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18.04.2016

15:28 Uhr

Rohstoffe

Ölpreis geht nach Doha-Treffen auf Talfahrt

VonMartin Dowideit

Allein vor der Weltpresse: Nach dem Scheitern eines Treffens großer Ölnationen gab der katarische Energieminister eine Pressekonferenz ohne Unterstützer. Das Zerwürfnis hat heftige Auswirkungen auf den Rohstoffmarkt.

Sandra Navidi zum Ölpreis

„Die Ölförder-Länder sind an der Grenze ihrer finanziellen Existenz“

Sandra Navidi zum Ölpreis: „Die Ölförder-Länder sind an der Grenze ihrer finanziellen Existenz“

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DüsseldorfAm Vormittag hatte alles vorbei sein sollen. Für 10.30 Uhr Ortszeit am Sonntag hatten anderthalb Dutzend Ölförder-Nationen eine Pressekonferenz im katarischen Doha angekündigt. Doch die sicher geglaubte Einigung über eine Förderobergrenze wurde mit jeder Stunde unwahrscheinlicher. Erst gegen 21 Uhr begann die Pressekonferenz – und allein der katarische Energieminister trat vor die Mikrofone: Es habe keine Einigung gegeben. Die Stühle rechts und links von ihm auf dem Podium blieben frei.

Für den Ölmarkt ist das Ergebnis ein Schock. Am Montagmorgen rasseln die Ölpreise in den Keller: Um etwa vier Prozent geht es bergab für die wichtigen Futures auf die Marken Brent (jetzt bei 41,40 Dollar) und WTI (jetzt bei 38,59 Dollar). Zwischenzeitlich hatte das Minus sogar etwa sieben Prozent betragen. Denn eigentlich war eine Einigung wichtiger Mitglieder des Opec-Förderkartells und Russlands erwartet worden. An dem Kurseinbruch konnte auch ein Streik kuwaitischer Ölarbeiter nichts ändern, der zu einer deutlich gedrosselten Produktion bei den kuwaitischen Ölförderern geführt hat.

Am Sonntagmorgen hatte in Doha ein Entwurf einer Gipfeleinigung die Runde gemacht. Demnach hatten sich die Nationen darauf verständigen wollen, die im Februar unter anderem von Russland und Saudi-Arabien getroffenen Begrenzung auf die Fördermengen von Januar bis zum Oktober festzuschreiben.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Ziel war es, mit einer Fördergrenze ein weiteres Abbröckeln des Ölpreises zu verhindern. Weltweit leiden die Ölnationen unter dem niedrigen Preisniveau, auch wenn sich die Preise von einem Tief bei etwas über 27 Dollar im Februar deutlich erholt hatten. Die Ölländer beklagen große Haushaltslöcher, in den USA sind Milliardendarlehen an Ölförderer ausfallgefährdet oder bereits als Abschreibungen in den Büchern der Großbanken aufgeschlagen.

Doch in den Verhandlungen im Sheraton-Hotel in Doha – ohne Teilnahme großer Ölproduzenten wie USA, Kanada oder Norwegen – zog sich die Diskussion Stunde um Stunde hin, weil Saudi-Arabien eine harte Linie fuhr. Nur wenn alle Opec-Staaten mitzögen, würde das Land einer Fördergrenze zustimmen. Doch der Iran hatte die Teilnahme an dem Treffen verweigert und will weiter seine Produktion hochfahren nach dem Aufbrechen der Wirtschaftssanktionen gegen das Land. Doch dem will Saudi-Arabien, das eine tiefe Antipathie gegen den Iran hegt, nicht tatenlos zusehen.

Opec-Generalsekretär Abdallah Salem el Badri verließ kurz vor Platzen der Verhandlungen den Saal und wollte „nur auf sein Zimmer“, wie Journalisten vor Ort beim Kurznachrichtendienst Twitter meldeten. Fragen wollte er nicht beantworten.

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