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04.07.2017

20:30 Uhr

Stimmungswandel am Ölmarkt

Die 50-Dollar-Marke könnte bald geknackt werden

VonMatthias Streit

Der Ölpreis ist acht Tage in Folge gestiegen. Zwar verharrt er am Dienstag auf hohem Niveau, doch schon bald könnte es weiter aufwärts gehen – und Brent wieder mehr als 50 Dollar kosten.

Das Ölkartell Opec und zehn weitere Mitgliedsstaaten kürzen derzeit ihre Förderung um 1,8 Millionen Barrel pro Tag. Damit wollen sie das Überangebot am Markt abbauen. dpa

Ölarbeiter im Irak

Das Ölkartell Opec und zehn weitere Mitgliedsstaaten kürzen derzeit ihre Förderung um 1,8 Millionen Barrel pro Tag. Damit wollen sie das Überangebot am Markt abbauen.

FrankfurtEine Rally, wie sie der Ölpreis in den vergangenen Tagen hinlegte, hat es seit fünf Jahren nicht gegeben. Acht Tage in Folge kletterte er immer weiter. Kostete ein Barrel der Nordseesorte Brent vor zwei Wochen noch 44 Dollar, sind es am heutigen Dienstag zwölf Prozent mehr. Ein Fass Brentöl schickt sich an, die 50-Dollar-Marke zu knacken. Der Trend lässt keinen Zweifel: Die zuletzt pessimistische Stimmung am Ölmarkt hat sich gedreht.

Bei der Organisation erdölexportierender Staaten – kurz Opec – und seinen zehn Alliierten der Förderkürzung dürfte das für Aufatmen sorgen. Erst Ende Mai hatten sie sich in Wien geeinigt, noch bis Ende März 2018 täglich 1,8 Millionen Fass Öl weniger zu fördern als im Oktober 2016. Trotz der Verlängerung rauschte der Preis in der Folge wochenlang in die Tiefe, ungeachtet der Durchhalteparolen der Förderallianz.

Dass sich nun eine Trendwende eingestellt hat, hängt maßgeblich mit den Schieferölförderern in den USA zusammen. Ihre Stärke in den vergangenen Monaten hat den Preis erst immer tiefer getrieben. Vergangene Woche hat das Ölservice-Unternehmen Baker Hughes dann erstmals seit 23 Wochen einen Rückgang der Ölbohrungen in den USA gemeldet. Mit einem Rücksetzer um zwei Bohrungen auf 756 war die Bewegung zwar nur marginal, wohl aber ausreichend, um den Markt zu kippen.

So desillusioniert die Marktteilnehmer nach der Verlängerung der Förderkürzung über Anzeichen hinwegsahen, die einen Abbau der hohen Lagervorräte vorhersagten und somit der Opec zumindest einen Teilerfolg attestierten, so euphorisiert schauen sie nun über Anzeichen eines anhaltenden Überangebots hinweg. So haben einer Reuters-Untersuchung zufolge die Opec-Staaten im Juni 32,7 Millionen Barrel Öl gefördert und damit 280.000 mehr als noch im Monat zuvor.

Fragen und Antworten zur Entwicklung des Ölpreises

Warum fallen die Preise, obwohl die Opec weniger fördert?

Im Vorfeld der Entscheidung der Opec und ihrer Partnerländer wie Russland waren die Anleger schon auf die Verlängerung der seit Januar geltenden Förderbremse bis März 2018 vorbereitet worden. Einige hatten aber auf eine deutlichere Verlängerung und stärkere Kürzungen spekuliert.

Was bezweckt die Opec mit der niedrigeren Förderung?

Das Kartell und seine Partner, darunter Russland, wollen das Überangebot auf dem Weltmarkt schmälern und damit die Preise stützen. Erklärtes Ziel ist es, die Ölvorräte von einem aktuellen Rekordhoch von drei Milliarden Fässern auf 2,7 Milliarden Fässer zu senken - dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Das für die Finanzmärkte richtungsweisende Nordseeöl Brent kostet derzeit gut 50 Dollar - im Sommer 2014 war der Preis mit 115 Dollar noch mehr als doppelt so hoch.

