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10.01.2017

13:36 Uhr

Türkei

Erdogan vergrault die Investoren

VonGerd Höhler

Der Kurs der türkischen Lira rutscht stetig ab. Der Währungsverfall spiegelt die Sorgen über die politische Entwicklung des Landes. Stürzt die türkische Wirtschaft ab, könnte sie Präsident Erdogan mitreißen. Eine Analyse.

Türkei im Umbruch

Börsenexperte „Erdogan schreckt Investoren ab."

Türkei im Umbruch: Börsenexperte „Erdogan schreckt Investoren ab."

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AthenFür die türkische Währung war es kein guter Start in die neue Woche. Während das Parlament in Ankara mit der Debatte über die Einführung eines Präsidialsystems begann, mit dem sich Staatschef Erdogan noch mehr Macht verschaffen will, fiel der Kurs der Lira auf ein neues Rekordtief gegenüber dem US-Dollar und dem Euro. Am Dienstag setzte sich die Talfahrt der Lira mit einem neuen historischen Tief gegenüber dem Dollar fort. Schon in der vergangenen Woche hatten Gerüchte über eine angeblich bevorstehende Herabstufung der Türkei durch die Ratingagentur Fitch die Währung stark unter Druck gesetzt. Seit dem Putschversuch von Mitte Juli hat die Lira ein Viertel ihres Außenwerts zum Dollar eingebüßt. Im Vergleich zum Januar 2015 sind es sogar fast 40 Prozent.

Die scheinbar unaufhaltsame Talfahrt der Lira hat eine Reihe von Ursachen – ökonomische und politische, globale und hausgemachte. Steigende Zinserwartungen im Dollarraum veranlassen ausländische Anleger, Gelder aus der Türkei abzuziehen. „Die Kapitalzuflüsse aus dem Ausland sind von Januar bis September 2016 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um zwölf Prozent auf 26,9 Milliarden US-Dollar gesunken“, erklärt Mario Jung, Ökonom beim Kreditversicherer Coface in Deutschland. „Dieser Rückgang trug mit zur Abwertung der Lira gegenüber dem Euro-Dollar-Währungskorb bei“, so Jung.

Devisen: Turbulenter Handel mit der türkischen Lira

Devisen

Turbulenter Handel mit der türkischen Lira

Die türkische Währung setzt ihre Talfahrt weiter fort und rutscht auf einen neuen Tiefstand. Nach Expertenmeinung deuten alle relevanten Daten auf einen weiteren Abwertungstrend der Lira hin.

Auch die jüngsten Konjunkturdaten drücken den Lirakurs. Die Wirtschaft schwächelt: Im dritten Quartal 2016 verzeichnete das türkische Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit einem Rückgang von 1,8 Prozent das erste Minus seit dem globalen Krisenjahr 2009. Die Industrieproduktion und die Umsätze in der Bauwirtschaften brachen sogar um fünf Prozent ein. Im letzten Vierteljahr dürfte das BIP erneut geschrumpft sein, prognostizieren unabhängige Volkswirte.

Der türkische Aktienmarkt zeigt sich zwar bisher erstaunlich robust. Auf Jahressicht ergibt sich ein Indexplus von mehr als acht Prozent. Aber wer Devisen in türkische Aktien investierte, leidet unter der Währungsschwäche. In Euro notierte Türkei-Aktienfonds verloren in den vergangenen zwölf Monaten zwischen sieben und zwölf Prozent.

Welche politischen Stolperfallen Anlegern 2017 drohen

Aktien

Von Reuters befragte Analysten sehen den Dax im Schnitt bis Ende 2017 bei rund 11.470 Punkten. Das wäre in etwa auf dem Niveau vom Jahresende 2016 "Die Dividendenrendite ist im Vergleich zu den Anleihe-Renditen weiterhin so hoch wie seit Jahrzehnten nicht. Das Gewinnwachstum der Unternehmen ist in Ordnung", sagt Lars Thörs, Aktien-Chef der Fondsgesellschaft Danske Capital. Gertrud Traud, Chef-Volkswirtin der Helaba, verweist auf einen weiteren Aspekt: „Angesichts weiterhin extrem günstiger Finanzierungsbedingungen dürften Unternehmen auf das bislang nur verhalten eingesetzte Instrument der Aktienrückkaufe zurückgreifen.“

Über weite Strecken kam der Dax 2016 kaum vom Fleck. Das Plus von knapp sieben Prozent seit Jahresbeginn geht zum größten Teil auf die Kursentwicklung im Dezember. Anfang des Monats übersprang der Dax die 11.000er Marke.

