Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.04.2012

16:32 Uhr

Spritpreis-Rekorde

Bunte Koalition will Autofahrer entlasten

Benzin kostet stellenweise bereits mehr als 1,70 Euro. Das Kartellamt tadelt den Herdentrieb der Ölkonzerne. Politiker überlegen fieberhaft, wie sie wütende Autofahrer am besten besänftigen.

Was heute schon als günstig gilt: Über einer freien Tankstelle in Köln zieht sich der Himmel zu. dpa

Was heute schon als günstig gilt: Über einer freien Tankstelle in Köln zieht sich der Himmel zu.

BerlinIm März 1998 kostete der Liter Normalbenzin rund 1,55 Mark oder umgerechnet 0,79 Cent. Zu wenig, fanden fand die Grünen damals und verlangten eine Steigerung auf fünf Mark - bis 2008. Rund 80 Cent noch und diese Marke ist mit einigen Jahren Verspätung erzielt. Derzeit kosten ein Liter Super und Normalbenzin bereits mehr als 1,70 Euro. Der März war der teuerste Tankmonat aller Zeiten.

Die Politik will nun die Mineralölkonzernen stärker an die Kandare nehmen. Vor der Oster-Reisezeit und den Landtagswahlen im Mai debattieren die Politiker fieberhaft darüber, wie Autofahrer vor den immer weiter steigenden Benzinpreisen geschützt werden können. Dabei geht die FDP auf Konfrontationskurs zum Koalitionspartner.

Studie: Superbenzin verteuert sich schneller als Rohöl

Studie

Superbenzin verteuert sich schneller als Rohöl

Fast 100 Millionen Euro mehr pro Monat mussten Autofahrer an der Tankstelle zahlen.

Mehrere Spitzenpolitiker der Liberalen schlossen sich am Wochenende der Forderung von Parteichef und Wirtschaftsminister Philipp Rösler an, die Pendlerpauschale zur Entlastung der Autofahrer zu erhöhen. Offiziell lehnt die Bundesregierung dies bisher ab.

Das Kartellamt hält den Mineralölkonzernen einen Herdentrieb bei Preiserhöhungen vor. Kartellamtspräsident Andreas Mundt warf den Mineralölkonzernen „ein sehr ausgeklügeltes Muster des Abguckens und des Nachmachens“ vor. Dies funktioniere so, dass entweder Shell oder Aral als erste die Preise an der Zapfsäule erhöhen würden, die Konkurrenz ziehe dann innerhalb von wenigen Stunden nach.

Was den Benzinpreis treibt

Politische Lage

Als wichtiger Grund für die hohen Benzinpreise in Deutschland gilt unter Experten der Atomstreit mit dem Iran. Die EU hat den Iran mit einem ab Juli geltenden Öl-Embargo belegt, der Iran drohte daraufhin, selbst schon früher Lieferungen einzustellen. „Das ist der Nervositätsfaktor auf den Märkten“, urteilt Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zwar könnten andere Länder wie Saudi-Arabien
einspringen. Aber auch dann müsste das Öl durch die Wasserstraße von Hormus verschifft werden, die an den Iran grenzt.

Dollarkurs

Rohöl-Käufe werden in Dollar abgewickelt. Letztlich bezahlt werden die Endprodukte in Europa aber mit dem Euro. Daher spielt der Wechselkurs eine wichtige Rolle. Derzeit ist der Euro vergleichsweise schwach. Es müssen also für den Dollar und damit für das Öl vergleichsweise viele Euro hingeblättert werden.

Mineralölkonzerne

Die Konzerne verdienen nach Auskunft ihres Branchenverbandes zwischen einem halben und einem Cent pro Liter. „Und das ändert sich auch in der gegenwärtigen Lage nicht entscheidend“, auch wenn es „mal 1,2 Cent“ pro Liter sein könnten, sagt die Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes, Karin Retzlaff. Für die hohen Preise an der Zapfsäule seien vor allem die hohen Rohölpreise verantwortlich, die die Industrie nur an die Verbraucher weitergebe.

Kältewelle

Die jüngste Kältewelle in Europa spielt eine Rolle, meint der Essener Professor für Energiewirtschaft Christoph Weber. Denn Raffinerien können zwischen der Herstellung verschiedener Produkte wechseln, etwa Benzin und Heizöl. Auf diesem Wege könne eine verstärkte Heizöl-Nachfrage zu weniger Angebot beim Benzin führen.

Steuern

Die Hauptsteuer bei den Kraftstoffen ist die Energiesteuer, in der die sogenannte Ökosteuer enthalten ist. Die Energiesteuer ist fix und beträgt für den Liter Benzin 65,45 Cent, für den Liter Diesel 47,04 Cent. Sie wurde nach Angaben des Bundesfinanzministeriums seit 2003 nicht mehr erhöht. Hinzu kommt die 19-prozentige Umsatzsteuer, die auf die jeweiligen Kraftstoffpreise samt Energiesteuer aufgeschlagen wird.

