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14.03.2006

21:21 Uhr

Rohstoffexperten fürchten Nachfrageeinbruch

Vogelgrippe belastet Märkte

VonDieter Claassen und Regine Palm

An den internationalen Rohstoffmärkten zeichnet sich ein neuer Unsicherheitsfaktor ab: die Vogelgrippe. Bisher konzentrierten sich Analysten und Spekulanten vor allem auf mögliche Auswirkungen schrumpfender Geflügelbestände, zunehmend richtet sich der Fokus aber auf die Nachfrageeffekte – insbesondere bei Agrargütern wie Mais und Weizen.

Kranke Vögel lassen die Märkte zittern. Foto: dpa dpa

Kranke Vögel lassen die Märkte zittern. Foto: dpa

LONDON/DÜSSELDORF. Dabei wurden bislang gerade für die Agrarmärkte überdurchschnittliche Preissteigerungen erwartet. Doch Sudakshina Unnikrishnan von Barclays Capital in London warnt nun vor übertriebenen Erwartungen etwa bei Weizen. Denn eine Ausweitung der Vogelgrippe würde den Aufwärtstrend zumindest bremsen. Bei Mais könnte der Preis sogar fallen, denn als wesentlicher Preistreiber galt bislang die beträchtliche Ausweitung der Geflügelhaltung in China. Durch die Ausbreitung der Vogelgrippe – besonders dann, wenn weitere Menschen daran erkranken sollten – , drohe dem Maisanbau weltweit „ein schwerer Schlag“, warnt auch die Londoner Economist Intelligence Unit, EIU. Das Problem könne die Branche noch über Jahre belasten. Der Internationale Getreiderat (IGC) in London hat seit Februar ähnliche Beobachtungen an den Getreidemärkten gemacht. Dort lasse sich die Vogelgrippe nicht mehr ignorieren.

Besonders detailliert hat sich die Deutsche Bank mit den möglichen Auswirkungen der Vogelgrippe befasst. Rohstoffexperte Michael Lewis versucht in seinem Krisenszenarium sogar die möglichen Effekte auf die Märkte für Industriemetalle und Energieträger abzuschätzen (siehe „Sechs Fragen an“ auf der nächsten Seite).

Den Nachfrageeinbruch bei Weizen und Mais sieht Lewis wegen der geringeren Nachfrage des Geflügelsektors recht gelassen. Bei Weizen sprächen die „Fundamentals“, also hauptsächlich wetterbedingte Ernteausfälle in wichtigen Anbauregionen, vielmehr weiterhin für eher steigende Preise. Außerdem komme der Verfütterung von Weizen und Mais an Geflügel ein geringerer Stellenwert zu als der bei Rindern und Schweinen.

Ähnlich schätzt Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der DZ Bank, die möglichen Auswirkungen an den Märkten ein. Eine Ausweitung der Vogelgrippe würde sich wohl nur kurzfristig in rückläufigen Preisen etwa bei Sojabohnen oder Weizen niederschlagen. „Doch langfristig könnte es auch positive Auswirkungen auf die Futtermittelpreise geben“, meint Weinberg. Denn auf lange Sicht könnten die Verbraucher von Geflügel auf andere Fleischprodukte ausweichen. Und Rinder oder Schweine brauchten eben deutlich mehr Futter als Geflügel. Eine Argumentation, der Ulrich Niemann, Präsident des Deutschen Verbands Tiernahrung (DVT), zumindest für die gewerblich hergestellten Futtermittel nicht ganz folgen mag. Denn laut Niemann werden die Konsumenten ihr Kaufverhalten nicht so schnell ändern. Zudem sei zwar richtig, dass der Futtermittelbedarf etwa bei Rindern höher sei, doch für seine Branche macht er sich wenig Hoffnung.

Der Futterbedarf werde hier nur zu rund 20 Prozent durch die gewerbliche Futtermittelherstellung gedeckt. „Doch die Geflügelproduktion basiert fast ausschließlich auf Futter der Branche“, sagte der DVT-Präsident dem Handelsblatt. Entsprechend groß sind auch die Sorgen der deutschen Futtermittelbranche. Noch gut in Erinnerung ist der Ausbruch der Vogelgrippe in den Niederlanden 2003, als Hunderttausende Tiere getötet werden mussten. Derartige Ereignisse hätten „verheerende Folgen für den Mischfutterabsatz“, sagte Niemann vergangene Woche in Bonn. Im Mischfutter ist beispielsweise Weizen, Soja- oder Rapsschrot enthalten.

Zwar habe die Vogelgrippe die Nutztierbestände in Deutschland noch nicht erreicht, doch spüre die Branche bereits die Auswirkungen. Grund dafür ist laut Niemann das zögernde Verhalten der Tierhalter selbst, die ihre Bestände zurzeit eher niedrig halten und mit so genannten Neuaufstallungen abwarteten. 2005 haben die deutschen Mischfutterhersteller ca. 19,6 Mill. Tonnen Futter hergestellt.

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