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14.04.2016

18:53 Uhr

Rohstoffe

Ebbt die Ölflut ab?

VonMatthias Streit

Laut der Internationalen Energieagentur könnten sich Ölangebot und -nachfrage 2017 ausbalancieren. Vom Treffen der Förderstaaten in Doha erhofft sie sich aber wenig. Aufsehen erregt derweil ein Brief aus Katar.

Sandra Navidi zum Ölpreis

„Die Ölförder-Länder sind an der Grenze ihrer finanziellen Existenz“

Sandra Navidi zum Ölpreis: „Die Ölförder-Länder sind an der Grenze ihrer finanziellen Existenz“

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Frankfurt am MainDie schlechte Nachricht für alle Ölproduzenten zuerst: Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet bis Ende des Jahres keine Ausbalancierung des Marktes. So soll zwar das Wachstum der Nachfrage von 1,8 Millionen Barrel (159 Liter) pro Tag im Jahr 2015 auf nur noch 1,16 Millionen Barrel sinken, während gleichzeitig die Produktion zurückgeht. Vor dem nächsten Jahr sei eine Marktbalance jedoch unwahrscheinlich.

Auch wenn der Förderboom in den USA weiter abebbe und der Iran nach Aufhebung der Atom-Sanktionen die Produktion nicht so stark hochfahre wie erwartet, werde in diesem Jahr weltweit dennoch immer noch mehr Öl produziert als verbraucht.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Dennoch erkennt die Agentur, die Industrieländer in Energiefragen berät, einen deutlichen Rückgang beim Überangebot. Produzierte die Welt Anfang des Jahres noch 1,5 Millionen Fass über Bedarf, sollen es im dritten und vierten Quartal nur noch 200.000 Barrel zu viel sein.

Von dem für Sonntag in Doha (Katar) geplanten Treffen des Ölkartells Opec mit weiteren großen Ölförderländern wie Russland erwartet sich die IEA allerdings nur sehr wenig. „Wenn sich die Länder nur auf eine Deckelung statt eine Kürzung ihrer Produktion verständigen, wird der Effekt auf die Ölbestände begrenzt sein“, schreiben die Experten in ihrem monatlichen Report.

Nachdem zunächst Gerüchte über eine Einigung zwischen Russland und Saudi-Arabien bekannt wurden – und den Ölpreis befeuerten – mehrt sich kurz vor dem Treffen die Skepsis. „Wie aus Kreisen des russischen Energieministeriums verlautete, wird das Treffen nur eine lose Vereinbarung ohne verbindliche Produktionsobergrenzen beschließen“, schreibt die Commerzbank in ihrem Rohstoffkommentar.

Unterdessen machte die Nachrichtenagentur Bloomberg einen Brief Katars publik, mit dem das Emirat auch den Ölminister Norwegens, Tord Lien, zum Doha-Treffen einlud. Demzufolge habe schon die vorläufige Einigung auf eine Förderdeckelung zwischen Katar, Russland, Venezuela und Saudi-Arabien Mitte Februar einen „Boden unter den Ölpreisen eingezogen“.

Tatsächlich ist seitdem der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent um 37 Prozent gestiegen. Nun könnten die Förderer auf den Erfolg aufbauen, „indem die Deckelung auf mehrere Produzenten ausgeweitet und so das weltweite Überangebot eingedämmt wird.“ Der Brief endet mit der Bitte, die Einladung anzunehmen. Norwegen lehnte jedoch ab.

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