Weltwirtschaft

Auch wenn die Weltwirtschaft nicht floriert: Allein die Aussicht auf mehr Wachstum kann nach Expertenmeinung die Preise treiben. Der Essener Professor Weber meint, dass sich die Ölförderer folgende Frage stellten: „Fördere ich das Öl jetzt oder lasse ich es im Boden, bis die Preise in einigen Jahren noch höher sind?“ Und Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung urteilt: „Aufgrund der kriselnden Wirtschaftslage tendieren Investoren verstärkt dazu, in Rohstoffe wie Öl zu investieren.“

Förderkosten

Höhere Förderkosten bei neuen Vorkommen wie vor der Küste Brasiliens spielen laut Weber ebenfalls eine Rolle. Es koste nun einmal mehr, in tausenden Metern Tiefe im Meer Öl zu gewinnen, als in der saudiarabischen Wüste.

Spekulation

Die meisten Erklärungen für den hohen Rohölpreis führen die Nachfrage der Schwellenländer, die Unsicherheiten rund um den Iran, das Wachstum der Weltwirtschaft und allgemeine Unsicherheiten im Markt an, wie Produktionsstörungen in Nigeria. Nach Angaben des Hamburger Experten Steffen Bukold hat sich aber auch die Spekulation auf den Finanzmärkten messbar verstärkt. Die Notenbanken in Europa, den USA und Japan fluten seit Monaten die Finanzmärkte mit billiger Liquidität, die nach Anlage drängt. Deshalb steigen die Aktienkurse und auch Rohstoffe sind nach einem vorübergehenden Rückgang wieder stärker gefragt. Der weltweit wichtigste Rohstoff ist Rohöl. Der genaue Einfluss der Finanzmärkte auf den Preis lässt sich nicht beziffern; sie verstärken jedoch den Aufwärtstrend nach oben.

Dies seien zwar keine illegalen Absprachen, betonte der Wettbewerbshüter im Interview mit NDR Info. Das Vorgehen schade aber den Autofahrern.

Das Bundeskartellamt hatte im vergangenen Frühjahr eine Untersuchung der Preisentwicklung an Tankstellen vorgestellt. Problematisch sei dabei das „Oligopol“ aus nur fünf Mineralölkonzernen, die den Markt kontrollierten und bei Preiserhöhungen „sich quasi blind darauf verlassen können, dass der andere entsprechend reagieren wird“, betonte Mundt.

Tanken tut weh

Video: Tanken tut weh

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Kommentare (31)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Weg_mit_den_Volksparteien

01.04.2012, 17:18 Uhr

Kein Politiker will irgendetwas für den Autofahrer tun. Alles nur Pseudogequatsche zur Ablenkung von den Tatsachen. Denn Politiker sind die Sorte von Menschen, denen wir diese hohen Spritpreise verdanken. Was soll immer diese Pöbeln gegen die Mineralölkonzerne? Die verkaufen ein Produkt und bestimmen den Preis. Und die Politiker erdreisten sich dieses Produkt mit einer Steuer zu belegen, die deutlich höher ist, als der Produktpreis selbst. Politker sind die wahren Preistreiber. Sie könnten mit Leichtigkeit dafür sorgen, dass der Spritpreis zurückgeht. Sie wollen es aber nicht. Weil ihnen nichts am Wohlergehen der Wähler und der Steuerzahler liegt. Wir müssen aufhören uns wie eine Herde Schafe zu benehmen. Wir müssen aufhören unser Kreuzchen immer bei denselben Parteien zu machen. Wer CDU/CSU SPD GRÜNE FDP wählt, wählt nicht nur den Ausverkauf Deutschlands und den Hochverrat zu Gunsten der EUdSSR, sondern eben auch hohe Spritpreise. WEG mit den sogenannten Volksparteien !! Sie sind die wahren Schuldigen am hohen Spritpreis!!

DummePolitik

01.04.2012, 17:30 Uhr

Kann ich nur voll zustimmen!
Soll doch jeder einmal bei sich selbst anfangen!
Ich für meinen Teil werde als NRW-Bürger mein Kreuzchen am 13.Mai nicht den etablierten Parteien geben.
Ich möchte ein Zeichen setzen!

Aber wahrscheinlich gehöre ich zu den wenigen.

Account gelöscht!

01.04.2012, 17:31 Uhr

Die Politik ist doch der größte Proviteur der steigenden Spritpreise.
Was sie jetzt so von sich geben, ist Heuchelei und soll doch nur das dumme Volk beruhigen. So nach dem Motto "seht mal, wir Politiker überlegen ja, wie wir Euch helfen können"
2/3 des Spritpreises kassiert der Staat
Warum thematisiert die Presse das nicht?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×