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26.07.2017

14:06 Uhr

Sinkendes Ausfallrisiko

Türkische Lira auf Rekordtief zum Euro

VonJürgen Röder

Die türkische Lira war noch nie so schwach wie in dieser Woche. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft am Bosporus bald einbricht? Ein Blick auf wichtige Kennzahlen zeigt ein anderes Bild.

Deutsche und türkische Flaggen: Die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen beiden Ländern sind eng. dpa

Türkei

Deutsche und türkische Flaggen: Die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen beiden Ländern sind eng.

DüsseldorfNoch nie war die türkische Währung so preiswert wie am Dienstag: Für einen Euro erhielten Anleger 4,16 Lira – oder mussten umgerechnet nur 24 Eurocent für eine Lira hinlegen. Ist dieses neue Allzeittief gegenüber der europäischen Gemeinschaftswährung ein Indiz dafür, dass die Wirtschaft am Bosporus immer schwächer wird?

Was dafür spricht: Zeitlich gesehen hängt der Kurstrend mit einer Neuausrichtung der deutschen Türkei-Politik zusammen. Als Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) am 20. Juli ankündigte, die Absicherung von Geschäften und Exporten über Hermes-Bürgschaften sowie Investitionskredite und Wirtschaftshilfe auf den Prüfstand zu stellen, lag der Wechselkurs für einen Euro noch bei 4,06 Lira und stieg danach rasant. Außerdem hatte die Bundesregierung die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes verschärft.

Die Türkei in Aufruhr - Wichtige Ereignisse seit dem Putschversuch

Jahrestag des Putschversuchs in der Türkei

Seit dem Putschversuch vor einem Jahr ist die Türkei nicht zur Ruhe gekommen. Eine Auswahl wichtiger Ereignisse:

(Quelle: dpa)

15. Juli 2016

Teile des Militärs beginnen einen Putsch, der am Tag darauf niedergeschlagen wird. Präsident Recep Tayyip Erdogan macht den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen verantwortlich.

20. Juli 2016

Erdogan ruft den Ausnahmezustand aus, der am Tag darauf in Kraft tritt. Mehr als 100 000 Staatsbedienstete werden in den Folgemonaten entlassen, mehr als 50 000 Menschen werden inhaftiert.

9. August 2016

Die Türkei und Russland legen ihre Krise wegen des Abschusses eines russischen Kampfflugzeugs bei. Elf Tage später billigt das türkische Parlament auch die Aussöhnung mit Israel.

24. August 2016

Türkische Truppen marschieren in Nordsyrien ein. Sie beginnen eine verlustreiche Offensive gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), bekämpfen aber auch kurdische Milizen.

4. November 2016

Ein Gericht verhängt Untersuchungshaft gegen Selahattin Demirtas, den Chef der zweitgrößten Oppositionspartei HDP. Neben Demirtas werden mehrere weitere HDP-Abgeordnete inhaftiert.

10. Dezember 2016

Bei einem Anschlag in Istanbul sterben 45 Menschen, die meisten davon Polizisten. Zu der Tat bekennt sich die TAK, eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.

19. Dezember 2016

Der russische Botschafter Andrej Karlow wird bei einem Attentat in Ankara getötet. Der Täter ist ein 22 Jahre alter türkischer Polizist, er wird erschossen.

1. Januar 2017

Ein Terrorist greift die Silvesterfeier im Istanbuler Club Reina an und tötet 39 Menschen. Der IS bezichtigt sich der Tat.

13. Februar 2017

Der deutsch-türkische „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel wird in Istanbul unter Terrorvorwürfen festgenommen. 13 Tage später wird Untersuchungshaft gegen ihn verhängt. Neben Yücel sitzen mehr als 150 weitere Journalisten in der Türkei im Gefängnis.

16. April 2017

Erdogan gewinnt das Verfassungsreferendum zur Einführung eines Präsidialsystems knapp. Davor kommt es wegen Nazi-Vergleichen Erdogans zu schweren Spannungen mit Deutschland.

21. Mai 2017

Erdogan wird wieder zum Vorsitzenden der Regierungspartei APK gewählt. Nach der Verfassungsreform darf der Präsident wieder einer Partei angehören.

Solche Ankündigungen haben einen hohen Stellenwert für beide Länder, denn die wirtschaftlichen Verknüpfungen sind eng. Im vergangenen Jahr exportierte Deutschland Waren im Wert von 21,6 Milliarden Euro in die Türkei, das entspricht 1,8 Prozent der gesamten deutschen Exporte. Im selben Zeitraum beliefen sich die türkischen Exporte nach Deutschland auf 15,4 Milliarden Euro – ein Anteil von zwölf Prozent an den gesamten Ausfuhren. Nach Angaben des türkischen Finanzministeriums summierten sich 2016 die deutschen Direktinvestitionen auf 430 Millionen US-Dollar.

Blickt man in die Daten, dann zeigt sich: Die aktuelle Schwäche der Lira ist kein Indiz für eine schwächelnde türkische Wirtschaft, sondern eher für die grundsätzliche Stärke des Euros. Denn gegenüber dem US-Dollar bewegt sich die türkische Währung aktuell auf dem Niveau von Dezember letzten Jahres. Auch gegenüber dem Südafrikanischen Rand, der am Devisenmarkt als vergleichbare Schwellenlandwährung gilt, zeigte sich die Lira in den vergangenen Monaten stabil.

„Die fundamentalen Rahmenbedingungen in der Türkei entwickeln sich bei weitem nicht so schlecht, wie das vor einigen Monaten noch erwartet wurde“, begründet DZ-Bank-Analyst Sören Hettler in einer aktuellen Studie das insgesamt robuste Erscheinungsbild der Lira. Der Marktkonsens prognostiziere für 2017 und 2018 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im Bereich von 3,5 Prozent. Zu wenig für ein aufstrebendes Schwellenland mit stark wachsender Bevölkerung, aber weit entfernt von einem Katastrophen-Szenario.

Kommentare (1)

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Herr Tomas Maidan

28.07.2017, 13:20 Uhr

Diese neuen populistischen Maulhelden begreifen einfach nicht, dass Rechtsstaatlichkeit die zentrale Vorbedingung für jeden Wirtschaftsstandort ist. Da hilft es wenig, wenn tausende aufgeregte Gemüsehändler im eigenen Land rumschreinen: "Sperr alle Feinde unseres Volkes ein, großer Führer!"

Ausländische Firmen haben es nicht so gerne, wenn ihre Mitarbeiter im Gefängnis verschwinden. Diese Lektion werden Erdogan und Kazcynski nur lernen, wenn sie richtig harte Sanktionen bekommen.

Unfassbar, dass soagr in Deutschland immer noch viele diesen Rechtspopulistischen Bullshit wählen wollen.

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