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16.01.2015

13:34 Uhr

Schweizer Franken und der Euro

Der Mühlstein um Sissis Hals

VonHans-Peter Siebenhaar

Die Kaiserin, sie würde weinen: Die Entkopplung des Schweizer Franken vom Euro würfelt die Devisenkurse durcheinander und trifft Österreich hart. Zehntausende Privathaushalte sind mit Milliarden in Franken verschuldet.

Franken Kurs (16.01.)

Kursverlauf Euro/Schweizer Franken am 15./16. Januar 2015.

WienFür Zehntausende Österreicher drohen die Fremdwährungskredite in Franken nach dem Kurswechsel der Schweizer Nationalbank zum ernsten Problem zu werden. Allein 150.000 Privathaushalte sind in der Alpenrepublik mit knapp 30 Milliarden Euro in Franken-Darlehen verschuldet. Vor allem in den westlichen Bundesländern Vorarlberg und Tirol waren die Fremdwährungskredite populär. Welche Auswirkungen die Freigabe des Franken-Wechselkurses hat, zeigt sich bereits. Die Schulden der österreichischen Privathaushalten stiegen schon jetzt um rund fünf Milliarden Euro.

Doch nicht nur die Bürger geraten arg in Bedrängnis, sondern auch der Staat. Das Bundesland Wien zum Beispiel hat ein Drittel seiner Kredite in Franken. Insgesamt belaufen sich die Darlehen der österreichischen Hauptstadt in Schweizer Währung nach eigenen Angaben auf umgerechnet knapp 1,7 Milliarden Euro. Der Absturz des Euro gegenüber dem aufgewerteten Franken erhöhte schon jetzt den Schuldenstand der zweitgrößten Stadt im deutschsprachigen Raum um mehrere Hundert Millionen.

Das sagten Experten am 15. Januar zum Schweizer Manöver

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin

„Die Entscheidung der Schweizer Notenbank war längst überfällig. Ihre Wechselkurspolitik hat zwar in den vergangenen Jahren Schweizer Exporteure geschützt und deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwächeren Franken unterstützt. Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen. Denn der Franken wird langfristig gegenüber dem Euro aufwerten. Die Wertverluste auf die Devisenreserven könnten deshalb enorm groß werden. Der Zeitpunkt der Entscheidung ist sicherlich nicht zufällig. Die Erwartung eines Anleihenkaufprogramms der EZB sollte den Euro mittelfristig weiter schwächen, und damit die sonst notwendigen Ankäufe und diese Verluste für die Schweizer Notenbank erhöhen.“

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse

„Es war von Anfang an klar, dass die Wechselkursuntergrenze eine temporäre Maßnahme sein soll. Auch die Wirtschaft strebt im Prinzip eine Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen an, aber nicht jetzt. Denn in der gegenwärtig angespannten Situation ist die Gefahr sehr groß, dass es zu einem Überschießen des Frankens kommt. Wir sind davon ausgegangen, dass die Wechselkursuntergrenze für die nächsten Monate noch halten wird.

Wir sind jetzt weit jenseits der Kaufkraftparität, die ich auf 1,29 Franken pro Euro schätze. Mit einer leichten kontinuierlichen Aufwertung kann die Wirtschaft leben. Aber bei einer schockartigen Aufwertung ist die Industrie überfordert. Das wird sehr große Probleme geben.

