Kobalt-Minen, erklärt Spencer. Meist wird es als Nebenprodukt in Nickel- und Kupferminen abgebaut. Zwar soll laut den Analysen von Macquarie das Angebot an Kobalt in diesem Jahr um rund drei Prozent steigen. Doch die Tendenz ist fallend und aussichtsreiche neue Projekte sind Mangelware. Dem Markt droht ein Engpass. Das ist schlecht für die Abnehmer. Den Produzenten winken im besten Falle reiche Profite. Was den Preis angeht, erwarte Kobalt eine „extrem strahlende Zukunft“, urteilt denn auch Spencer.

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