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27.07.2015

16:51 Uhr

Rubel-Verfall

Russlands Wirtschaft drohen eisige Zeiten

Lange haben Investoren an Russland geglaubt - trotz Aktiencrash und Sanktionen. Doch der schwache Ölpreis macht dem Rubel zu schaffen. Nun ist die Währung auf einem Viermonatstief. Und die Anleger ergreifen die Flucht.

Russland steuert auf die schlimmste Rezession seit sechs Jahren zu. Grund ist der Rohöl-Preisverfall. dpa

Weltwirtschaft - Russland

Russland steuert auf die schlimmste Rezession seit sechs Jahren zu. Grund ist der Rohöl-Preisverfall.

DüsseldorfDie russische Wirtschaft muss sich auf eine eisige Rezession einstellen - das zumindest erwarten Analysten einiger Großbanken, darunter jene von JPMorgan Chase und Morgan Stanley. Am Montag fiel die russische Währung, der Rubel, gegenüber dem Dollar auf ein Vier-Monats-Tief: Auf einen Dollar kamen demnach 59,47 Rubel - ein Rückgang um 1,8 Prozent innerhalb eines Tages.

Grund für die Schwäche der Währung ist der Preisverfall des Rohöls, des wichtigsten Exportguts des Landes. Zusammen mit Erdgas macht Öl rund die Hälfte aller russischen Exporteinnahmen aus. Ein Preisrückgang trifft die russische Wirtschaft deshalb an einer sehr empfindlichen Stelle. Seit seinem Jahreshoch im Juni ist der Preis des Rohstoffs um rund 20 Prozent eingebrochen. Am Montag kostete ein Barrel Brent-Öl rund 53,2 US-Dollar. Grund dafür ist das Überangebot an Schieferöl aus den USA. Hinzu kommt die wachsende Sorge, dass auch China im Zuge einer Konjunkturabkühlung weniger Öl nachfragt. Zuletzt veröffentlichte Konjunkturdaten belegen das: So soll die chinesische Industrie so stark geschrumpft sein wie seit 15 Monaten nicht mehr.

Wie Anleger in den Devisenmarkt investieren können

Zertifikate

Über Zertifikate können Kleinanleger auf die Entwicklung ganz verschiedener Währungspaare wetten. Besonders beliebt ist das Verhältnis Euro zu Dollar. Je nach Art des Zertifikats steigt das Risiko. Während es bei Zinszertifikaten vergleichsweise begrenzt ist, spielen die Anleger mit verschiedenen Hebelprodukten wie den sogenannten Knock-Outs alles oder nichts. Sollte der Basiswert, also der Devisenkurs, während der Laufzeit die festgelegte Knock-Out-Schwelle durchbrechen, ist die Wette verloren. Geht der Plan auf, winkt wegen der Hebelwirkung des Zertifikats der große Gewinn.

Optionen

Optionen ermöglichen mit geringem Einsatz hohe Gewinne - bei gleichzeitig hohem Risiko. Wer eine Option kauft, geht ein Termingeschäft ein. Der Käufer erwirbt das Recht, eine Währung zu einem festen Kurs und innerhalb einer festgelegten Frist einzutauschen. Der Reiz daran ist, dass er für die Option nur einen Bruchteil des eigentlichen Wertes bezahlen muss, gewissermaßen als Pfand. Durch den kleinen Einsatz ist eine extreme Hebelwirkung möglich. Optionsgeschäfte sind im Devisenhandel weit verbreitet. Im Internet bieten Broker diese Wetten auch für Privatanleger an. Die Angebote unterscheiden sich deutlich bei Gebühren, dem maximal möglichen Hebel oder der Differenz zwischen An- und Verkaufskursen. Unerfahrene Anleger sollten lieber die Finger davon lassen.

Direkthandel

Den direkten Zugang zur großen, weiten Welt der Währungen bieten Online-Plattformen wie Alpari oder Forex Capital Markets (FXCM). Nach vorsichtigen Schätzungen liegt die Zahl der Nutzer in Deutschland zwischen 50.000 und 70.000. Der Handel funktioniert in erster Linie über Hebelprodukte, mit denen man schon auf winzige Änderungen bei der vierten oder fünften Nachkommastelle wetten kann. Die Zugangsschwelle für Privatanleger ist niedrig, weil die Transaktionskosten sehr gering sind. Wer 10.000 Dollar kauft, zahlt bei manchen Brokern gerade mal zwei Dollar Gebühr.

Währungskonten

Einige Banken bieten ihren Kunden sogenannte Währungsanlagekonten an. Das Prinzip ist einfach. Der Anleger verschiebt eine Summe X auf sein Währungskonto - ähnlich wie bei einem Tagesgeldkonto, nur in einer anderen Währung. Wechselt er sein Geld etwa in Franken, bleibt es geschützt, falls der Euro gegenüber der Schweizer Währung fallen sollte. Neben der möglichen Aussicht auf Wechselkursgewinne lockt bei manchen Angeboten zusätzlich ein fester Zins.