Es bricht eine schwierige Zeit für die Schweizer Unternehmen an. Dies gilt vor allem für die Export- und Zuliefer-Industrie sowie für den Tourismus. Die Planungssicherheit ist vorderhand weg. Entscheidend ist jetzt, wo sich der Euro einpendeln wird. Mit 1,15 Franken kann die Wirtschaft leben. Bei 1,05 würde es zu einem größeren Einbruch kommen.“

Schweizerischer Gewerkschaftsbund

„Der Entscheid der SNB, den Mindestkurs aufzuheben, gefährdet die Löhne und Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft massiv und erhöht die Deflationsgefahren in der Schweiz. Auch zum Kurs von 1,20 gegenüber dem Euro war der Franken nach wie vor deutlich überbewertet. Mit der Aufhebung der Untergrenze ist der Devisenspekulation nun Tür und Tor geöffnet. Es ist mit einer unkontrollierten Aufwertung zu rechnen. Die bereits heute unter dem überbewerteten Franken leidende Exportwirtschaft (Industrie/Tourismus) wird zusätzlich belastet.“

Christian Lips von der NordLB

„Die SNB scheint nicht mehr an eine Durchsetzbarkeit für den Fall eines EZB-Staatsanleihenankaufprogramms zu glauben – und könnte sich doch mit der Panikreaktion in eine Sackgasse manövriert haben. Zumindest ist die Kommunikation der SNB – bei allem Wohlwollen – als missglückt zu bezeichnen.“

JP Morgan Research

„Die größte Überraschung der heutigen Entscheidung ist, dass die SNB sich gegen einen gelenkten Rückzug entschieden hat – sie hat dem Euro zum Franken komplett den Boden entzogen.

Das ist zwar die sauberste Option für die SNB – alle Verbindungen zur Geldpolitik der EZB können nun gekappt werden. Aber es ist auch die Option mit dem größten Risiko, den Euro-Franken-Kurs unter den fairen Wert zu drücken, den wir bei etwa 1,10 Franken sehen.“

Thomas Gitzel von der VP Bank

„Die SNB beugt sich dem Marktdruck, setzt aber ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Interventionen der vergangenen Wochen waren wohl für die eidgenössischen Währungshüter zu viel. Bei der Einführung des Mindestwechselkurses war an punktuelle Interventionen gedacht, nicht aber an permanente. Letztlich dürfte aber auch die Gold-Initiative eine gewisse Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. (...) Da der Franken auf den aktuellen Kursniveaus deutlich gegenüber dem Euro überbewertet ist, sollten sich nach einer Übertreibungsphase wieder höhere Kursniveaus beim Währungspaar Euro-Franken einstellen.“

Jefferies-Stratege Jonathan Webb

„Die Entscheidung der SNB hat den Markt völlig überrascht. Die SNB geht vermutlich davon aus, dass die EZB in der kommenden Woche auf ihrer Ratssitzung ihre Geldpolitik weiter lockern wird. Angesichts der anstehenden Wahlen in Griechenland wäre es für die Schweizer ziemlich schwierig, den Mindestkurs aufrecht zu halten.“

Chris Beauchamp, Markt-Analyst bei IG

„Meine erste Reaktion war, dass das ein Signal für eine bevorstehende Aktion der EZB ist. Allerdings war die Reaktion an den Aktienmärkten dafür zu negativ. Aber es passiert ja nicht jeden Tag, dass eine Notenbank einfach einer Währung den Boden unter den Füßen wegzieht. Und die Leute haben eindeutig Angst, dass etwas Größeres bevorsteht. Für den Schweizer Markt und die Wirtschaft ist das sehr schlecht, wenn der Franken so rasant steigt und der Euro abstürzt. Die Stimmung ist seit Jahresbeginn ziemlich unruhig, und so eine Nachricht sorgt für Volatilität aus.“

Helaba-Analyst Ulrich Wortberg

„Die Aufhebung des Mindestkurses kommt sehr überraschend und die SNB dürfte an Glaubwürdigkeit verlieren, da sie in den vergangenen Monaten stets die vehemente Verteidigung der Untergrenze betonte. Einen neuen Mindestkurs dürfte es wohl nicht mehr geben, da Marktteilnehmer kein Vertrauen mehr haben, dass dieser langfristig gehalten wird. Der Euro-Franken wird nun den Marktkräften überlassen und es dürften sich Kurse im Bereich der Parität einstellen.“

