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20.06.2017

16:19 Uhr

Rohstoffe

Ölpreis fällt auf Sieben-Monats-Tief

In Libyen und Nigeria steigt die Ölproduktion, der Ölpreis fällt. Der Preis für Brent könnte gar 45 Dollar erreichen. Doch Saudi-Arabiens Energieminister sieht die Förderkürzungen des Ölkartells nicht bedroht.

Auch die Ölproduktion in den USA nimmt seit einigen Monaten stetig zu dpa

Ölförderung

Auch die Ölproduktion in den USA nimmt seit einigen Monaten stetig zu

FrankfurtSpekulationen auf eine anhaltende Ölschwemme haben die Preise für den Rohstoff erneut deutlich fallen lassen. Am Nachmittag steht er mit über drei Prozent im Minus. Die richtungsweisende Sorte Brent aus der Nordsee kostet 45,59 Dollar je Barrel (159 Liter). US-Leichtöl WTI gab um 3,4 Prozent nach auf 42,91 Dollar. So billig war Öl seit mehr als sieben Monaten nicht mehr. Analysten führten den Preisrückgang auf eine höhere Ölproduktion in Libyen und Nigeria zurück, die von der Förderbegrenzung der Opec-Staaten ausgenommen sind.

„Die jüngsten Produktionsdaten sind alles andere als ermutigend“, erklärten die Experten der US-Investmentbank Morgan Stanley. Nachdem Wintershall nach einem Disput mit dem libyschen Staatskonzern NOC wieder Öl pumpt, ist die Produktion des nordafrikanischen Landes auf 900.000 Barrel gestiegen, so viel wie seit vier Jahren nicht mehr. Bis Ende Juli sollen es nach Plänen von NOC-Chef Mustafa Sanalla schon eine Million Barrel sein. Auch aus Nigeria fließt wieder mehr Öl, nachdem Shell Anfang des Monats seine Einschränkungen im Verladehafen Forcados aufhob. Nach Bloomberg-Berechnungen sollen im August schon 285.000 Barrel täglich exportiert werden. Das entspricht ungefähr einem Viertel der Kürzungen, auf die sich die Mitglieder der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) geeinigt haben.

Fragen und Antworten zur Entwicklung des Ölpreises

Warum fallen die Preise, obwohl die Opec weniger fördert?

Im Vorfeld der Entscheidung der Opec und ihrer Partnerländer wie Russland waren die Anleger schon auf die Verlängerung der seit Januar geltenden Förderbremse bis März 2018 vorbereitet worden. Einige hatten aber auf eine deutlichere Verlängerung und stärkere Kürzungen spekuliert.

Was bezweckt die Opec mit der niedrigeren Förderung?

Das Kartell und seine Partner, darunter Russland, wollen das Überangebot auf dem Weltmarkt schmälern und damit die Preise stützen. Erklärtes Ziel ist es, die Ölvorräte von einem aktuellen Rekordhoch von drei Milliarden Fässern auf 2,7 Milliarden Fässer zu senken - dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Das für die Finanzmärkte richtungsweisende Nordseeöl Brent kostet derzeit gut 50 Dollar - im Sommer 2014 war der Preis mit 115 Dollar noch mehr als doppelt so hoch.

Wie wird sich der Preis jetzt entwickeln?

Das hängt davon ab, wie viel Öl tatsächlich vom Weltmarkt verschwindet. Und genau das ist der Haken. Die US-Ölindustrie dürfte in die Bresche springen und die Lücke schließen, die durch den Opec-Beschluss von Donnerstag entsteht.

Gibt es besondere Preis-Marken?

Ja. Umkämpft ist fast jede runde Marke - auch aus psychologischen Gründen. Doch in der Vergangenheit waren stets zwei Preis-Marken wichtig: die 30-Dollar-Marke und die 50-Dollar-Marke. Die erstere wurde Anfang 2016 erstmals seit 2003 wieder unterschritten, was letztlich die Opec auf den Plan rief. Nachdem das Kartell im November erstmals wieder eine Förderkürzung beschloss, kletterte der Preis wieder über 50 Dollar und hat sich seither mehr oder weniger darüber behauptet.

Welche Rolle spielen die US-Ölkonzerne

Die USA machen bei der Förderkürzung nicht mit - dürften sie aus rechtlichen Gründe vermutlich auch gar nicht. In den USA ist die Ölindustrie zudem nicht staatlich organisiert wie in vielen anderen Förderländern. Von Texas bis in die Dakotas feiert das Fracking seit Mitte 2016 ein Comeback. Die US-Ölindustrie pumpt derzeit wieder so viel Öl an die Oberfläche, wie vor einigen Jahren, als die Ölschwemme erstmals die Preise ins Rutschen brachte.