Wie wird sich der Preis jetzt entwickeln?

Das hängt davon ab, wie viel Öl tatsächlich vom Weltmarkt verschwindet. Und genau das ist der Haken. Die US-Ölindustrie dürfte in die Bresche springen und die Lücke schließen, die durch den Opec-Beschluss von Donnerstag entsteht.

Gibt es besondere Preis-Marken?

Ja. Umkämpft ist fast jede runde Marke - auch aus psychologischen Gründen. Doch in der Vergangenheit waren stets zwei Preis-Marken wichtig: die 30-Dollar-Marke und die 50-Dollar-Marke. Die erstere wurde Anfang 2016 erstmals seit 2003 wieder unterschritten, was letztlich die Opec auf den Plan rief. Nachdem das Kartell im November erstmals wieder eine Förderkürzung beschloss, kletterte der Preis wieder über 50 Dollar und hat sich seither mehr oder weniger darüber behauptet.

Welche Rolle spielen die US-Ölkonzerne

Die USA machen bei der Förderkürzung nicht mit - dürften sie aus rechtlichen Gründe vermutlich auch gar nicht. In den USA ist die Ölindustrie zudem nicht staatlich organisiert wie in vielen anderen Förderländern. Von Texas bis in die Dakotas feiert das Fracking seit Mitte 2016 ein Comeback. Die US-Ölindustrie pumpt derzeit wieder so viel Öl an die Oberfläche, wie vor einigen Jahren, als die Ölschwemme erstmals die Preise ins Rutschen brachte.

Ist Fracking nicht ein sehr kostspieliges Verfahren?

Ja und nein. Denn während des Preisverfalls der vergangenen beiden Jahre hat die Branche nicht geschlafen. In Texas und anderen US-Regionen sind die Förderkosten inzwischen teilweise so niedrig wie in Nahost. Der technische Fortschritt macht Fracking wieder profitabel. Machten US-Firmen vor einigen Jahren erst ab einem Ölpreis von 60 Dollar Profit, reichen ihnen inzwischen schon 30 Dollar.

Was macht die Opec denn jetzt?

Bis März 2018 kürzt die Opec die Produktion um 1,8 Millionen Barrel täglich. Am 30. November kommen die Mitglieder erneut in Wien zusammen, um die Lage zu beraten. Außerdem wollen sie enger mit den Nicht-Opec-Partnern – sprich Russland – zusammenarbeiten. Saudi-Arabien will zudem seine Exporte in die USA verringern. Doch das ist nicht ohne Risko: Die Opec-Länder und Russland drohen Marktanteile an die US-Ölkonzerne zu verlieren.

Wer sind die größten Ölförderer der Welt?

Die Opec steht für rund ein Drittel des weltweiten Rohöl-Angebots. Neben dem Kartell-Mitglied Saudi-Arabien sind Russland und die USA mit großem Abstand und einer Förderung von je etwa neun bis zehn Millionen Fässern Öl am Tag die größten Ölproduzenten der Welt.

Welche Folgen hätte ein neuerlicher Ölpreisverfall für die Weltwirtschaft?

Wenn der wichtigste Schmierstoff für die Produktion nicht viel kostet, ist das generell gut für die Konjunktur und den Geldbeutel des Verbrauchers, der beim Benzin spart. Aber es gibt auch Kehrseiten - beispielsweise für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn sie kämpft seit Jahren gegen eine zu geringe Inflation, was auf Dauer für die Konjunktur schädlich ist. Erwarten Verbraucher und Firmen fallende Preise, halten sie sich mit Käufen und Investitionen zurück. Der niedrige Ölpreis dämpft zudem in einigen Förderländern die wirtschaftliche Dynamik. Vielerorts werden Investitionen zurückgestellt.

