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17.09.2012

14:20 Uhr

Schuldenkrise

Fifty-Fifty, dass der Euro zerbricht ...

Der Euro steigt, die Renditen der Krisenländer sinken, an den Börsen wird gefeiert. EZB-Chef Mario Draghi scheint bei der Währungsrettung voranzukommen. Das lässt sich auch an manch abstruser Statistik ablesen.

Wie viel ist der Euro tatsächlich wert? dpa

Wie viel ist der Euro tatsächlich wert?

FrankfurtDer Euro feiert derzeit ein fulminantes Comeback. Mittlerweile notiert die Gemeinschaftswährung wieder deutlich über der Marke von 1,30 Dollar. Damit hat der Euro seit seinem Jahrestief Ende Juli rund zehn Cent gutgemacht.

Doch nicht nur gegenüber dem Dollar hat der Euro derzeit Oberwasser. Laut Nachrichtenagentur Bloomberg hat der Euro im vergangenen Monat die stärkste Entwicklung unter den zehn größten Industrieländern (G10) hingelegt. Selbst der Franken, dessen Mindestkurs von 1,20 Franken zum Euro die Schweizer Notenbank in den letzten Monaten nur mit großen Devisenkäufen verteidigen konnte, ist als Fluchtwährung derzeit nicht mehr gefragt.

Die größten Schuldenmacher in der Euro-Zone

Irland

Das höchste Defizit in der Euro-Zone hat Irland. Es beträgt 8,3 Prozent des Bruttosozialprodukts.

Griechenland

Rund 7,3 Prozent beträgt das Haushaltsdefizit Griechenlands für 2012.

Spanien

Der Krisenstaat auf der Iberischen Halbinsel kommt auf ein Haushaltsdefizit von 6,9 Prozent.

Slowakei

Platz vier unter den größten Schuldensündern belegt mit einem Defizit von 4,8 Prozent die Slowakei.

Portugal

Knapp hinter der Slowakei reiht sich Portugal ein: Hier schlägt 2012 ein Defizit von 4,7 Prozent des Bruttosozialprodukts zu Buche.

Frankreich

Mit Hilfe von Steuererhöhungen und Einsparungen will Frankreich sein Haushaltsdefizit im nächsten Jahr eindämmen. Dieses Jahr beträgt es noch 4,5 Prozent.

Niederlande

Rund 20 Milliarden Euro müssten die Niederlande sparen, um ihr Defizit unter drei Prozent zu drücken. Derzeit liegt es bei 4,4 Prozent des Bruttosozialprodukts.

Slowenien

Auch Slowenien ringt mit steigender Verschuldung und schrumpfendem Wirtschaftswachstum. Das Haushaltsdefizit liegt 2012 bei 4,3 Prozent.

Zypern

„Sparen, kürzen, streichen“: So lautet auch das Motto in Zypern. Das Haushaltsdefizit liegt 2012 bei 3,4 Prozent des Bruttosozialprodukts.

Grund für die Euro-Rally ist das neue Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank und das positive Urteil zur Verfassungskonformität des Euro-Rettungsschirms. "Offensichtlich gehen viele Marktteilnehmer derzeit davon aus, dass das unbegrenzte Einschreiten der EZB nicht nur ein kurzfristiges Auseinanderbrechen der Euro-Zone verhindert, sondern auch eine langfristige Lösung darstellen könnte", sagt Lutz Karpowitz, Devisenanalyst von der Commerzbank.

Dass der Euro noch weiter steigen könnte, glauben auch immer mehr Spekulanten, die am Devisenmarkt aktiv sind. An der weltgrößten Terminbörse in Chicago sind die Wetten auf einen künftig fallenden Euro gegenüber einem steigenden Euro in den vergangenen Wochen deutlich gesunken. Trotzdem haben die Euro-Pessimisten weiter die Oberhand, wenn auch nur noch mit 102 000 Terminkontrakten Vorsprung. Zum Vergleich, Ende Mai waren es noch mehr als doppelt so viele.

EZB-Anleihe-Programm zur Lösung der Euro-Krise

Mehr Transparenz

Die EZB hatte im Mai 2010 nach einem Wochenende hektischer Rettungsaktionen der Euro-Staaten für Griechenland spontan ein Anleihekaufprogramm beschlossen. Die Konditionen des „Securities Market Programme (SMP)“ blieben weitgehend im Dunkeln. Die EZB gab lediglich im Nachhinein wöchentlich bekannt, welche Summen an Staatspapieren aus dem Markt genommen wurden, ohne dabei die Länder zu nennen. Zu beobachten war im Handel aber, dass die Zentralbank zunächst Griechenland und dann Irland und Portugal stützte, die unter den Rettungsschirm EFSF geschlüpft waren. Im Sommer 2011 folgten Spanien und Italien. Das Interventionsvolumen von SMP beläuft sich auf 209 Milliarden Euro.

Verzicht auf Limits

So wie unter dem alten Programm nennt die EZB unter dem neuen Plan namens OMT („Outright Monetary Transactions“) vorab keine Summe über mögliche Anleihekäufe. Mit dem Verzicht auf ein Limit signalisiert die Zentralbank, dass sie einen langen Atem hat. Die Notenbank will sich bei den Laufzeiten der betroffenen Staatspapiere auf eine Spanne von einem Jahr bis drei Jahren beschränken. Begründet wird das mit dem Ziel des Programms: Der EZB geht es nicht darum, die Anleihezinsen zu drücken, um den Regierungen die Staatsfinanzierung zu verbilligen.

