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27.10.2014

12:02 Uhr

Ukraine-Konflikt

Der Rubel ist Russlands offene Flanke

Der Rubel-Verfall erweist sich immer mehr als Achillesferse der russischen Wirtschaft. Der Aderlass ist so stark, dass die Wirtschaft auszubluten droht. Denn der schwache Rubel ist nicht das einzige Problem.

Der Rubel verliert zum Dollar immer mehr an Wert. dpa

Der Rubel verliert zum Dollar immer mehr an Wert.

MoskauDie rasende Talfahrt der russischen Währung wird die Führung in Moskau über kurz oder lang zu Zugeständnissen in der Ukraine-Krise zwingen, prophezeien Ökonomen. "Für Russland dreht sich alles um den Wechselkurs", sagt ein Experte, der anonym bleiben will. Der Aderlass ist so stark, dass die Wirtschaft auszubluten droht. Denn der Preis für Öl - eine der Haupteinnahmequellen des Landes - sinkt ebenfalls deutlich.

Der Rubel fällt momentan von einem Rekordtief zum nächsten und hat binnen drei Monaten mehr als ein Fünftel seines Wertes gegenüber dem Dollar eingebüßt. Der Kursverfall ist verheerend für den Rohstoffriesen, dessen wirtschaftliche Basis auf tönernen Füßen steht: Allen Versprechungen des Präsidenten Wladimir Putin zum Trotz ist das Land weiter stark abhängig von seinen Ölexporten. Die von Europa bis China reichende Konjunkturflaute drückt aber den Preis. Jeder Dollar weniger pro Fass Öl bedeutet für das Land zwischen Kaliningrad und Wladiwostok aufs Jahr gerechnet bis zu drei Milliarden Dollar weniger Einnahmen. Mit dem Preissturz um 25 Dollar in den vergangenen drei Monaten entgehen Russland somit bis zu 75 Milliarden Dollar.

Streitpunkte im Ukraine-Konflikt

Kämpfe im Donbass

Fast täglich berichten Militär und prorussische Separatisten von zahlreichen Toten. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen verloren in dem Konflikt mehr als 2000 Menschen ihr Leben.

Humanitäre Krise

Hunderttausenden Menschen in der Ostukraine fehlt seit Wochen das Nötigste. Moskau schickte in einem umstrittenen Konvoi gut 2000 Tonnen Hilfsgüter. Auch die Ukraine entsandte daraufhin Hilfe ins Krisengebiet.

Hilfskonvois

Moskaus einseitig durchgeboxte Hilfsaktion ohne Zustimmung Kiews löste massive internationale Kritik aus. Die Ukraine brandmarkte die Einfahrt des Konvois als „Invasion“. Am Montag kündigte die Führung in Moskau einen zweiten Hilfskonvoi an.

Militär

Russland hat Zehntausende Soldaten an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen. Kiew verdächtigt Russland, die Separatisten heimlich mit Waffen und Kämpfern auszustatten. Russland weist dies zurück und kritisiert die Stationierung von Nato-Einheiten in Osteuropa.

Gasstreit

Wegen unbezahlter Rechnungen hat Russland der Ukraine im Juni das Gas abgedreht. Kiew droht Moskau mit einer Unterbrechung des Öl- und Gastransits nach Westeuropa.

Freihandelsabkommen

Russland sieht in einem Freihandelsabkommen der Ukraine und der EU eine Gefährdung seines eigenen Handels. Der Kreml will dies nun von russischen und ukrainischen Experten prüfen lassen.

Krim

Nachdem prorussische Bewaffnete auf der Krim strategisch wichtige Gebäude besetzt hatten, spaltete sich die Halbinsel im März in einem umstrittenen Referendum von der Ukraine ab. Moskau gliederte die Krim in die Russische Föderation ein; Kiew erkennt dies nicht an.

Ein Dollar kostet nur noch 41,93 Rubel. Doch damit ist wohl noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht, wie Devisen-Experte John Hardy von der Saxo Bank sagt. Binnen sechs Monaten werde der Kurs bei 45 Rubel landen.

Die russische Zentralbank stemmt sich immer wieder mit Interventionen am Markt gegen den Verfall und greift dabei auf ihren noch üppig gefüllten Devisenschatz zurück. Mehr als 50 Milliarden Dollar musste sie dieses Jahr schon zur Stabilisierung der Währung aufwenden. Allein in diesem Monat waren zehn Milliarden Dollar fällig. "Die Notenbank hat es mit diesem Kursverfall verflixt schwer", meint Devisenexperte Hardy. Daher werde nichts aus dem erklärten Ziel, den Rubel nächstes Jahr am Markt frei schwanken zu lassen. Zentralbankchefin Elvira Nabiullina erklärte erst kürzlich, sie wolle die Währung ab Januar den Marktkräften überlassen und dann weitgehend auf Interventionen verzichten.

Russland muss Kapitalflucht bremsen

Dieses Ziel kann sie aber realistischerweise nur verwirklichen, wenn die Kapitalflucht aus dem Land deutlich gebremst wird. Die Zentralbank unterstellt für 2015 einen Rückgang der 'Nettokapitalablüsse' auf 35 Milliarden Dollar von geschätzten 90 Milliarden Dollar im laufenden Jahr. Viele Experten erwarten, dass dies nur mit Kapitalkontrollen erreicht werden kann.

Ein wesentlich aussichtsreicherer Weg könnte es jedoch sein, die Weichen im Ukraine-Konflikt auf Entspannung zu stellen. Dann dürfte Russland Vertrauen im Westen zurückgewinnen - auch bei ausländischen Investoren. Der Westen wirft der Führung in Moskau vor, pro-russische Separatisten in der Ost-Ukraine zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund haben auch eher symbolische Gesten Putins Gewicht: So hatte Russland jüngst angekündigt, nach Manövern an der Grenze zur Ukraine rund 17.600 Soldaten in die Kasernen zurückzubeordern. Aufhorchen lässt auch, dass Putin ein Gespräch mit dem ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko und mehreren EU-Spitzenvertretern als "gut und positiv" wertete.

Von

rtr

Kommentare (29)

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Herr Paul Müller

27.10.2014, 12:39 Uhr

Komisch, uns in D will man immer einreden, das eine schwache Währung gut ist, das es schlecht ist das der Euro stark ist, weil dadurch unsere exportierten Autos zu teuer werden. Durch den sinkenden Umtauschkurs des Rubels wird der sinkende Ölpreis kompensiert. Die Einnahmen in Rubel für das Fass Öl bleiben gleich.
Komisch, alles das was bei uns gut ist, soll für Russland schlecht sein ...

Herr Thomas Albers

27.10.2014, 13:20 Uhr

"Komisch, alles das was bei uns gut ist, soll für Russland schlecht sein"

Das ist wieder so ein Punkt, an dem uns der Beitragschreiber ein bisschen an der Nase herumführen möchte, indem er zwei Zusammenhänge verquickt. *g*

Verkauft Deutschland seit neuestem Öl? Oder welcher Effekt gleicht in Analogie bei Abwertung des Euro den Autopreis zwingend nach oben aus?

Wenn man an der Wechselkurspolitik Kritik üben möchte, dann sollte man auch die richtigen Argumente, wie etwa Wechselkurs-Sensitivität oder die Gegenreaktion anderer Notenbanken ins Feld führen...

Herr Thomas Albers

27.10.2014, 13:22 Uhr

"bei Abwertung des Euro den Autopreis zwingend nach oben aus"

Muss natürlich heißen: "nach unten"

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