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06.05.2016

17:03 Uhr

Tool der Woche – Öl

Wie Anleger auf höhere Ölpreise setzen können

VonMatthias Streit

Schon nächstes Jahr sehen Ölexperten den Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage voraus. Das lässt Anleger auf steigende Preise hoffen – und Rendite bei Rohstoffanlagen. Ist das noch Geldanlage oder schon Spekulation?

Physisches Öl zu kaufen ist für Anleger eher ungeeignet – es sei denn, man heizt damit. dpa

Rohstoffanlage Öl

Physisches Öl zu kaufen ist für Anleger eher ungeeignet – es sei denn, man heizt damit.

Frankfurt am MainBis vor dem Ausbruch der Waldbrände rund um Fort McMurray hat wohl kaum ein Deutscher zuvor von der 78.000-Einwohner-Stadt im Norden Kanadas gehört. Rohstoffhändlern sollte der Ort allerdings schon länger ein Begriff sein. Schließlich wird nördlich der Stadt aus den Ölsandfeldern rund die Hälfte der kanadischen Ölproduktion von insgesamt rund 4,5 Millionen Barrel (159 Liter) pro Tag gewonnen.

Doch wegen der Waldbrände ist die Produktion ins Stocken geraten. Nicht etwa, weil die Felder selbst von den Flammen bedroht werden, sondern weil bislang 70.000 Menschen aus ihren Häusern flohen und derzeit andere Sorgen umtreibt als die Ölförderung. Nun sollte man meinen, dass auch der Ölpreis steigt. Logisch: Das Angebot sinkt, die Nachfrage nicht – der Preis steigt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Der Preis fällt. Ein Grund sind offenbar die Spekulationen, die den Ölpreis trotz eines mangelnden Förderlimits der Opec in den vergangenen Wochen in die Höhe trieben. Nun, so erkennt es etwa die Commerzbank, die einen „Stimmungswechsel“ am Ölmarkt zeigen.

Die Beispiele zeigen, wie unberechenbar der Ölmarkt dieser Tage ist. Die Volatilität in diesem Jahr ist hoch. Von Tiefstständen im Januar bei 27 Dollar reicht die Spanne bis fast 50 Dollar in der zurückliegenden Woche. Für Anleger ist dies eigentlich ein Investment-Minenfeld. Dennoch bieten sich Möglichkeiten zur Geldanlage.

So können Anleger etwa mit Zertifikaten auf bestimmte Marktbewegungen setzen. „Discount-Zertifikate sind aktuell das geeignetste Produkt“, sagt Peter Bösenberg, Derivateexperte bei der Société Générale. So bieten viele Banken Discount-Zertifikate an, bei denen Anleger zu einem aktuellen Preis von etwa 40 Euro einsteigen können – der Ölpreis für Brent liegt aktuell über 44 Euro. Diese Zertifikate verfügen über eine Ertrags-Obergrenze (Cap) von beispielsweise 45 Euro. Liegt der Ölpreis zum Fälligkeitszeitpunkt oberhalb des Startpreises, machen Anleger Gewinn. Allerdings müssen dabei noch die Gebühren berücksichtigt werden. Der Nachteil dieser Produktart: Steigt der Ölpreis über die Obergrenze hinaus, werden – in diesem Falle – dennoch nur maximal 45 Euro für das Zertifikat ausgezahlt. Zumindest aber lässt sich auf diese Weise – im Gegensatz zu Hebelprodukten – relativ konservativ in Öl anlegen.

Privatanleger, die möglichst direkt in den Ölpreis investieren möchten, können dies über ETCs tun. Dabei handelt es sich um sogenannte Exchange-Traded-Commodities (ETC). Den ETCs liegen Futures an den Warenterminbörsen zugrunde. Das Problem daran: Steigen die Preise für Futures, steigen nicht gleich die Renditen.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Denn die Terminkontrakte beziehen sich immer auf die Lieferung in einem bestimmten Monat. Das heißt: Um nicht unverhofft auf 1.000 Barrel Öl (à 159 Liter) zu sitzen – der Standardgröße eines Öl-Futures –, müssen die auslaufenden Verträge rechtzeitig umgeschichtet werden. Dieser Handelsprozess wird im Fachjargon als „rollen“ bezeichnet. Bei der Ablöse eines Vertrages durch den nächsten entstehen daher sogenannte „Rollkosten“. Befindet sich der Markt im Contango, bei denen die längerlaufenden Kontrakte teurer sind als der aktuelle, führt das in der Regel zu Verlusten. Schließlich wird ein laufender Vertrag durch einen teureren ersetzt. Befindet sich der Markt hingegen in Backwardation, die längerlaufenden Terminkontrakte sind preiswerter, winken Gewinne.

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