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18.04.2016

06:52 Uhr

Treffen in Doha

Öl-Nationen bekommen Fördermenge nicht gedeckelt

Der Öl-Preis soll durch die Deckelung der Fördermenge nach oben getrieben werden. Doch bei den Verhandlungen der Ölförderer in Doha kam es am Sonntag zu keiner Einigung. Die Märkte reagierten am Morgen prompt.

Der  OPEC -Generalsekretär Abdallah Salem el Badri auf dem Weg ins Konferenzzimmer in Doha. Reuters

Abdallah Salem el-Badri

Der OPEC-Generalsekretär Abdallah Salem el Badri auf dem Weg ins Konferenzzimmer in Doha.

DohaDie Öl-Förderländer haben sich bei ihrem mit Spannung erwarteten Treffen in Doha, Katar, nicht auf eine Deckelung der Produktion einigen können. Nach fünfstündiger, teils heftiger Debatte erklärten die Teilnehmer am Sonntag das Scheitern des Vorhabens.

Der Öl-Preis reagierte prompt: Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Juni kostete am Montag im frühen Handel 41,22 Dollar und damit 1,88 Dollar oder 4,36 Prozent weniger als am Freitag. In den ersten Handelsminuten war der Brent-Preis allerdings noch um knapp sieben Prozent gesunken. Der Preis für ein Barrel der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) zur Lieferung im Mai fiel am Montagmorgen um 1,89 Dollar oder 4,68 Prozent auf 38,47 Dollar - auch hier konnte sich der Preis etwas von den noch deutlicheren Verlusten zum Handelsstart absetzen.

Experten hatten erwartet, dass Öl nach dem gescheiterten Treffen in Doha wieder billiger wird - zumal Saudi-Arabien mit einer Ausweitung seiner Förderung droht. Die Aussicht auf eine Kappung hatte den Preis seit Januar um 60 Prozent auf fast 45 Dollar pro Fass (159 Liter) anziehen lassen. Wegen des Überangebots und der mauen Weltkonjunktur war er zuvor seit Mitte 2014 von 115 Dollar auf unter 30 Dollar abgestürzt.

Katars Ölminister Mohammed al-Sada sagte nach Ende des Treffens, die zur Ölförder-Organisation Opec gehörenden Länder benötigten mehr Zeit für Beratungen. Bei Insidern aus der Ölbranche hieß es, die Diskussionen könnten im Juni wieder aufgenommen werden. Während des Treffens hatte es zwischenzeitlich so ausgesehen, als könne es doch eine Einigung geben. Experten hatten im Vorfeld gesagt, sollte es keinen verbindlichen Deal geben, werde der Kampf um Marktanteile wohl weitergehen.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

An dem Treffen hatten 18 Länder teilgenommen, darunter auch Russland, das nicht zur Opec gehört. Teilnehmern zufolge trug vor allem Saudi-Arabien dazu bei, dass es zu keiner Einigung kam. Das Land habe zur Bedingung gemacht, dass alle 13 Opec-Länder ihre Produktion einfrieren müssten - also auch der Iran, der an dem Treffen gar nicht teilnahm.

Der Iran hatte den Plänen zur Begrenzung der Fördermengen im Vorfeld bereits eine Absage erteilt. „Da wir einen Plan fürs Einfrieren nicht unterzeichnen wollen, gibt es auch keine Notwendigkeit, jemanden vor Ort in Doha zu haben“, sagte Ölminister Bidschan Namdar Sanganeh am Sonntag nach Angaben der Nachrichtenagentur Shana. Der Iran werde wie geplant seine Produktion auf 4 Millionen Barrel am Tag – und damit auf den Level vor den im Januar aufgehobenen Sanktionen – erhöhen, so der Minister.

Zweifel an der Wirkung einer möglichen Einigung gab es im Vorfeld auch, weil andere wichtige Staaten nicht mit am Tisch sitzen. So werden neben dem Iran auch die USA und Norwegen nicht Teil eines Deals sein. Zudem gab es Bedenken, dass im Januar bereits zu viel Öl gefördert worden sei, als dass eine Deckelung auf diesem Niveau die Preise steigen lassen könnte.

Eugen Weinberg, Chef-Rohstoffstratege der Commerzbank, sieht auch für die nähere Zukunft nur wenig Preispotenzial: „Jegliches Abkommen wird vom Markt mit großer Skepsis gesehen.“ Die Erwartungen seien schon vor dem Treffen sehr hoch gewesen und konnten daher nur enttäuscht werden. Ohnehin seien die Verhandlungen eigentlich eher paradox. „Schließlich haben die meisten Teilnehmer nicht einmal die Möglichkeit die Förderung zu erhöhen“, unterstreicht Weinberg. Andere wie Russland und Saudi-Arabien fördern schon auf sehr hohem Niveau, das jetzt festgeschrieben werde.

Die Ölschwemme war unter anderem deswegen entstanden, weil führende Förderer wie Saudi-Arabien im Zuge wachsender Konkurrenz – zum Beispiel durch die von US-Firmen eingesetzte Fördertechnik Fracking – ihre Marktanteile durch eine Erhöhung der Produktion halten wollten. Verbraucher freuen sich zwar über günstige Preise für Benzin und Heizöl. Den Förderländern aber rissen sie riesige Löcher in die Haushaltskassen.

Im Februar hatten sich Saudi-Arabien, Venezuela und Katar mit Russland darauf geeinigt, ihre Produktion auf dem Niveau vom Januar einzufrieren, um den Ölpreis zu stützen. Allerdings hatten sie das Mitziehen anderer Staaten zur Bedingung gemacht.

Die Staaten der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) förderten im März 32,25 Millionen Barrel Öl pro Tag, 15.000 Barrel mehr als im Februar. Das Nicht-Opec-Mitglied Russland, das tief in der Rezession steckt, hat zu Jahresbeginn sogar mit täglich 10,88 Millionen Barrel so viel Öl gepumpt wie seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht mehr. In Russland machen Energieverkäufe etwa die Hälfte der Staatseinahmen aus. Manchen Förderländern, aber auch Firmen in der Branche, steht das Wasser bis zum Hals. Einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte zufolge droht etwa einem Drittel der in dem Sektor tätigen Firmen noch 2016 das Aus.

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