Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.05.2013

06:17 Uhr

Schieferöl

Die Fracking-Blase

VonSebastian Ertinger

Schiefergas beschert den USA einen Energie-Boom. Nun soll Öl aus alternativen Quellen das Land unabhängig von Energie-Importen machen. Doch einige Experten halten die euphorischen Prognosen für überzogen.

Gasförderung

Merkel will Fracking enge Grenzen setzen

Gasförderung: Merkel will Fracking enge Grenzen setzen

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

DüsseldorfDie Vorkommen aus Schieferöl werden überschätzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Investmentgesellschaft Investec. Demnach kann von einer Unabhängigkeit der USA von Ölimporten keine Rede sein. Die Internationale Energieagentur (IEA) hatte Ende 2012 die USA auf dem Weg vom weltgrößten Energieimporteur zum Selbstversorger gesehen. Den Experten zufolge sollte sich das Land dank der üppigen Vorkommen aus alternativen Quellen bis 2030 vom Importeur zum Exporteur wandeln.

Schiefergas entfachte in den USA einen Energieboom. Der Grund dafür sind neue Fördermethoden, die bislang unerreichbare Gasquellen erschließen. Bei der „Fracking“ genannten Methode werden unter hohem Druck Wasser, Sand und Chemikalien in poröse Schiefergesteinsformationen gepresst, um darin gebundenes Gas an die Oberfläche befördern zu können. Per Fracking wird nun auch verstärkt Öl gewonnen.

Doch Charles Whall von Investec hält die optimistischen Prognosen für übertrieben. „Die Hoffnung auf eine Unabhängigkeit der USA von Energieimporten ist unrealistisch“, sagt Energieexperte Whall. Denn die Prognosen stützten sich auf zwei überzogene Annahmen: Zum einen müsste die US-Ölproduktion um fünf Millionen Fass Öl pro Tag steigen. Whall hält aber nur einen Zuwachs von zwei Millionen Barrel Öl am Tag für realistisch. Ein Barrel oder Fass Öl entsprich 159 Litern.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

Beginne der Ölförderung

Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen finden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 steigt der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt müssen damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fällt mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig ist.

Vollgas mit Benzin

Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 19. Jahrhunderts steigt die Öl-Nachfrage rasant; speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum Massenprodukt wird. 1929 fahren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen. Der Verbrauch liegt 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise bleiben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wird.

Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

In den 30er Jahren kommt die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hat. Während der Weltwirtschaftskrise verringert sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sinkt auf ein historisches Tief. 1931 müssen bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

Goldene Zeitalter des billigen Öls

Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hat, steigt der Preise für Öl wieder, bleibt aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

Erste Ölkrise

In den 70er und 80er Jahren kommt der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselt, um politischen Druck auszuüben, vervierfacht sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostet ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekommen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland bleiben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bilden sich Schlangen vor den Tankstellen.

Preisexplosion während des Golfkriegs

Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zieht der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wird dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodieren die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostet ein Barrel 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116 Dollar).

Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

Die 80er und 90er Jahre sind – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befinden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gibt es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sinkt die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 werden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt.

Ein rasanter Anstieg

Nach Überwindung der Krise wachsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgen nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 steigt der Ölpreis erstmals über 100 US-Dollar je Barrel, Mitte des Jahres sogar fast auf 150 Dollar. Ein Grund für den Preisanstieg war der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt. Die Finanzkrise ließ den Preis Ende 2008 allerdings wieder abstürzen.

Ölpreis heute

Ein weltweites Überangebot hält die Preise weiterhin auf niedrigem Niveau. Aktuell kostet ein Barrel Brent rund 30 US-Dollar.

Die USA müssten zudem von Treibstoffen auf Ölbasis wie Benzin oder Diesel auf Gas umschwenken, damit das Land zum Selbstversorger werden könnte. Der größte Teil des Energieverbrauchs in den USA entfällt auf den Transportbereich. Doch eine großangelegte Umstellung von Öl auf Gas ist nicht abzusehen. „So eine Transformation wäre langwierig und müsste auch von der Politik eingeleitet und gelenkt werden – und das sehen wir derzeit nicht“, sagt Whall.

Die Umweltfolgen des Fracking sind allerdings kaum erforscht. Kritiker in Deutschland fürchten vor allem um das Trinkwasser. Trotz einer Einigung zwischen Union und FDP hat ein Fracking-Gesetz im Bundesrat praktisch keine Chance – vielen Bundesländern sind die Umweltauflagen nicht streng genug.

