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20.05.2014

12:33 Uhr

Starker Euro

Draghi muss liefern

VonJörg Hackhausen

Mario Draghi will den Euro drücken. Kann er das überhaupt? Die schärfste Waffe wird nicht zum Einsatz kommen. Die anderen Instrumente dürften wenig bewirken. Umso größer könnte die Enttäuschung sein.

Zahlreiche offene Immobilienfonds lehnen das Geld der Anleger ab. Getty Images

Zahlreiche offene Immobilienfonds lehnen das Geld der Anleger ab.

DüsseldorfDie Währungshüter haben ganze Arbeit geleistet: Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, und seine Kollegen haben in den vergangenen Tagen mehr als deutlich gemacht, dass ihnen der Euro zu stark ist. Die Botschaft ist an den Märkten angekommen. Inzwischen zweifelt kaum noch jemand daran, dass die Notenbank den Wechselkurs drücken wird.

Doch darin liegt genau das Problem: Draghi wird seine Versprechen nicht einlösen können. Die Instrumente, die dazu in Frage kommen, werden wenig bewirken. Und seine schärfste Waffe darf Draghi nicht nutzen. Umso größer könnte die Enttäuschung sein.

Auf der Pressekonferenz nach der jüngsten EZB-Ratssitzung wurde Draghi sehr deutlich: Der starke Euro sei verantwortlich für die „bedrückend niedrige“ Inflation. Das Problem: Ein starker Euro gepaart mit sinkenden Preisen gefährdet die Erholung der Euro-Krisenländer. Im schlimmsten Fall führt der Weg zurück in die Rezession. Es droht eine Dauerkrise wie sie Japan seit Jahren durchlebt. Damit es nicht so weit kommt, will die EZB schon bald aktiv werden. Die Notenbank „fühle sich wohl damit, beim nächsten Mal zu handeln“, so Draghi. Beim nächsten Mal heißt konkret: Wenn die nächste Zinsentscheidung ansteht, also am 5. Juni.

Als wären Draghis Aussagen noch nicht klar genug gewesen, meldeten sich in den nächsten Tagen weitere führende Köpfe der EZB zu Wort. So erklärte etwa der Luxemburger Yves Mersch, man arbeite an einer breiten Palette von Instrumenten, „die sogar die blühende Fantasie von Journalisten und Analysten übertreffen könnten“.

Niedrige Inflation: Wie reagiert die EZB?

Was spricht für ein Eingreifen der EZB?

Die Inflation im Euro-Raum lag im Mai bei 0,5 Prozent – und damit weit entfernt von der Zielmarke der EZB von nahe zwei Prozent. Die Entwicklung erhöht den Druck auf die EZB, die Zinsen niedrig zu halten oder noch unter das Rekordtief von 0,25 Prozent zu senken. EZB-Präsident Mario Draghi hatte betont, die Notenbank werde sich notfalls entschieden gegen einen Preisverfall stemmen.

Warum sind sinkende Preise schlecht?

Für Verbraucher sind sinkende Preise zunächst erfreulich, schließlich bekommt man mehr für sein Geld. Die Gefahr ist, dass eine Abwärtsspirale in Gang kommt, wenn die Preise auf breiter Front fallen. Ökonomen nennen das Deflation. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen hinauszögern - in der Erwartung, dass es in den nächsten Monaten noch günstiger für sie wird. Das könnte die ohnehin noch fragile Erholung der Konjunktur in Europa abwürgen.

Wie real ist die Deflations-Gefahr?

„Eine handfeste Deflation ist in der Eurozone eine sehr weit entfernte Gefahr“, meint Berenberg-Volkswirt Christian Schulz. Das betont auch regelmäßig das EZB-Spitzenpersonal. Bundesbankpräsident Jens Weidmann hatte Mitte März erklärt, er halte die Risiken von Preis- und Lohnrückgängen auf breiter Front im Euroraum für sehr begrenzt.

Was kann die EZB tun?

Bei den Zinsen hat die EZB den Boden fast erreicht. Mit einem Leitzins von 0,25 Prozent ist Zentralbankgeld für die Banken im Euroraum bereits extrem günstig. Ob eine weitere Zinssenkung die Geldinstitute dazu bewegen würde, mehr Kredite zu vergeben und so die Wirtschaft anzukurbeln, ist umstritten. Denkbar wäre, dass die EZB den Zins für Geld, das Geschäftsbanken bei der Notenbank parken, unter Null senkt. Theoretisch möglich wäre auch, dass die EZB in großem Stil Staatsanleihen aufkauft.

Bringen noch niedrigere Zinsen überhaupt etwas?

Theoretisch animiert das billige Geld Unternehmen zum Investieren und Verbraucher zum Konsumieren - beides kurbelt die Konjunktur an und erhöht so den Preisauftrieb. Doch gerade in den kriselnden Eurostaaten in Südeuropa blieb die Kreditvergabe zuletzt schwach. Nach Einschätzung des Bundesverbandes Deutscher Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) kann die EZB mit noch billigerem Geld dagegen so gut wie nichts ausrichten.

Damit war die Fantasie erst recht angeregt, oder besser gesagt: eine gewisse Erwartungshaltung geweckt. Immer häufiger hört man von den Akteuren am Finanzmarkt den Satz: „Draghi muss liefern.“ Nach einer aktuellen Umfrage des Datenanbieters Bloomberg rechnen 47 von 52 befragten Experten damit, dass die EZB auf ihrer nächsten Sitzung eine Lockerung der Geldpolitik beschließen wird.

Auch bei den Spekulanten ist die Stimmung seit der vergangenen Woche gekippt. Die Wetten auf einen steigenden Euro haben sich innerhalb kurzer Zeit aufgelöst, stattdessen setzen Investoren jetzt mehrheitlich auf einen fallenden Euro. Das lässt sich an den sogenannten Netto-Long-Positionen an den Terminmärkten ablesen. Zuletzt gab es einen so deutlichen Stimmungsumschwung im November 2013 als Reaktion auf die letzte Zinssenkung.

Dass es eigentlich nicht im Auftrag der Europäischen Zentralbank liegt, eine aktive Wechselkurspolitik zu betreiben, scheint nur noch ein paar Vertreter der reinen Lehre zu interessieren.

Kommentare (22)

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20.05.2014, 12:47 Uhr

Draghi muss garnichts.

Draghi wird liefern.
Dafür wird er schließlich bezahlt.

Und wem Draghi liefern wird hat niemanden zu interessieren.

Wie Draghi gesagt haben soll: we will deliver - and do not tell us something about democracy.

Account gelöscht!

20.05.2014, 13:06 Uhr

Spannend zu sehen ob Dragi Anleihen kauft und sich damit über das Urteil des Bundesverfassungsgerichts hinwegsetzt. By the way: Warum hat man von dem Urteil eigentlich nichts gehöhrt? Es hätte doch einen Aufschrei geben müssen...
Ich vermute wir erleben eine Ermüdungstaktik gegenüber der öffentlichen Meinung: einfach solange Recht brechen und auf Zeit spielen bis es keinen mehr interessiert und Kritik daran wie ewiggestriges Genörgel klingt.

Account gelöscht!

20.05.2014, 13:33 Uhr

Den "Aufschrei" hatte es bereits vor 6 Jahren gegeben hier im Handelsblatt im Forum.

Nun sehen wir was daraus wurde: die Schönste aller möglichen Welten.

Die Beste aller möglichen Welten hält uns allen indes Mario Draghi mit seinem etwas holistisch geratenen Weltbild vor.

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