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08.09.2012

10:08 Uhr

Rohstoffe

Wenn Getreide unbezahlbar wird

VonIngo Narat, Udo Rettberg

Dürren haben zu Engpässen in der Getreideproduktion geführt. Die Preise schnellen nach oben. Dafür werden auch Spekulanten verantwortlich gemacht. Sogar Bill Clinton tritt auf den Plan. Aber stimmt die Zocker-Theorie?

Weizenähren während eines Sonnenuntergangs. Welchen Anteil haben Spekulanten an der Preisexplosion? dpa

Weizenähren während eines Sonnenuntergangs. Welchen Anteil haben Spekulanten an der Preisexplosion?

Durch Dürrekatastrophen in den wichtigen Produzentenländern wie den USA, Argentinien und Russland sind die Getreidepreise in den vergangenen Wochen in die Höhe geschossen. Der DJ-UBS-Getreideindex ist seit Anfang Juni in nur 13 Wochen um beinahe 50 Prozent gestiegen. Dies hat die seit geraumer Zeit laufende Diskussion über den Einfluss der Spekulanten auf die Getreidepreise neu entfacht. Einige Organisationen und Institute machen das "Kapital von Zockern" für den wieder zunehmenden Hunger in der Welt verantwortlich. Fakt ist in diesem Fall allerdings, dass es vor allem klima- und witterungsbedingte Ernteverluste in den großen Anbaugebieten sind, die den Preisanstieg auslösten.

Streitgespräch über Rohstoffe: „Jeder kleine Landwirt spekuliert“

Streitgespräch über Rohstoffe

„Jeder kleine Landwirt spekuliert“

Ohne Hegde-Fonds fehlt den Märkten etwas, sagt Agrarpolitik-Professor Michael Schmitz. Unsinn, meint Foodwatch-Chef Thilo Bode, Spekulanten verursachen Hunger. Ein Streitgespräch über den Handel an Rohstoffmärkten.

Nichtregierungsorganisationen wie Foodwatch warnen in diesem Kontext immer wieder vor der exzessiven Spekulation von Kapitalanlegern, da diese die Preise in die Höhe schießen lasse und das Hungerproblem in der Welt verschärfe. "Der Vorwurf, dass Rohstoff-Indexfonds die Agrarpreise treiben, ist aber falsch", sagt Bernhard Scherer, Finanzprofessor an der Edhec Business School und Chef-Anlagestratege bei FTC Capital. Richtig sei, dass Produzenten die Rohstoffe per Termin an Indexfonds verkaufen und so das Lagerrisiko loswerden. Produzenten könnten dann größere Lager finanzieren und der Markt wird weniger volatil.

Was aus 1.000 Euro in zehn Jahren wurde

Deutscher Aktienindex (Dax)

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren: +88,8 Prozent (ohne Dividenden)

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.888 Euro

Dow Jones

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +52,7 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.527 Euro

EuroStoxx 50

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +31,3 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.313 Euro

Nikkei

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +10,1 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1101 Euro

Chinesische Aktien (Shanghai B-Index)

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +10,3 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.103 Euro

MSCI Emerging Markets

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +228 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 3.285 Euro

Gold

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +314 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 4.142 Euro

Silber

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +428 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 5.275 Euro

Öl

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +221 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 3.205 Euro

Weizen

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +92 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.916 Euro

Kaffee

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +151 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 2.509 Euro

Staatsanleihen (Rexp)

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +67 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.666 Euro

Unternehmensanleihen (Citigroup World BIG Corporate Index)

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +56 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.559 Euro

Sparbuch

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.095,90 Euro*

*bei einem durchschnittlichen jährlichen Zinssatz von 0,92 Prozent (Spareckzins)

Tagesgeld

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.209 Euro*

*bei einem durchschnittlichen jährlichen Zinssatz von 1,92 Prozent

Festgeld

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.266 Euro*

*bei einem durchschnittlichen jährlichen Zinssatz von 2,39 Prozent

Der Indexfonds bietet also eine Art Versicherung an, für die er eine Prämie vom Produzenten erhält. "Je mehr Indexfonds am Markt sind, desto geringer wird die Versicherungsprämie, die vom Produzenten verlangt werden kann", so Scherer. Das ist positiv: Die sogenannten Spekulanten sorgen für den dringend benötigten Risikotransfer und Liquidität. Auch die Meinung, dass auch die Nachfrage an den Terminbörsen auf den Kassamarkt durchschlage, stimme nicht. Wenn der standardisierte Terminkontrakt (Future) ausläuft, neutralisieren sich die auf steigende und sinkende Preise ausgerichteten Kontrakte (als "Long-" und "Short-Positionen" bezeichnet), und es wird kein Körnchen Getreide mehr nachgefragt. "Es gibt keinen Beweis in der akademischen Literatur, dass spekulative Kapitalströme einen kausalen Einfluss auf die Preise haben", sagt Scherer.

Kommentare (6)

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08.09.2012, 10:44 Uhr

Eine gute Zusammenfassung der Situation. Es gilt jedoch noch einen anderen Gesichtspunkt zu beachten.
Ein Landwirt kann von Saison zu Saison in weiten Grenzen bestimmen, was er anbaut. Wie jeder Unternehmer richtet er sich da nur nach dem Markt und nicht nach gesamtwirtschaftlichen oder ethischen Gesichtspunkten. Er ist hierbei viel beweglicher als jeder industrielle Unternehmer, der z.B. seine Lkw-Produktion nicht so rasch umstellen kann auf die Produktion von Nachttöpfen oder Satellitenschüsseln.
Auf diese Weise wurden viele, vielleicht schon zuviele, weggelockt vom Getreideanbau hin zu Energie-Saaten (Mais und Raps), veranlaßt durch die Subventionierung und Zwangsbeimischung des Biosprits und die dadurch reichlicheren Preise. In D reicht nun die heimische Getreideente nicht mehr aus, die eigene Bevölkerung zu ernähren. Die Agrarüberschüsse des EU-Agrarmarkts sind inzwischen Historie, heute kaufen D und andere Länder den ärmeren die Nahrungsmittel vor der Nase weg.

Richard

08.09.2012, 17:21 Uhr

Deutschland hat 2010 44 MioTonnen Getreide erzeugt und ca. 9 Mio Tonnen Getreideerzeugnisse verzehrt. Wo ist das Getreideproblem in Deutschland??"

Account gelöscht!

08.09.2012, 18:30 Uhr

@Richard
Das mag wohl stimmen. Aber bitte meinen Beitrag nochmal lesen. Niemand kann sein Produkt schneller ändern als der Landwirt. Und die laufen bekanntlich immer in dieselbe Richtung, siehe Schweinezyklus. Seit 2010 hat sich gewaltig viel geändert in der Gesetzgebung (E10) und im Preisgefüge.
In Bayern wird ein Landwirt Ökonom genannt, offensichtlich nicht ganz zu Unrecht.

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