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05.08.2015

12:14 Uhr

Unruhe auf dem Devisenmarkt

Griechenland gerettet, zerbröselt der Euro?

VonJürgen Röder

Kaum sprechen die Gläubiger und Griechenland wieder miteinander, stürzt der Euro ab. Verkommt er zur Weichwährung und erreicht bald die Parität zum US-Dollar? Der Fall der Gemeinschaftswährung hat wohl andere Gründe.

Griechische Euro-Münze vor der National-Flagge: Kurz nach der Einigung im Griechenland-Konflikt verlor die europäische Gemeinschaftswährung am Wert.

Euro in Gefahr

Griechische Euro-Münze vor der National-Flagge: Kurz nach der Einigung im Griechenland-Konflikt verlor die europäische Gemeinschaftswährung am Wert.

DüsseldorfDie Gläubiger hatten gerade erst nach einer Marathonsitzung in Brüssel beschlossen, wieder mit der griechischen Regierung über ein drittes Rettungspaket zu verhandeln, da fiel die Gemeinschaftswährung gegenüber dem US-Dollar um fast vier Cent - von knapp 1,12 auf 1,08 US-Dollar. Auf diesem Niveau steht er auch aktuell.

Dieser schnelle Absturz wirft Fragen auf: Verkommt der Euro zur Weichwährung? Wird Europa nun zu einer Transferunion mit schwachem Wirtschaftswachstum aller Mitgliedsländer und einer Währung, die kontinuierlich schwächelt? Griechenland gerettet, Euro tot - dieser Eindruck drängt sich auf.

Bereits bevor der Streit mit Griechenland eskalierte und offen über einen Grexit, also den Abschied des Landes aus der Euro-Zone, geredet wurde, prognostizierten viele Experten einen Sinkflug des Euros. Experten wie der Chefökonom der US-Investmentbank Goldman Sachs, Jan Hatzius, rechneten bereits im April dieses Jahres fest damit, dass die Euro-Dollar-Parität noch 2015 erreicht wird. Auch Andrew Bosomworth, Ökonom bei der Allianz-Tochter Pimco, hielt im Juni einen Wechselkurs Euro/Dollar im Verhältnis 1:1 noch dieses Jahr für möglich.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Deren Begründung damals: Die Unterschiede in der Geldpolitik zwischen den USA und dem Euro-Raum stärkten den Greenback. Die US-Notenbank Fed dürfte bereits im September die Zinswende einläuten. Dagegen hält die Europäische Zentralbank (EZB) die Geldschleusen weiter offen. Sie pumpt über das sogenannte Quantitative Easing (QE) monatlich rund 60 Milliarden Euro in die Finanzmärkte.

Auch Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank, erwartet aktuell die Euro-Dollar-Parität bis zum Jahresende. Seine Begründung: „Ich rechne mit den ersten zwei Zinsschritten (der US-Notenbank) schon im September und Dezember“, schrieb er im Deutsche-Bank-Newsletter „Perspektiven am Morgen“. Die langfristigen Zinsen dürften seiner Meinung nach allerdings nicht mit nach oben gehen. Für ihn kein Wunder: Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg sei das nominale Wachstum bei einer Zinserhöhung der Fed so schwach gewesen.

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Doch auch die Gegenseite, die auf eine Erholung der Gemeinschaftswährung setzt, hat gewichtige Gründe. „Für einen weiteren Kursrückgang gibt es kaum neue Argumente, daher dürfte sich der Euro-Dollar-Kurs mittelfristig wieder erholen“, meint beispielsweise Devisen-Experte Christian Apelt von der Helaba.

Schließlich preise der Devisenmarkt die Zinswende der Fed bereits seit einem Jahr ein. Und der Renditevorteil von zwei- beziehungsweise zehnjährigen US-Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen als Gradmesser für eine wachsende Zinsdifferenz habe sich kaum geändert. Der Helaba-Analyst erwartet sogar, dass die Gemeinschaftswährung in Richtung 1,20 Dollar ansteigen könnte.

Kommentare (26)

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Herr Vitto Queri

05.08.2015, 12:24 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

05.08.2015, 12:37 Uhr

Nur ökonomische Blindgänger wollen eine starke Währung. Man sieht es ja gerade an der laufenden Bilanzsaison unserer DAX-Konzerne wie ein (relativ) schwacher Euro zum Turbo für die Gewinne und unserer Wirtschaft insgesamt wird.

Herr Marc Otto

05.08.2015, 12:50 Uhr

Griechenland gerettet, zerbröselt der Euro?
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ich würde mir wünschen, dass es sich hierbei um ein Versprechen handelt.

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