Niedrige Zinsen kommen nicht beim Verbraucher an

Sie begründet ihr Eingreifen damit, dass die hohen Zinsen auf Staatspapiere indirekt die Kreditzinsen für die Verbraucher nach oben treiben. Der rekordtiefe Leitzins der Notenbank von 0,75 Prozent komme bei den Bankkunden nicht an. Die Übertragung der auf stabile Preise zielenden Geldpolitik sei damit gestört. Als Zeitraum für das Durchwirken der Leitzinsen auf die Marktzinsen veranschlagt die Zentralbank etwa drei Jahre.

Keine Hilfe ohne Spar- und Reformprogramm

Als Lehre aus der Hilfsaktion für Italien will die EZB in Zukunft nur den Ländern unter die Arme greifen, die den Rettungsfonds EFSF und seinen Nachfolger ESM um Hilfe bitten. Es kann sich dabei um ein umfangreiches Hilfsprogramm zu Staatsfinanzierung handeln oder um vorbeugende Kreditlinien bei ersten Finanzierungsengpässen. Die Regierungen müssen sich als Gegenleistung zu einem strikten Spar- und Reformprogramm verpflichten. Im vergangenen Jahr hatte die italienische Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi die Reformbemühungen gedrosselt, als die Zinsen dank EZB-Anleihekäufen sanken. Die EZB wird künftig im Nachhinein bekanntgeben, von welchen Ländern sie Staatsanleihen gekauft hat.

EZB verzichtet auf Privilegien

Bisher genoss die EZB einen bevorzugten Gläubigerstatus. Damit würde die Notenbank bei einem Ausfall von Anleihen entschädigt, während viele Privatanleger Verluste hinnehmen müssen. Das wirkt abschreckend auf private Anleihekäufer und erschwert die angestrebte Entspannung bei den Zinsen. Die EZB will deshalb künftig auf das Privileg verzichten. Sie muss deshalb so wie die beteiligten nationalen Notenbanken im Pleitefall Verluste hinnehmen.

Inflationsbremse bleibt angezogen

Wie bisher will die EZB verhindern, dass durch den Aufkauf von Staatsanleihen die Geldmenge wächst, weil den bisherigen Besitzern der Anleihen frisches Geld zufließt. Die Notenbank erreicht das, indem sie die Anleihekäufe neutralisiert. Über ihre Geldmarktgeschäfte entzieht die EZB den Banken das Geld, das sie zuvor für Staatsanleihen neu geschaffen hat.

Gewinne beim Euro haben die Devisenanalysten ab Anfang August vorhergesagt, inzwischen macht sich unter einigen jedoch Skepsis breit. Strategen der Commerzbank, von Morgan Stanley und der Royal Bank of Canada erwarten, dass der Euro auf Zwölfmonatssicht in Richtung 1,15 Dollar sackt. "Die vermeintliche Partydroge der EZB wird letztendlich Gift für die Sparanstrengungen der Regierungen sein und die Euro-Länder dürften die Monetarisierung der Staatsverschuldung damit früher oder später mit hohen Inflationsraten bezahlen", meinen die Commerzbank-Devisenstrategen. Zugleich sei die momentane Dollar-Schwäche nur vorrübergehend.

Kommentare (29)

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Widerstand

17.09.2012, 14:34 Uhr

Ninety-ten, dass Deutschland und Europa am Euro zerbrechen!

Bei 50% Jugendarbeitslosigkeit in den Mittelmeerstaaten und dank Draghi stark abnehmender Bereitschaft zu Strukturreformen in den Mittelmeerstaaten ("Wir akzeptieren keine weiteren Bedingungen") wird entweder der Euro oder Europa zerbrechen. Am Ende zählt die Realwirtschaft. Menschen, die nicht arbeiten, können keine Werte produzieren und niemals Schulden oder auch nur Zinsen zahlen.

Die Jugendarbeitslosigkeit ist Gift. Die mangelnde Qualifizierung der jetzigen Jugend in diesem Umfang bedeutet mittelfristig den Untergang für diese Wirtschaften. Zurück bleibt ein ausgeplündertes, ausgelaugtes Europa. Und das alles wegen des Vollidiotenprojektes "Euro".

Merke: Banker produzieren keine Waren und damit auch keinen Wohlstand. Sie sind die moderne Form des Raubrittertums.

Leopold

17.09.2012, 14:41 Uhr

Währungsrettung? Alles dient nur zum Vorteil der Banken. Und die Banken haben ein Interesse und verdienen daran, dass die EU mit immer neuem Geld geflutet wird. Das hilft den Staaten und Europa zwar immer nur kurzfristig, verbrennt aber viel Geld. Besser wäre für alle ein Schuldenschnitt. Aber das wäre dann hauptsächlich zum Nachteil der Banken!

GoToHELLas

17.09.2012, 14:50 Uhr

Der Euro kann mir sowas von scheißegal sein. Ab Oktober wohne ich in Polen :D

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