Devisenfonds

Erst seit 2004 dürfen Fondsgesellschaften Währungsgeschäfte nicht nur zur Kurssicherung, sondern auch als eigenes Anlageprodukt anbieten. Bei den Fonds unterscheidet man aktive und passive. Aktiv heißt, dass ein Manager den Devisenfonds verwaltet. Er investiert in Geldmarktpapiere - das sind kurz laufende Anleihen - unterschiedlicher Währungen oder schließt Devisentermingeschäfte ab. Die passive Variante funktioniert über börsengehandelte Indexfonds, sogenannte Exchange Traded Funds (ETF). Hier profitiert der Anleger von der Entwicklung eines bestimmten Währungskorbs. ETFs kosten weniger Gebühren, können aber nicht auf überraschende Veränderungen reagieren. Auf dem deutschen Markt stehen rund 60 Devisenfonds zur Auswahl.

Aktien/Anleihen

Um indirekt von Währungseffekten zu profitieren, können Anleger auch Aktien oder Anleihen aus anderen Ländern kaufen. Neben möglichen Kursgewinnen winken Wechselkursgewinne, vorausgesetzt natürlich der Euro verliert zur jeweiligen Fremdwährung weiter an Wert.

Für die russische Regierung bedeutet der jüngste Öl- und Währungsverfall ein weiteres Problem. Bereits jetzt ist die Inflationsrate so hoch wie seit 13 Jahren nicht mehr. Die russische Zentralbank steuert mit hohen Leizinsen dagegen, was wiederum die Wirtschaft des ohnehin angeschlagenen Landes weiter drosselt. „Sollten der Ölpreis und der Rubel in den kommenden Tagen weiter fallen, könnte es den Handlungsspielraum für eine Lockerung der Geldpolitik einschränken”, prognostizieren die Analysten von JPMorgan in einem Brief an ihre Kunden. Bislang gehen die Analysten von einer Senkung des Leitzinssatzes auf elf Prozent am kommenden Freitag aus.

Immer mehr mehr Investoren verlieren den Glauben daran, dass sich Russlands Wirtschaft nachhaltig erholen kann. „Im Moment zeigt sich der Markt stabil”, kommentiert Ruchir Sharma, Emerging-Markets-Stratege der US-Investmentbank Morgan Stanley. „Allerdings geht diese Stabilität mit einer Stagnation einher. Der Ölpreis scheint sich auf einem niedrigen Niveau einzupendeln. Und ich bin mir nicht sicher, wie lange Stabilität und Stagnation wirklich Hand in Hand gehen können.”

Kommentare (9)

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Jakob Herzberger

27.07.2015, 17:44 Uhr

Es wird den Russen bei Gelegenheit schon noch aufgehen, dass Angriffskriege gegen Nachbarstaaten schlecht für Wirtschaft und Wohlstandsniveau im eigenen Lande sind. Die hätten uns Deutsche vorher fragen sollen, dann hätten wir dieses Geheimnis sicher gerne preisgegeben.

Das Putinregime in Moskau gibt ein erbärmliches Bild von sich ab. Mit den Denkmustern des 20. Jahrhunderts sind sie in der Gegenwart hoffnungslos verloren. Selbst wenn man morgen wieder Kapital und Knowhow ins Land holen könnte, wäre eine halbe Generation Zeit für den Wohlstandsaufbau verloren gegangen. Bitter traurig für alle, die den Russen etwas besseres gewünscht hatten und sie als langfristigen Partner in Europa wünschen.

Und bevor jetzt gleich wieder die 5. Kolonne Schreiberlinge auftauchen und ihre US-imperialistischen Verschwörungstheorien ausbreiten: Das ändert auch nichts. Wenn die Amis wirlich eine Falle gestellt hätten, war Putin immerhin dämlich genug um mit wehenden Fahnen reinzustürmen. Seine politische Verantwortung für den jetzigen Morast muss er schon selber tragen, egal wie lange er mit dem Finger auf die CIA zeigt. Sein Volk, sein Land, seine Verantwortung.

Account gelöscht!

27.07.2015, 18:03 Uhr

Das haben Sie sehr schön geschrieben, schade das Ihnen keiner antwortet, da Sie soviel Freizeit für diesen Kommentar geopfert haben.

Herr stephan heinrich

27.07.2015, 18:24 Uhr

Ich war vorletzte Woche noch in Russland, zuletzt in Moskau. Der €uro brachte an den zahlreichen Wechselstuben, in der Rubel frei (!) gekauft und verkauft werden können, zuletzt bis zu 62 Rb. Von allgemeiner Verunsicherung konnte ich allerdings nichts erkennen. Das Warenangebot in den Supermärkten entspricht weitgehend dem unsrigen. Nur die Äpfel kommen jetzt aus Chile und Neuseeland, das Importfleich aus Brasilien. Französische Weine sind jedoch weiterhin im Angebot und zahlreiche Geschäfte werben mit deutschen Schuhen oder Einbauküchen. Rezession, Krise oder angeblich so wirksame Sanktionen sehen anders aus...

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