In den USA hingegen erlebt das Fracking einen beispiellosen Boom. Der neue Energiereichtum stärkt auch die Wirtschaft. In den Bundesstaaten mit großen alternativen Lagern wie North Dakota, Pennsylvania oder Texas siedeln sich Unternehmen an. Konzerne mit hohem Energieverbrauch eröffnen neue Werke in der Region. Sogar ausländische Firmen verlagern teilweise ihre Produktion. So will der österreichische Stahlreise Voestalpine für rund eine halbe Milliarde Euro ein Werk in den USA aufbauen. Die Vertreter der erdölexportierenden Länder (OPEC) diskutieren bei ihrem Treffen am Freitag auch über die Folgen der US-Energieschwemme für den Ölmarkt.

Kommentare (47)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

vandale

31.05.2013, 07:37 Uhr

Vor 20 Jahren gab es in Deutschland in ernsthaften Zeitungen auch ernsthafte Artikel zu Erdöl und Dergleichen. Wenn man die Erdölförderung der UA in Frage stellt, hätte es sich angeboten die Fördergebiete und deren Erwartungen zu diskutieren.

In dem Artikel wird die Aussage, dass die künftige Förderung enttäuschend sein könne mit Oekoreligion, Energiewatch Group und Deutscher Anti-Fracking-Phantasie vermischt.

Der Author hat dann die Oekoreligion bemüht um sich die Auseinandersetzung mit der Thematik zu ersparen.

Schade um die Zeit!

Vandale

Account gelöscht!

31.05.2013, 07:48 Uhr


... und genau deshalb sollte man es in Deutschland mit Fracking-Genehmigungen nicht überstürzen, sondern erst einmal das große amerikanische Experiment abwarten und die Folgen genau untersuchen (und zwar nicht ausschließlich mittels Informationen von den Fracking Firmen oder der US-Regierung = Lobbykratur).

Es besteht von unserer Seite auch überhaupt keine Eile. Die Schiefergas-Vorkommen, die man in Deutschland und Europa findet sind wohl schon ein paar Jahre dort und laufen vermutlich auch nicht davon. Währenddessen arbeiten unsere anglo-amerikanischen Freunde ja auch in Syrien fleißig daran, daß künftig eine Pipeline von Katar aus billiges Gas nach Europa bringen kann (um das Gasprom-Monopol zu brechen) und auch im östlichen Mittelmeer (u.a. Griechenland) sind enorme Gasvorkommen zu finden. Warum also die Eile? Sparen wir uns das Ganze doch lieber noch ein paar Jahrzehnte auf, wenn wir diese Rohstoffe vielleicht wirklich brauchen.

Könnte es sein, daß es den Ölmultis, die sich kürzlich in DE spott-billig die Lizenzen für diese Vorkommen erworben haben, es auf den Nägeln brennt, so schnell wie möglich das meiste herauszuholen, bevor der Schwindel in den USA auffliegt und unter Umständen auch die Umweltschäden erkennbar werden?
Wir müssen diese Fragen nicht beantworten, auch nicht, ob es große Umweltschäden gibt, sondern NUR WARTEN.
Die Technologie der Schiefergas-Gewinnung wird in dieser Wartezeit sicher auch nicht schlechter.

Warum also diese Eile in Deutschlands/Berlins Lobbykratur?
Wo sind übrigens die Grünen und die ganzen angeblichen Umweltschutz-Organisationen (Öko-Schutzgeld-Erpresser), wenn es um solche Fragen geht? Sind die Grünen Ökos oder Kommunisten?

vandale

31.05.2013, 07:52 Uhr

Ergänzung...

Interessant wäre es gewesen die künfitge US Öl-Förderung aus Tiefseequellen im Golf von Mexico, die Förderung aus Quellen vor der Atlantikküste zu diskutieren. Interessant wäre es auch gewesen verschiedene Erwartung zur künftigen Oelförderung aus dem Fracking zu lesen.

Die religiöse Hoffnung einer Oekogruppe, dass die Oelförderung in den USA nicht zu sehr ansteigen wird, ist nicht hilfreich. Es ist zu vermuten, dass diese Gruppe analog Deutscher Oekologen nur über kommunikative Fähigkeiten verfügt. Dort dominiert dann der Wunsch, dass das Industriezeitalter durch einen Mangel an Rohstoffen endlich zu ende gehen möge und eine verarmte, mittelalterliche Gesellschaft kommen möge.

Interessant ist die Aussage, dass es einer staatlichen Steuerung bedürfe um den Energieverbrauch des US-Transportsektors von Oelprodukten hin zu Gas zu lenken. In den USA gibt es kapitalistische Motive, wie Kosten und Praktikabilität die den Energieverbrauch lenken.

Vandale

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×