Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.08.2016

17:25 Uhr

Rohstoffe

Der Iran lässt den Westen an sein Öl

VonMatthias Streit

Der Iran will westliche Unternehmen an seinen Öl- und Gasquellen beteiligen. Ölminister Zanganeh erhofft sich milliardenschwere Investitionen. Das Land benötigt neue Technologien, um die Förderung weiter zu steigern.

Westliche Konzerne können sich künftig zumindest teilweise an der iranischen Ölproduktion beteiligen. dpa

Ölförderung im Iran

Westliche Konzerne können sich künftig zumindest teilweise an der iranischen Ölproduktion beteiligen.

Frankfurt am MainDer Iran öffnet sich weiter dem Westen. Am Mittwoch hat die Regierung in einer Kabinettssitzung mit Präsident Hassan Ruhani ein neues Vertragsmodell ratifiziert, das künftig ausländischen Unternehmen den Zugang zu iranischen Öl- und Gasquellen ermöglichen soll.

Der Iran erhofft sich ausländische Investments in Höhe von bis zu 50 Milliarden Dollar pro Jahr. Offenbar sieht der Plan Joint-Ventures mit dem iranischen Staatskonzern National Iranian Oil Company vor. Die Priorität liege auf „gemeinsam besessenen Öl- und Gasfeldern“, erklärte Bijan Namdar Zanganeh, der Ölminister Irans, bereits am Montag in Teheran. In einem Interview mit einem iranischen Magazin machte Zanganeh im Juni klar, dass die Ölreserven allerdings im Besitz des iranischen Staates bleiben. Zudem sollen „bedeutende Entscheidungen“ eines Joint-Ventures vom iranischen Staatskonzern abgesegnet werden.

Seitdem der Westen die Sanktionen wegen des iranischen Atomprogrammes Anfang des Jahres aufgehoben hat, haben bereits mehrere westliche Unternehmen Interesse zur Zusammenarbeit bekundet. So haben etwa Total, OMV, Wintershall oder Saipem – ein Tochterunternehmen der italienischen Eni – Absichtserklärungen unterzeichnet.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Laut Angaben der iranischen Nachrichtenagentur betreffe das Vertragsmodell das Upstream-Geschäft, also nur die Förderung von Öl und Gas. Ob auch das Downstream-Geschäft, also die Verarbeitung zu Produkten wie Benzin, Diesel oder Kerosin, bei den Verträgen eine Rolle spielt, geht aus dem Bericht der Nachrichtenagentur nicht hervor. Zwei Jahre lang hat das Land an dem Vertragswerk getüftelt.

Über die gewünschte Dimension ausländischer Investments zeigen sich Analysten jedoch noch skeptisch. 50 Milliarden Dollar jährlich hält der leitende Rohstoffanalyst der Commerzbank, Eugen Weinberg, für „Wunschdenken“. Er glaubt, dass sich die Partnerschaft mit westlichen Unternehmen durchaus für den Iran auszahlen kann. Doch bis Summen dieser Größenordnung erreicht werden, dürften noch Jahre vergehen, sagt Weinberg. „Ich glaube, dass die meisten internationalen Unternehmen erst sehr vorsichtig in dem Land investieren werden.“

Überangebot an den Rohstoffmärkten: Wenn der Ölpreis zweimal fällt

Überangebot an den Rohstoffmärkten

Premium Wenn der Ölpreis zweimal fällt

Nach seinem Zwölf-Jahres-Tief im Februar konnte sich Öl mit Notierungen von über 50 Dollar erholen. Doch nun folgt der nächste Preisschock. Es herrscht ein extremes Überangebot, das drei Ursachen hat.

Seit der Aufhebung der Sanktionen hat der Iran seine Ölförderung stark angekurbelt. Seit Januar stieg die Produktion von 2,8 auf 3,5 Millionen Barrel täglich. Doch seit April stagniert der Aufschwung. Kooperationen mit westlichen Konzernen könnten neue Technologien in das Land bringen, um mehr Öl zu fördern. Der Iran möchte seine Ölförderung wieder auf das Vorsanktionsniveau heben. Damals wurden vier Millionen Barrel täglich produziert.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×