Auch die Experten von JBC Energy Markets in Wien attestieren eine gestiegene Förderung. Allein die beiden Opec-Staaten Libyen und Nigeria, die aufgrund politischer Instabilitäten in ihren Ländern von der Kürzung ausgenommen sind, haben zuletzt deutlich mehr Öl gepumpt. Im Vergleich zum Oktober 2016, dem in der Förderkürzung vereinbarten Vergleichsniveau, beträgt ihr Plus 600.000 Barrel pro Tag, kalkuliert JBC Energy Markets. Zwar setzen jene Mitglieder, die Einschränkungen versprochen haben, ihre Kürzungen noch immer zu 96 Prozent ein. Doch die Zuwächse von Nigeria und Libyen entsprechen der Hälfte der Menge, um die das Ölkartell kürzen möchte. Ein erheblicher Teil des Abkommens wird somit von Kartellmitgliedern selbst aufgewogen.

Zehn Nicht-Mitglieder haben sich dem Abkommen angeschlossen und verzichten ihrerseits auf 600.000 Fass pro Tag. Der mit Abstand wichtigste Vertreter dieser Gruppe ist Russland, das allein für die Hälfte dessen aufkommen will. Bislang funktioniert das weitestgehend. Doch JBC Energy Markets ist skeptisch, wie lang dies noch der Fall sein wird. Denn die betroffenen Unternehmen dürften die finanziellen Folgen der Kürzungen spüren. „Bislang haben sie ihren Teil der Versprechungen eingehalten. Doch wir zweifeln, ob sie dies noch ein weiteres Jahr durchhalten“, schreiben die Analysten aus Wien in einem Kommentar.

Und dann wären da immer noch die Schieferölproduzenten in den USA. Dass zuletzt die Zahl der Bohrungen marginal gefallen ist, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Nordamerikaner im Vergleich zu Oktober 2016 mit 9,3 Millionen Barrel pro Tag rund 800.000 Barrel mehr fördern.

Zumindest die Analysten der Commerzbank bleiben entgegen der Marktstimmung zurückhaltend: „Es ist noch zu früh, daraus eine Trendwende abzuleiten“, schreiben sie in einem Marktkommentar vom Montag. Der Analyst Jan Edelmann von der HSH Nordbank kommentiert: „Angesichts der Kursgewinne und des höchsten Opec-Förderniveaus in diesem Jahr, könnten einige Marktteilnehmer Gewinne mitnehmen und den Preis unter Druck setzen.“

Und doch könnte die 50-Dollar-Marke bei Brent bald schon wieder getestet werden. Nicht etwa, weil der russische Energieminister Alexander Nowak weiteres Preissteigerungspotenzial sieht – Äußerungen dieser Art aus dem Kürzungslager haben am Markt zuletzt nicht verfangen. Zweierlei Faktoren könnten dafür sprechen: Erstens sind die Wetten von Großinvestoren wie Hedgefonds auf steigende Preise in der vergangenen Woche auf das tiefste Niveau seit Januar 2016 gefallen. Das eröffnet wiederum die Möglichkeit, dass dieser Trend in die andere Richtung dreht – und den Preis weiter antreibt.

Zudem dürften einmal mehr Zahlen aus den USA die Preise anschieben. Am Donnerstag veröffentlicht die amerikanische Energiestatistikbehörde EIA ihren wöchentlichen Report zum Ölmarkt. Die Lagervorräte stehen zwar immer noch knapp 100 Millionen Barrel über dem Fünf-Jahres-Schnitt, dem anvisierten Ziel der Opec. Doch in den vergangenen Wochen sind sie kontinuierlich gesunken. Laut einer Umfrage von Bloomberg hielt der Trend wohl auch in der vergangen Woche: Die Bestände seien schätzungsweise um 2,5 Millionen Barrel zurückgegangen.

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