Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.05.2016

14:34 Uhr

Rohstoffe

Ölpreis kratzt an der 50-Dollar-Marke

VonMatthias Streit

Öl ist zuletzt wieder teurer geworden. Das bekommen auch die Verbraucher zu spüren: Benzin- und Heizölpreise steigen. Doch Marktexperten beschwichtigen. Sie rechnen nicht damit, dass die Aufwärtsbewegung anhält.

Seit Wochen ist in Nigeria das Benzin knapp. Motorradfahrer warten in Scharen, um etwas abzubekommen, wenn Tankstellen Lieferungen erhalten. AP

Schlange stehen für Sprit

Seit Wochen ist in Nigeria das Benzin knapp. Motorradfahrer warten in Scharen, um etwas abzubekommen, wenn Tankstellen Lieferungen erhalten.

FrankfurtPendler und Vielfahrer sind sie schon gewohnt, die Achterbahnfahrt bei den Benzinpreisen. Nach mehreren Monaten sinkender Kosten fürs Autofahren geht es momentan wieder in die andere Richtung. Und das hängt nicht nur mit den jüngsten Feiertagen zusammen.

Denn der Ölpreis ist in den vergangenen drei Monaten kräftig gestiegen - zuletzt fast auf 50 Dollar je Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent. Über diese Marke kletterte der wichtige Referenzpreis zuletzt Anfang November, also vor einem halben Jahr. Am Mittwoch lässt ein starker Dollar den Preis leicht auf 49,13 Dollar sinken.

Seit Mitte Februar steht dennoch ein Plus von etwa 40 Prozent zu Buche. Dieses schlägt sich auch an den Tankstellenpreisen nieder: Ein Liter Superbenzin kostet heute knapp 13 Prozent mehr als noch vor drei Monaten. Da sich die Benzinpreise in Deutschland zu großen Teilen aus Steuern und Abgaben zusammensetzen, kommen die Schwankungen am Ölmarkt allerdings nicht im gleichen Ausmaß bei den Autobesitzern an. Der reine Produktpreis stieg nach Angaben des Mineralölwirtschaftsverbandes von Februar bis April um 4,8 Cent auf 41,58 Cent.

Auch die Heizölpreise legten jüngst kräftig zu. 100 Liter kosten im Moment wieder über 50 Euro. So teuer war der Kraftstoff seit fünf Monaten nicht mehr. „Viele, die eine Ölheizung haben, sollten nun dennoch überlegen, den Tank wieder aufzufüllen“, sagt Josef Auer, Rohstoffanalyst bei der Deutschen Bank. Denn er glaubt nicht, dass sich die Ölpreise perspektivisch wieder auf die niedrigen Niveaus vom Jahresanfang zurückbegeben. Allenfalls kleine Rücksetzer könnte es geben. Bis Ende des Jahres rechnet er allerdings mit einem Preis von knapp 50 Dollar – also einer Stabilisierung auf dem heutigen Niveau.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Dabei schien ein Preisrutsch nach dem Platzen eines Förderlimits des Ölkartells Opec und dem anhaltenden Überangebot auf dem Weltmarkt noch bis vor kurzem eine ausgemachte Sache zu sein. Doch im Moment haben sich Angebot und Nachfrage offenbar ausbalanciert. Schuld daran sind etwa die Waldbrände in Kanada und die jüngsten Unruhen in Nigeria, die die Produktion eindämmen. Die Ausfälle der beiden Länder summierten sich auf zwei Millionen Barrel täglich und absorbieren damit das Überangebot auf dem Weltmarkt vollständig, schätzen die Analysten der Commerzbank.

Während die Waldbrände rund um Fort McMurray die Ölsand-Produktionsstätten weiterhin in großen Teilen lahmlegen, hat Nigeria mit Terroristen und Gewalt im Land zu kämpfen. Dort wird derzeit so wenig Öl gefördert wie seit 22 Jahren nicht mehr.

Weil die Ölversorgung sich bereits in den vergangenen Wochen drastisch verknappt hatte, strich die Regierung in der vergangenen Woche einige Subventionen auf Benzinpreise und verteuerte sie so um zwei Drittel auf 73 US-Dollar-Cent pro Liter. Mit der Maßnahme sollen die ansässigen Ölunternehmen angereizt werden, mehr Petroleum zu importieren und so die Knappheit aufheben. Obwohl Nigeria der größte Ölproduzent Afrikas ist, muss es 70 Prozent der raffinierten Produkte importieren. Selbst einige nigerianische Fluggesellschaften wie Dana Air, Arik Air, First Nation und Aero Contractors geht der Sprit aus. Verspätungen und Flugstreichungen sind die Folge.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×