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05.05.2017

11:07 Uhr

Rohstoffe

Ölpreis kann dem Abwärtssog nicht entkommen

VonMatthias Streit

Innerhalb von zwei Tagen ist der Ölpreis um mehr als zwei Dollar gefallen. Die Opec spricht zwar offen darüber, die Förderkürzung zu verlängern. Doch der Markt fürchtet das Überangebot und eine schwächere Nachfrage mehr.

Einst konnte das Ölkartell Opec die Preise quasi im Alleingang bestimmen. Heute rinnt ihr die Kontrolle am Markt wie Rohöl aus den Händen. dpa

Flüchtiges Rohöl

Einst konnte das Ölkartell Opec die Preise quasi im Alleingang bestimmen. Heute rinnt ihr die Kontrolle am Markt wie Rohöl aus den Händen.

FrankfurtDer starke Preisrutsch beim Öl setzt sich fort. Nachdem ein Barrel der Nordseesorte Brent bereits am Donnerstag mehr als zwei Dollar an Wert verlor, fiel er am Freitagmorgen erneut und kostete zwischenzeitlich nur noch 46,64 Dollar. So günstig war Öl seit Ende November und damit mehr als fünf Monaten nicht mehr. Am Freitagmittag hatte sich der Preis auf über 48 Dollar leicht stabilisiert. Nordamerikanisches Leichtöl WTI kostet bereits weniger als 45 Dollar.

Ende November hatte sich die Organisation erdölexportierender Staaten, die Opec, gemeinsam mit elf weiteren Nicht-Mitgliedern wie Russland, auf eine Förderkürzung geeinigt, um die Ölpreise zu stabilisieren. Das hatte bis zuletzt auch funktioniert, da das Abkommen entgegen der Markterwartungen überraschend gut umgesetzt wurde.

Nun aber bricht der Preis aus Furcht vor einem anhaltenden Überangebot ein. Kostete Brent vor drei Wochen noch fast 57 Dollar, sind es heute 15 Prozent weniger. Ausgelöst wurde diese Nervosität offenbar von den offiziellen Lagermeldungen der USA. Zwar fielen die Rohöllagerbestände laut offiziellen Zahlen der US-Energiestatistikbehörde EIA um 900.000 Fass auf 527 Millionen Barrel.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Das war allerdings nur etwa ein Fünftel des Volumens, mit dem tags zuvor noch die Interessenvereinigung der Branche, API, gerechnet hatte. Zudem sind die Lager in den USA damit weiterhin deutlich über dem Fünf-Jahres-Durchschnitt. Hinzu kommt, dass die Benzinvorräte in Amerika um fast 200.000 Barrel deutlich stiegen, was auch auf eine schwächere Benzinnachfrage zurückzuführen ist.

„Die Marktteilnehmer beobachten, ob sich Lager entleeren und somit den Beweis dafür liefern, dass das Opec-Kürzungsabkommen auch Angebot und Nachfrage wieder in eine Balance bringt. Die aktuellen Zahlen aus den USA haben den Beweis dafür nicht geliefert“, urteilt Analyst Michael Wittner von der Société Générale. Gerade der Blick auf die Benzinnachfrage sei nicht zu unterschätzen. Schließlich stehe die Nachfrage nach Benzin in den USA für rund ein Zehntel aller raffinierten Ölprodukte der Welt, merkt Wittner an.

Analyst Jan Edelmann von der HSH Nordbank sieht indes weniger fundamentale als vielmehr technische Marktkräfte am Werk: „Die Ölpreise notieren derzeit unterhalb wichtiger charttechnischer Unterstützungszonen, wie dem 50/100/200 -Tage gleitenden Durchschnittswerten.“ Die Folge: Aus Sorge vor weiteren Verlusten lösen Marktteilnehmer ihre Positionen auf, der Abwärtsdruck erhöht sich.

Kommentare (1)

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Herr Hofmann Marc

05.05.2017, 11:56 Uhr

NICHT DER MARKT fürchtet einen niedrigen Oelpreis sondern das OPEC KARTELL...die PROFITGIER der OELSCHEICHS, SPEKULANTEN und FINANZINVESTOREN fürchten und kämpfen gegen ein niedrigen Oelpreis in dem diese ihr Oel Angebot EXTRA DROSSELN wollen.
Der Markt = Verbraucher = die Menschheit begrüßt dagegen einen sehr niedrigen Oelpreis.

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