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17.06.2014

14:18 Uhr

Virtuelle Währung in der Krise

Bitcoin leidet an hausgemachten Problemen

Die Flexibilität und dezentrale Steuerung im Vergleich zu analogen Währungen macht den Charme der virtuellen Währung Bitcoin aus. Doch die dezentrale Struktur, mit der User sie im Netz etablieren wollen, ist in Gefahr.

Beobachter sehen die dezentrale Erzeugungs- und Kontrollstruktur des Bitcoin-Systems in Gefahr: Sie fordern das Verbot von Pools zur Organisation von Miner-Mehrheiten. Reuters

Beobachter sehen die dezentrale Erzeugungs- und Kontrollstruktur des Bitcoin-Systems in Gefahr: Sie fordern das Verbot von Pools zur Organisation von Miner-Mehrheiten.

New YorkDer digitalen Währung Bitcoin droht der Verlust ihrer Glaubwürdigkeit, und zwar durch die Konzentration der für ihre Herstellung nötigen Rechnerleistung in einer Hand. GHash, ein Verbund von Rechnern, verfügt mittlerweile über fast die Hälfte der Rechnerleistung von Bitcoin und kam in der vergangenen Woche sogar kurz über 50 Prozent. Mit einer Mehrheit der Rechner könnte GHash theoretisch den Fluss von Transaktionen steuern, Leute aus dem Netzwerk ausschließen und alle zukünftigen Bitcoins für sich selbst behalten.

Das Problem ist komplex, hat seinen Ursprung aber vor allem in den sogenannten Mining Pools, zu denen auch GHash gehört. In den Mining Pools schließen sich Miner - oder Betreiber von Einzelrechnern - zusammen. Denn ein Rechner allein kann mehrere Jahre brauchen, um die Datenstruktur einer Bitcoin zu produzieren, und man weiß nie genau, wann es soweit ist. Mit den Pools sichern sich die Miner ein stetiges Einkommen durch die gemeinsame Errechnung der Bitcoins. Diese verteilen sie untereinander, je nach Anteil der Rechnerleistung.

Miner errechnen aber nicht nur in aufwendigen Kalkulationen die Zahlenfolgen, aus denen Bitcoins im Grunde bestehen. Sie halten auch die sogenannte Blockchain am Laufen, jene Datenbank, auf der die Transaktionen mit der virtuellen Währung registriert werden. Für die Rechnerleistung, die sie dafür aufbringen, werden die Miner wiederum mit Bitcoins entlohnt.

Die wichtigsten Fragen zu Bitcoins

Was sind Bitcoins?

Bitcoins (BTC) sind verschlüsselte Datenpakete aus Zahlen und Buchstaben.

Wer hat Bitcoins erfunden?

Als Erfinder gibt sich jemand aus, der auf einer Kryptografie-Mailingliste unter dem Namen Satoshi Nakamoto auftrat – vermutlich ein Pseudonym, möglicherweise steckt sogar eine Gruppe dahinter. Er umriss das Konzept 2008 in einem Grundsatzpapier und brachte 2009 eine Software zum Bitcoin-Austausch heraus. Mittlerweile kümmert sich eine kleine Community von Entwicklern darum – der Quellcode liegt offen.

Wozu sind Bitcoins gut?

Für die einen sollen Bitcoins ein anonymes Zahlungsmittel im Internet sein, das Systeme wie Paypal unnötig macht. Andere sehen Bitcoins als alternatives Wertaufbewahrungsmittel. Wieder andere glauben an eine mit dem Goldstandard vergleichbare Sicherheitsfunktion.

Als weltweit erste nennenswerte Transaktion gilt der Kauf zweier Pizzen für 10.000 BTC. Auch für illegale Zahlungen kommt die Währung zum Einsatz, etwa auf der inzwischen geschlossenen Online-Plattform Silk Road.

In Deutschland sind Bitcoins noch nicht sehr verbreitet. In Onlineshops wie Schuhwelt.com sowie in mehreren Berliner Kneipen kann man mit Bitcoins zahlen – allerdings tun Kunden das bislang nur in Einzelfällen.

Wie entstehen neue Bitcoins?

Neue Bitcoins müssen berechnet werden. Anfangs konnte jeder PC Bitcoins „schürfen“. Inzwischen sind die Rechnungen so komplex geworden, dass sie nur noch Hochleistungscomputer bewältigen. Professionelle Bitcoin-Schürfer koppeln ihre Computer zusammen.