Als großen Risikofaktor für die Aktienmärkte sehen Börsianer die Wahlen in Deutschland, Frankreich den Niederlanden und möglicherweise auch in Italien. „Die Welle der populistischen Ergebnisse ist für Europa 2017 eine große Bedrohung“, sagt Craig Erlam, Marktanalyst des Brokerhauses Oanda. Ein zunehmender Nationalismus könnte der Anfang vom Ende der Euro-Zone sein.

Anleihen

An den Rentenmärkten werde es 2017 kaum etwas zu verdienen geben, ist sich Lars Edler, Co-Chefanleger des Bankhauses Sal. Oppenheim sicher. „Bei zehnjährigen Bundesanleihen gehen wir von einer negativen Gesamtrendite von etwa einem Prozent aus.“ Wenig besser dürfte es Anlegern mit US-Staatsanleihen ergehen: Hier sei eine Nullrendite zu erwarten. Die Ökonomen der Rabobank geben sich ähnlich skeptisch: „Wir sind nicht davon überzeugt, dass Donald Trumps Politik der Wirtschaft nachhaltigen Schub verleiht.“ Mögliche politische Spannungen könnten zudem die Attraktivität deutscher und US-Bonds als relativ sichere Anlagen erhöhen und damit die Renditen drücken.

Wegen der politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen liegt die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen derzeit mit rund 0,3 Prozent etwa halb so hoch wie zu Jahresbeginn. Ihre US-Pendants rentieren mit knapp 2,3 Prozent zwar höher als Anfang 2016. Jenseits des Atlantik erwarten Börsianer aber auch eine Serie von Zinserhöhungen durch die Notenbank Fed. Staatsanleihen sind seit Jahren für Investoren ein schlechtes Geschäft, da die großen Notenbanken diese Papiere in großem Stil aufkaufen. Damit sollen die Finanzierungskosten für Staaten niedrig gehalten und die Konjunktur angekurbelt werden.

Devisen

Wegen der unterschiedlichen Geldpolitik dies- und jenseits des Atlantik ist der Euro den Analysten der Vermögensverwaltungstochter der Deutschen Bank zufolge 2017 auf dem Weg zur Parität. Aktuell notiert die Gemeinschaftswährung bei Kursen um die 1,04 Dollar - rund vier US-Cent weniger als Anfang Januar. Die Experten der Rabobank sagen dagegen ein Ende des Dollar -Höhenfluges voraus. Der konjunktur- und damit inflations- und zinstreibende Effekt höherer Infrastruktur-Investitionen in den USA werde voraussichtlich durch eine restriktivere Handelspolitik zunichte gemacht.

Die Talfahrt des chinesischen Yuan wird dem Commerzbank-Analysten Peter Kinsella zufolge weitergehen. „Der Yuan gilt zwar als künstlich billig, doch ist er die mit Abstand teuerste Schwellenländer-Währung.“ Um Börsenturbulenzen zu vermeiden, werde China seine Valuta aber nur behutsam abwerten. Kinsella sieht den Dollar Ende kommenden Jahres bei 7,15 Yuan. In den vergangenen Monaten kletterte er um rund sechs Prozent auf etwa 6,90 Yuan. Anfang 2016 hatte eine rasche Abwertung der chinesischen Währung ein weltweites Börsenbeben ausgelöst.

