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20.08.2012

14:26 Uhr

Rohstoffe

Der Schock an der Zapfsäule

Tanken ist teuer wie nie zuvor. Das trifft vor allem Berufspendler und Urlaubsheimkehrer. Und es könnte noch teurer werden - je nachdem, wie es mit der Eurokrise weitergeht. Nun werden drastische Maßnahmen vorgeschlagen.

Tanken ist derzeit ein teurer Spaß.

Tanken ist derzeit ein teurer Spaß.

DüsseldorfMarkus hatte Recht. „Und kost Benzin auch 3,10 Mark, scheißegal, es wird schon gehen, ich geb' Gas“, sang der Musiker in den 1980er-Jahren. Damals konnte man sich noch gut über die Spritpreise lustig machen. 3,10 Mark, das wären umgerechnet 1,59  Euro gewesen – und zu jener Zeit vermutlich so realistisch wie ein Fußballspiel auf dem Mond.

Heute sieht die Sache schon ganz anders aus. Jeder Autofahrer würde sich über einen solchen Preis an der Tankstelle freuen und dem Pächter vermutlich noch Trinkgeld dafür geben. Stattdessen ist Sprit so teuer wie niemals zuvor.  

Ein Liter der wichtigsten Sorte Super E5 kostete heute 1,76 Euro, wie eine Sprecherin der Mineralölindustrie mitteilte. Das bei vielen Autofahrern unbeliebte Öko-Benzin Super E10 lag bei 1,72 Euro pro Liter. Diesel kam auf 1,56 Euro.

Chronologie Benzinpreise

1950

Der Zweite Weltkrieg ist gerade einmal fünf Jahre vorbei. Die wenigsten Deutschen können ein eigenes Auto ihr eigen nennen. Normalbenzin kostet umgerechnet 28,6 Cent pro Liter, Diesel sogar nur17,2 Cent.

1955

Das Wirtschaftswunder sorgt für steigende Einkommen, wachsenden Wohlstand – und die Preise ziehen nach. Die Benzin kostet mittlerweile 32,7 Cent pro Liter und Diesel 23,3 Cent.

1973

Mit Ausbruch des Jom-Kippur-Kriegs im Nahen Osten drosselt die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) ihre Fördermengen. Die erste Ölkrise erreicht Deutschland – die Preise steigen. Normalbenzin kostet zu diesem Zeitpunkt 35,3 Cent pro Liter, Super gibt es für 38,9 Cent und Dieselkraftstoff 35,8 Cent.

1976

Die Ölkrise hält die Weltwirtschaft fest im Griff und stürzt einige Länder des Westens sogar in die Rezession. Die Regierungen drängen auf eine höhere Unabhängigkeit, erschließen neue Vorkommen in der Nordsee, erhöhen ihre Ölreserven - und führen einen autofreien Sonntag ein. Der Literpreis für Normalbenzin steigt auf 44,7 Cent. Superbenzin kostet 47,5 und Dieselkraftstoff 45,2 Cent.

1981

Die islamische Revolution im Iran im Jahr 1979 und der erste Golfkrieg lassen die Fördermenge einbrechen. Die Preise an den Tankstellen erreichen ein Rekordhoch von 70,1 Cent für Normalbenzin, 72,7 für Super und 65 Cent für Diesel.

1988

Mit der Entspannung der politischen Lage fallen auch die Ölpreise wieder. Auch an der Tankstelle: Normalbenzin kostet nur noch 47,1 Cent, Super rund  51,9 Cent und Diesel rund 45,3 Cent – obwohl die Ölkonzerne mehrfach vergeblich versucht hatten, die Preise zu erhöhen.

1994

Die Kosten der deutschen Einheit belasten den Bundesetat. Neue Steuern sollen die Einnahmen verbessern. Mit der Erhöhung der Mineralölsteuer ziehen auch die Benzinpreise wieder an. Zusätzlich lässt der zweite Golfkrieg die Preise steigen. Normalbenzin kostet 77,3 Cent, Super 86,6 Cent und Diesel 58,5 Cent.

1999

Nach dem Regierungswechsel im Jahr 1998 setzt die neue rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder auf einen Kurswechsel. Am 1. April tritt die erste Stufe der Ökosteuer in Kraft. Die Preise für Normalbenzin steigen auf 84,1 Cent, Super auf 86,7 Cent. Diesel kostet 63,9 Cent.