Wie viele Bitcoins gibt es?

Die Anzahl der Bitcoins ist mathematisch auf maximal 21 Millionen begrenzt. Je größer die umlaufende Menge ist, desto aufwendiger wird, neue Einheiten zu berechnen. Professor Rainer Böhme von der Uni Münster geht davon aus, dass der letzte Bitcoin im Jahr 2140 erzeugt wird.

Wo werden Bitcoins gehandelt?

Im Internet gibt es etwa 60 Umschlagplätze für Bitcoins. Die mit Abstand größte Börse war lange Zeit Mt. Gox mit Sitz in Tokio. Doch die Japaner meldeten Insolvenz an. Weitere Tauschbörsen sind Coinbase, Kraken, BitStamp, Circle und BTC China. Die nach eigenen Angaben größte Bitcoin-Börse in Deutschland, Bitcoin.de, hat ihren Sitz in Herford bei Bielefeld.

Wie hat sich der Kurs entwickelt?

Seit dem Start 2009 haben Bitcoins stark zugelegt. Im Dezember 2013 kostete ein Bitcoin mehr als 1100 Dollar. Nach der Pleite der Handelsplattform Mt. Gox Anfang 2014 rutschte der Kurs enorm ab. Zum Jahreswechsel 2014 steht er etwas über 300 Dollar.

Ist der Handel mit Bitcoins legal?

In Deutschland können Nutzer laut Bafin ohne Erlaubnis mit der Cyber-Währung bezahlen. Auch das so genannte „Mining“ – die Schöpfung von Bitcoins – ist erlaubt. Allerdings können beim Rücktausch in Euro Steuern fällig werden.

von Andreas Dörnfelder

Obwohl GHash versprochen hat, Bitcoin als vertrauenswürdige Technologie bewahren zu wollen, ist allein der Umstand, dass eine Firma die Mehrheitskontrolle übernehmen könnte, für viele Nutzer ein riesiges Problem. Denn es könnte die Idee der Kryptowährung, also des digitalen Zahlungsmittels, das nur den Wert hat, den Nutzer dafür bezahlen wollen, untergraben. GHash könnte durch seine Mehrheit das ganze System blockieren und Transaktionen verhindern.

„Das ganze Konzept von Bitcoin beruht darauf, dass nicht eine einzelne Instanz die Mehrheit der Mining-Leistung kontrolliert“, sagt Ittay Eyal, ein Wissenschaftler an der Cornell University, der sich mit Bitcoin beschäftigt.

Seit GHash vergangene Woche kurz die 50-Prozent-Marke überquerte, ist der Wert der Bitcoin um sechs Prozent auf rund 600 Dollar gefallen. Das liegt allerdings immer noch im normalen Fluktuationsbereich der schwankungsanfälligen Währung. Im Vergleich zu vor zwei Jahren ist Bitcoin mittlerweile hundert Mal soviel wert.

Mit Bitcoins können Geldtransfers über das Internet abgewickelt werden, ohne dass dabei Banken involviert sind. Dadurch sind die Kosten für Überweisungen niedrig, es bedeutet aber auch, dass darüber illegale Aktivitäten wie Geldwäsche und Drogenverkäufe abgewickelt werden können. Bitcoins wurden durch den rasanten Kursanstieg zudem auch zum Ziel von Spekulanten.

Der Mining Pool GHash wird von der britischen Firma CEX.IO kontrolliert. Die Firma teilte am Montag mit, sie wolle Bitcoin schützen, aber sie wolle auch Minern nicht verweigern, sich ihrem Pool anzuschließen, oder andere kurzfristige Lösungen suchen. GHash werde also nicht zwanghaft versuchen, nicht über die 50-Prozent-Grenze zu kommen. Für Juli kündigte die Firma einen Runden Tisch an, zu dem wichtige Vertreter des Bitcoin-Systems eingeladen werden - „mit dem Ziel, über gemeinsame Wege zu diskutieren und zu verhandeln, wie die Dezentralisierung des Minings als Industrie angegangen werden kann“.

Experte Eyal betont, das Problem müsse auf „sehr drastische Weise“ gelöst werden. Der Anreiz sich solchen Pools anzuschließen, müsse beseitigt werden. Dazu müsste es ein Update der Software geben, auf dem das System beruht, sagt er.

Von

ap

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