Ist Fracking nicht ein sehr kostspieliges Verfahren?

Ja und nein. Denn während des Preisverfalls der vergangenen beiden Jahre hat die Branche nicht geschlafen. In Texas und anderen US-Regionen sind die Förderkosten inzwischen teilweise so niedrig wie in Nahost. Der technische Fortschritt macht Fracking wieder profitabel. Machten US-Firmen vor einigen Jahren erst ab einem Ölpreis von 60 Dollar Profit, reichen ihnen inzwischen schon 30 Dollar.

Was macht die Opec denn jetzt?

Bis März 2018 kürzt die Opec die Produktion um 1,8 Millionen Barrel täglich. Am 30. November kommen die Mitglieder erneut in Wien zusammen, um die Lage zu beraten. Außerdem wollen sie enger mit den Nicht-Opec-Partnern – sprich Russland – zusammenarbeiten. Saudi-Arabien will zudem seine Exporte in die USA verringern. Doch das ist nicht ohne Risko: Die Opec-Länder und Russland drohen Marktanteile an die US-Ölkonzerne zu verlieren.

Wer sind die größten Ölförderer der Welt?

Die Opec steht für rund ein Drittel des weltweiten Rohöl-Angebots. Neben dem Kartell-Mitglied Saudi-Arabien sind Russland und die USA mit großem Abstand und einer Förderung von je etwa neun bis zehn Millionen Fässern Öl am Tag die größten Ölproduzenten der Welt.

Welche Folgen hätte ein neuerlicher Ölpreisverfall für die Weltwirtschaft?

Wenn der wichtigste Schmierstoff für die Produktion nicht viel kostet, ist das generell gut für die Konjunktur und den Geldbeutel des Verbrauchers, der beim Benzin spart. Aber es gibt auch Kehrseiten - beispielsweise für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn sie kämpft seit Jahren gegen eine zu geringe Inflation, was auf Dauer für die Konjunktur schädlich ist. Erwarten Verbraucher und Firmen fallende Preise, halten sie sich mit Käufen und Investitionen zurück. Der niedrige Ölpreis dämpft zudem in einigen Förderländern die wirtschaftliche Dynamik. Vielerorts werden Investitionen zurückgestellt.

Die Internationale Energieagentur warnt, dass die Opec wegen der Produktionssteigerungen ihre Ziele erst später erreichen kann als geplant. Erklärtes Hauptziel ist es, die nach wie vor hohen Lagerbestände in der Welt auf einen Fünf-Jahres-Schnitt zu senken. Bislang war das Ölkartell damit gescheitert, trotz leichter Rückgänge.

Der saudische Ölminister Khalid Al-Falih zeigt sich trotz der Entwicklungen demonstrativ unbeeindruckt. Tatsächlich übererfüllt die Opec ihre Kürzungsversprechen seit März. Der Ölmarkt bewege sich in die richtige Richtung, erklärte Al-Falih der arabischen Tageszeitung Asharq al-Awsat. Die Maßnahmen bräuchten einfach Zeit, um sich zu entfalten.

Ende Mai hatte sich die Opec gemeinsam mit zehn Nicht-Opec-Ländern darauf geeinigt, ihre Förderkürzungen um neun Monate bis Ende März 2018 zu verlängern. Dass in Libyen und Nigeria wieder mehr gefördert wird, sieht Al-Falih nicht als Bedrohung. Die Werte seien im Rahmen des Erwarteten. Es sei „unangemessen“, Libyen jetzt dazu zu drängen, die Erholung seiner Förderung zu verlangsamen.

Auch die Ölproduktion in den USA, die nicht Mitglied des Opec-Kartells sind, nimmt seit einigen Monaten stetig zu. Allein seit Jahresbeginn stieg die tägliche Förderung um 560.000 auf 9,77 Millionen Barrel. Rohstoffanalyst Tamas Varga vom Londoner Broker PVM Oil Associates schließt nicht aus, dass der Preis für Brent bald auf 45 Dollar fällt.

„Unserer Ansicht nach ist allerdings der jüngste Preissturz notwendig, um zunächst das Wachstum der US-Schieferölindustrie zu verlangsamen und in der Folge den Ölmarkt nachhaltig ins Gleichgewicht zu bringen“, erklärt wiederum der Ölanalyst Jan Edelmann von der HSH Nordbank. Bis zum dritten Quartal rechnet er mit einem Preis von 56 Dollar je Barrel. Damit wäre Öl noch immer nur halb so teuer wie vor dem Ölpreisverfall Mitte 2014: Damals kostete ein Fass der Nordseesorte Brent noch mehr als 110 Dollar.

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