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19.04.2016

11:24 Uhr

Rohstoffe, Opec und das Öl

Kuwait-Streiks treiben den Preis

VonMatthias Streit

Trotz des gescheiterten Treffens der Ölförderländer am Sonntag in Doha hat sich die Talfahrt des Ölpreises am Dienstag nicht fortgesetzt. Das ist vor allem dem Streik der kuweitischen Ölarbeiter zu verdanken.

Die Erdölförderländer haben sich nicht auf ein Produktionslimit einigen können. Mittelfristig werden deshalb die Preise eher wieder sinken. dpa

Gestapelte Ölfässer

Die Erdölförderländer haben sich nicht auf ein Produktionslimit einigen können. Mittelfristig werden deshalb die Preise eher wieder sinken.

FrankfurtKurioses ereignet sich derzeit am Ölmarkt: Das Branchenkartell Opec zankt sich über eine Begrenzung der Förderung, scheitert damit und pumpt weiter deutlich mehr Öl aus dem Boden als nachgefragt wird – doch der Ölpreis steigt.

Am Mittwoch verteuert sich ein Barrel (159 Liter) der nordamerikanischen Sorte WTI zur Lieferung im Mai um 27 Cent. Damit durchbricht der Preis wieder die 40-Dollar-Marke. Deutlich darüber notiert Brent-Öl bei 43,23 Dollar, was einem Plus von 0,7 Prozent entspricht.

Nach dem Scheitern der Verhandlungen waren die Preise – wie von vielen Beobachtern erwartet – um zeitweise fast sieben Prozent abgestürzt, erholten sich jedoch in weniger als zwei Tagen. Der Grund für die Kurswende ist in Kuwait zu finden, dem viertgrößten Förderland der Opec. Dort streiken Ölarbeiter am Dienstag den dritten Tag infolge wegen geplanter Lohnkürzungen. Die Ölförderung des Landes treffen sie damit empfindlich: Produzierte das Land Ende März noch 2,8 Millionen Barrel täglich, sollen es am Sonntag zeitweise nur noch 1,1 Millionen Barrel gewesen sein. Damit wäre die aktuelle Überproduktion von 1,5 Millionen Barrel am Weltmarkt sogar mehr als ausgeglichen.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Der drastische Einbruch der kuwaitischen Produktion dürfte allerdings nur von kurzer Dauer sein. Nach Angaben kuwaitischer Ölfirmen steigerte das Land seine Förderung am Dienstag wieder auf 1,5 Millionen Barrel. Beschwichtigend versucht auch das Staatsunternehmen Kuwait Petroleum einzuwirken. Ein Sprecher verkündete über das soziale Netzwerk Instagram, dass nicht nur die Raffinerien im Norden des Landes laufen, sondern auch im Südosten wieder hochgefahren werden. „Die Streiks dürften voraussichtlich nicht länger als ein bis maximal zwei Monate andauern“, sagte Per Magnus Nysveen, Seniorpartner des norwegischen Ölberatungsunternehmens Rystad Energy dem Handelsblatt.

Noch weiter gehen die Rohstoffanalysten der Commerzbank. In einem Kommentar schreiben sie, dass der Streik kaum mehrere Wochen andauern dürfte. „Zu abhängig ist die kuwaitische Wirtschaft von den Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Kuwait will die Ölproduktion in den kommenden Tagen wieder auf das normale Niveau erhöhen und plant rechtliche Schritte gegen den Streik“, schreiben die Commerzbank-Analysten. Die Lieferungen sollen zunächst aus Lagerbeständen bestritten werden.

Kommentare (5)

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Herr J.-Fr. Pella

19.04.2016, 12:06 Uhr

An die Ölförderländer.......
Niemals zuvor bin ich jemanden begnet der mehr Sorgen hatte als sie;
bitte betrachten sie diese Zeilen als Ausdruck meines tiefsten Mitgefühls.
So sei es.

Herr Fritz Yoski

19.04.2016, 12:51 Uhr

Kommentarfunktion? Zu so einem brisanten Thema? Nun lehnt Euch bloss nicht zu weit aus dem Fenster liebes HB.

Herr Helmut Metz

19.04.2016, 12:52 Uhr

Lächerlich. Auch ein Streik endet irgendwann. Was aber nicht endet, ist die - verleugnete - weltweite Rezession mit massivem Einbruch der Nachfrage.
Also kommt es zu einem Preiskampf der Erdöl-Produzenten, und die Deflations-Spirale nimmt Fahrt auf.
Vollkommen hirnrissig daher auch die Spekulation (wie bis vor einiger Zeit noch häufig zu lesen - ich glaube, auch hier), die Amis würden mit Hilfe der Wall-Street-Banken via Terminkontrakten ("Papier-Öl") den Erdölpreis in den Keller treiben, um die Russen in die Knie zu zwingen. Das funktionierte in den 1980ern unter Reagan in der Tat:
"Aber der eigentliche Punkt war: zu diesem Zeitpunkt war die Sowjetische Militär-Wirtschaft abhängig von harten Dollarwährungseinkünften. Und der einzige Weg, den sie hatten, oder für den größten Teil von bis rund 70 Prozent, den sie hatten, um diese harten Dollar zu verdienen, war durch Exporte in die westlichen Märkte von Öl und in geringerem Maße von Erdgas. Also wurde die russische Wirtschaft durch die einstürzenden Ölpreise von den niedrigen 30ern Dollarständen – es waren 32 oder 33 USD, glaube ich, am Anfang – auf 9 Dollar während der Tiefe der Operation Mitte 1986, plötzlich zum Zerreißen gedehnt ."
http://www.larsschall.com/2011/03/27/wir-sind-inmitten-einer-epochalen-tektonischen-verschiebung-%E2%80%93-teil-1/
Die Amis benötigen mit ihrem Fracking-Dreck heute allerdings selber möglichst HOHE Erdölpreise, weil dort nämlich die Förderkosten exorbitant hoch sind.
Was hilft bei Deflation und vollversagenden Gelddruckprogrammen der Zentralbanken noch am ehesten dem Erdölpreis (und der eigenen Konjunktur) auf die Sprünge?? Ein zünftiger Krieg (natürlich weit weg vom Homeland), wobei die Erdölproduzenten mit den hohen Förderkosten möglichst auch noch die Waffen liefern können.
Steht der Nahe Osten bereits in Flammen, könnte bald der Mittlerer Osten mit Saudi-Arabien versus Iran folgen. Und die eigentlichen Zündler sind immer die gleichen....

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