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08.09.2016

18:26 Uhr

Rohstoffe

Ölpreise kurz vor 50-Dollar-Marke

Ein starker Rückgang der wöchentlichen US-Rohölbestände haben am Donnerstag die Ölpreise angeschoben. Am Abend näherte sich der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent sogar wieder der 50-Dollar-Marke.

Die US-Ölbestände sollen stark gesunken sein. dpa

Ölplattform

Die US-Ölbestände sollen stark gesunken sein.

TokioSpekulationen auf einen starken Rückgang der wöchentlichen US-Rohölbestände haben am Donnerstag die Ölpreise angeschoben. Nordseeöl der Sorte Brent verteuerte sich am Nachmittag um fast vier Prozent auf bis zu 49,82 Dollar je Barrel (159 Liter). US-Leichtöl WTI kostete mit 47,32 Dollar vier Prozent mehr.

Bereits am Vormittag ließen Schätzungen des Branchenverbandes API die Preise Steigen. API schätzte, dass die US-Ölbestände um über 12 Millionen Fässer gesunken. Die offiziellen Zahlen des US-Energieministeriums (EIA) übertrafen dies sogar. Um 14,5 Millionen Barrel sanken die Bestände, wie die Behörde am Nachmittag bekannt gab. Daraufhin sprangen die Ölpreise deutlich nach oben. Zuletzt sanken die Bestände innerhalb einer Woche 1999 so stark, wie die EIA-Daten zeigten.

Als einen Grund für den starken Rückgang nannten Analysten den Rückgang der Importe in die USA. Diese seien um 1,7 Millionen Barrel pro Tag gefallen.

Seit rund zwei Jahren sind die US-Rohölbestände dank des Booms beim Schieferöl auf Rekordniveau. Einige Analysten vermuten, dass die Bestände in der letzten Woche wegen des Tropensturms „Hermine“ so stark gefallen sind. Viele Ölförderer hatten vorsorglich die Produktion eingestellt.

„Weiteren Preisauftrieb geben die chinesischen Rohölimporte, die im August mit gut 7,7 Mio. Barrel pro Tag wieder höher lagen als in den Vormonaten“, erklärten die Ölanalysten der Commerzbank.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Die Ölpreise sind seit Anfang August um fast ein Fünftel gestiegen. Angetrieben wurde die Verteuerung von Spekulationen über einen möglichen Öl-Deal der Opec. Die Mitgliedsstaaten der Organisation ölexportierender Staaten wollen sich Ende September am Rande des International Energy Forums treffen. Auf dem Gipfel kommen die wichtigsten Energieminister der Welt zusammen. Das schließt nicht nur die Opec-Staaten ein, sondern auch Länder wie Russland, China, Indien oder Südafrika.

Zuletzt hatten zu Beginn dieser Woche Spekulationen über ein Abkommen zwischen Russland und Saudi-Arabien den Ölpreis getrieben. Der russische und der saudische Energieminister hatten sich am Rande des G20-Gipfels der Staats- und Regierungschefs im chinesischen Hangzhou auf stabilisierende Maßnahmen für den Ölmarkt geeinigt. Doch Hoffnungen der Produzenten auf ein Förderlimit wurden alsbald zunichte gemacht. Der saudische Energieminister Khalid Al-Falih erklärte kurz darauf, dass ein Förderlimit oder gar eine Kürzung der Produktion bei der aktuellen Marktsituation nicht nötig sei.

Saudi-Arabien und Russland sind mit jeweils mehr als zehn Millionen geförderten Barrel täglich die größten Produzenten der Welt. Saudi-Arabien steigerte jüngst seine Produktion auf Rekordniveau.

Der tägliche Bedarf liegt derzeit bei rund 97 Millionen Barrel. Noch wird etwas mehr Öl aus dem Boden gepumpt, als benötigt wird. Doch die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass das Verhältnis von Angebot und Nachfrage erstmals im dritten Quartal 2016 ausgeglichen sein könnte, spätestens aber bis Mitte 2017.

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