Erdöl

Im Januar treten die niedrigeren Förderquoten für die Opec-Staaten in Kraft. Viel hängt davon ab, ob sich die Mitglieder des Export-Kartells sowie Russland an die Vereinbarung halten. Viele Analysten rechnen für das erste Halbjahr mit Preisen um 55 Dollar je Fass (159 Liter). Danach werden die Preise der US-Bank Goldman Sachs zufolge aber fallen. Denn geringere Exporte der Opec und Russlands ließen Raum für Konkurrenten wie die US-Schieferölindustrie.

Dank der geplanten Kürzung der Fördermengen durch die großen Exportländer verteuerte sich die Ölsorte Brent aus der Nordsee binnen Jahresfrist um etwa die Hälfte auf 56 Dollar je Barrel (159 Liter).

Andere Rohstoffe

Auf Kursverluste müssten sich Anleger an den Metallbörsen einstellen, sagt Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg. Zwar steige durch die geplanten Infrastruktur-Investitionen in den USA und China die Nachfrage, gleichzeitig wachse aber auch das Angebot. Außerdem sei die Rally nach der US-Präsidentschaftswahl überzogen gewesen. Weinberg sieht den Kupfer -Preis bis Ende 2017 bei rund 5600 Dollar je Tonne. Seit September ist der Preis für das wichtige Industriemetall um ein Fünftel auf rund 5538 Dollar gestiegen.

Die Nachfrage nach der „Anti-Krisen-Währung“ Gold wird Analysten zufolge wegen der politischen Unwägbarkeiten anhalten. Die Experten der Commerzbank rechnen damit, dass der Preis für eine Feinunze Gold bis Ende 2017 auf rund 1300 Dollar von derzeit etwa 1150 steigt. 2016 verteuerte sich das Edelmetall um rund zehn Prozent.

Marktbeobachter sind skeptisch: „Die Börse könnte früher oder später in den Strudel der schwachen Konjunktur und der politischen Turbulenzen geraten“, warnt ein Aktienhändler am Bosporus. Die Ratingagentur Moody’s warnt vor einer „generellen Verschlechterung“ des Investitionsklimas. Nach der Welle von Terroranschlägen im vergangenen Jahr ist der Tourismus eingebrochen. 2017 begann mit dem Massaker im Istanbuler Nobel-Nachtklub „Reina“ denkbar schlecht. Angesichts der Terrorwelle dürften den türkischen Hoteliers auch die Kostenvorteile durch den Lira-Verfall wenig helfen.

Zu einer immer größeren Belastung wird die Lira-Abwertung für viele Unternehmen, die Kredite in Fremdwährungen aufgenommen haben. Sie müssen nun immer größere Lira-Beträge für den Schuldendienst aufbringen. Die Summe dieser Devisen-Darlehen ist seit 2009 von rund 65 auf mehr als 210 Milliarden Dollar gestiegen. Die Ratingagentur Moody’s warnt bereits vor einer drohenden Welle von Kreditausfällen.

Kommentare (9)

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Herr Holger Narrog

10.01.2017, 13:43 Uhr

Ich hatte die Türkei 2009 und 2010 als sehr dynamisches Wachstumsland kennengelernt. Im europäischen Teil der Türkei sehen (sahen?) viele Betriebe ähnlich modern aus wie in Südeuropa. Ich hatte den Eindruck die Türkeit würde in den kommenden 10 Jahren den Anschluss an Europa schaffen.

Schade!

Ich hoffe, dass die Türkei nach ein paar verlorenen Jahren dann irgendwann zu dieser wirtschaftlichen Dynamik zurückfindet.

Herr Holger Narrog

10.01.2017, 13:43 Uhr

Ich hatte die Türkei 2009 und 2010 als sehr dynamisches Wachstumsland kennengelernt. Im europäischen Teil der Türkei sehen (sahen?) viele Betriebe ähnlich modern aus wie in Südeuropa. Ich hatte den Eindruck die Türkeit würde in den kommenden 10 Jahren den Anschluss an Europa schaffen.

Schade!

Ich hoffe, dass die Türkei nach ein paar verlorenen Jahren dann irgendwann zu dieser wirtschaftlichen Dynamik zurückfindet.

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10.01.2017, 13:58 Uhr

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