2001

Der 11. September und die Folgen: Weil die weltpolitische Unsicherheit wächst, steigen die Preise für Normalbenzin und Super mit 100,2 und 102,4 Cent erstmals die Ein-Euro-Marke. Diesel kostet 82,2 Cent.

2005

Nach einer neuen Preisrunde ist Benzin in Deutschland so teuer wie noch nie. Im Juli kostet Normalbenzin durchschnittlich 124,3 Cent pro Liter. Für Superbenzin zahlt der Autofahrer 126,6 und für Diesel 111,5 Cent pro Liter. In den Sommerferien wird der Rekord erneut geknackt: Am 31. August kostet Benzin satte 1,37 Euro, Super 1,39 Euro und Diesel 1,16 Euro.

2008

Weitere Preissteigerungen halten die nächsten Jahre nicht parat. Der Kraftstoffpreis hat sich auf einem Level von durchschnittlich 1,38 Euro für Normalbenzin eingependelt. Was sich verändert hat, ist der Preisunterschied zwischen Diesel und Benzin: Im Durchschnitt fallen 2008 rund 1,32 Euro an.

2009

Die Finanzkrise lässt die Wirtschaft einbrechen – und hinterlässt auch deutliche Spuren bei den Benzinpreisen. Normalbenzin kostet durchschnittlich nur noch 1,27 Euro pro Liter. Diesel fällt sogar auf den Wert von 1,07 Euro zurück. Doch die Erholung ist nur von kurzer Dauer.

2012

Normalbenzin ist von der Bildfläche verschwunden. Die Autofahrer haben die Wahl zwischen dem neuen Biokraftstoff E10, dem etwas teureren E5 und Diesel. In den Sommerferien 2012 fallen pro Liter E10 bis zu 1,69 Euro an. Auch Diesel setzt mit 1,53 Euro pro Liter neue Rekordmarken. Das hohe Preisniveau wird mit den weiterhin hohen Beschaffungspreisen begründet.

Die Sprecherin begründete das hohe Preisniveau mit dem anhaltend hohen Ölpreis. Außerdem trifft der schwache Eurokurs nun die Autofahrer: Öl und Ölprodukte werden weltweit in Dollar gehandelt. Wenn der Euro gegen den Dollar fällt - wie es dieses Jahr wegen der Schuldenkrise - wird Benzin für deutsche Kunden immer teurer.
Die hohen Benzinpreise treffen neben den Berufspendler vor allem auch die Urlaubsheimkehrer: In großen Bundesländern wie Bayern, Niedersachsen oder Sachsen laufen noch die Sommerferien, in Nordrhein-Westfalen gehen sie gerade zu Ende. Die letzte Rückreisewelle steht also noch aus.
Mit den Zahlen bestätigte die Mineralölindustrie Angaben des ADAC: Nach einer Erhebung des Autoclubs kostete E10 schon am Samstag im bundesweiten Schnitt 1,69 Euro. Diesel verteuerte sich auf 1,54 Euro am Samstag. Die Zahlen von Club und Ölindustrie weichen immer leicht voneinander ab, weil der ADAC auch die billigen freien Tankstellen in den Durchschnittspreis einrechnet.

Der ADAC erinnert bei der Suche nach Ursachen der Rekordpreise neben Rohöl und Euro auch an das Schulferienende im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Dennoch hält der ADAC die Preise für überteuert. Strategisches Tanken hilft wenigstens ein bisschen: Montags und dienstags ist der Sprit erfahrungsgemäß etwas günstiger. Außerdem seien meistens die Preise abends billiger als morgens, sagte ein Sprecher.

Kommentare (54)

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Account gelöscht!

20.08.2012, 14:36 Uhr

...ich kompensiere die höheren Spritpreise jetzt noch mehr durch die Mitnahme weiterer Mitfahrer...

Account gelöscht!

20.08.2012, 14:44 Uhr

Einfach den wahnwitzigen Steueranteil am Benzin und Diesel senken. Aber das ist auch so wahrscheinlich, wie ein Fussballspiel auf dem Mond.

Konsumverzicht

20.08.2012, 14:46 Uhr

die einzige wirksame maßnahme gegen diesen irrsinn ist konsumverzicht. nicht nur nicht mehr tanken, sondern gänzlich auf konsum zu verzichten. denn alle güter müssen ja auch irgendwie von a nach b kommen. ich plädiere für einen konsumentenstreik. wer macht mit?

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