Wien hat zwar nach Angaben der Vizebürgermeisterin Renate Brauner seit vier Jahren keine Darlehen mehr in Schweizer Franken aufgenommen. Nach Angaben der liberalen Partei „Neos“ habe die Hauptstadt ihren Schuldenstand durch Fehlspekulationen in Franken bereits 2013 um 280 Millionen Euro erhöht.
In der Finanzwirtschaft ist die ohnehin angeschlagene Raiffeisen Bank International (RBI) überproportional betroffen. Sie hat wie keine andere Bank Darlehen in Franken in den Büchern stehen. Für die RBI kommt der buchstäbliche Kurswechsel der Schweizer Notenbank zur Unzeit. Mit dem stark leidenden Russland-Geschäft liegt bereits der größte Gewinnbringer der Raiffeisen darnieder. Welche Auswirkungen die Aufwertung des Frankens für RBI haben wird, lässt die Wiener Bank im Ungewissen. „Über die genauen Auswirkungen der Frankenaufwertung auf die Asset-Qualität geben wir derzeit keine Einschätzung“, hieß es am Freitag von Raiffeisen auf eine Anfrage des Handelsblatts.

Euro: Gemeinschaftswährung fällt auf Elf-Jahres-Tief

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Der Euro fällt weiter gegenüber dem Dollar. Am Freitagnachmittag notiert die Gemeinschaftswährung auf dem tiefsten Stand seit November 2003. Experten erwarten, dass sich der Abwärtstrend fortsetzen wird.

Populär waren Fremdwährungskredite in Schweizer Franken und Euro auch im Nachbarland Ungarn. Das EU-Land besitzt seine eigene Währung, den Forint. In Ungarn sind Privathaushalte allerdings geschützt. Die rechtspopulistische Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán hatte die Banken, allen voran die österreichischen Geldinstitute, dazu genötigt, dass in Darlehensverträgen fixe Wechselkurse festgeschrieben werden. Damit wurde das Problem der variablen Wechselkurse vom Kunden weg zu den Finanzinstituten verlagert. Die Fremdwährungskredite seien „weitgehend“, so ein Raiffeisen-Sprecher, durch das Abkommen mit der Budapester Regierung abgedeckt. In Ungarn gebe es nur noch ausstehende Franken-Kredite von 220 Millionen Franken.

Kommentare (15)

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Herr Michael Müller

16.01.2015, 11:09 Uhr

Gier frisst Hirn!

... und wenn es dann schief geht, ist der Berater schuld!

Jeder, auch die Österreicher, wissen, dass Währungen Schwankungen unterliegen. Sonst würde es ja keine unterschiedlichen Währungen geben.

Vielleicht ist es aber auch zuviel verlangt, dass die Anleger/Entscheidungsträger/Kreditnehmer ihr eigenes Hirn benutzen.

Herr Peter Spiegel

16.01.2015, 11:23 Uhr

Soweit mir bekannt war die gute Kaiserin gerade in Genf
beim Geld zählen als sie ins jenseits mittels Messer befördert wurde. Auch Sissi war schon bekannt wo man sein Geld hinbringt jedoch keinesfalls seine Schulden. Da könnenn die österreichischen Abnicker noch was lernen von ihren Habsburgern.

Herr Thomas Behrends

16.01.2015, 11:53 Uhr

"... nach der Dramatik des Vortags ..."

Warum Dramatik ?

Die Schweizer Nationalbank hat sehr wahrscheinlich realistisch betrachtet, dass der EURO aufgrund des europäischen Quantitative Easing (QE) nicht solide genug sei und folgerichtig eine Anspassung im Wechselkurs zum EURO vorgenommen.

Die zeigt auch ganz deutlich den Vertrauensverlust, den der EURO gegenwärtig genießt.

Na ja, kein Wunder bei all den Subventitions- und Loser-Staaten wie Frankreich, Griechenland, Portugal, Irland etc.

Wer ist der nächste Pleitekandidat ?

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