Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.12.2014

12:06 Uhr

Währungscrash in Russland

Moskau verkauft Reserven – Rubel rutscht weiter ab

Das russische Finanzministerium will Währungsreserven in Milliardenhöhe auf den Markt werfen. Der Rubel rutscht trotzdem weiter ab. Verkauft Russland nun sein Gold? Am Donnerstag will Putin reden.

Handelsblatt in 99 Sekunden

Neue Sanktionen: Kein Grund zur Freude

Handelsblatt in 99 Sekunden: Neue Sanktionen: Kein Grund zur Freude

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

MoskauDas russische Finanzministerium verkauft zur Stützung des Rubel Devisenreserven. „Wir verkaufen so viel wie nötig ist“, sagte ein Behördensprecher am Mittwoch der Agentur Interfax in Moskau. Russland sei bereit, Devisen im Wert von sieben Milliarden Dollar auf den Markt zu werfen. Der Verkauf könne schrittweise erfolgen. Zusammen mit dieser Ankündigung erklärte das Ministerium am Mittwoch, die Währung des Landes sei stark unterbewertet.

Der Rubel zog nach der Ankündigung zunächst kräftig an. Der Dollar verlor fast neun Prozent auf 62,35 Rubel. Im Laufe des Vormittags waren die Gewinne jedoch schnell wieder dahin. Aktuell kostet ein Dollar rund 68 Rubel.

Am Dienstag hatte die russische Zentralbank den Leitzins auf 17 Prozent von 10,5 Prozent erhöht. Trotzdem war die russische Landeswährung am Dienstag zeitweise auf ein Rekordtief gefallen.

Die Anzeigetafeln an den russischen Wechselstuben spielten am Dienstag regelrecht verrückt. Nachdem der Kurs bereits am Montag mit 9,5 Prozent so stark gefallen war wie seit der Finanzkrise 1998 nicht mehr, verlor der Rubel bis zum Dienstagnachmittag noch einmal ein Fünftel seines Wertes. Für einen Euro wurden damit bisher unvorstellbare 100 Rubel fällig, für einen Dollar 80 Rubel. Danach setzte eine leichte Erholung ein, nach der für einen Euro noch immer 88 Rubel gezahlt werden mussten.

Der Rubel-Verfall - Ursachen und Folgen

Historisches Tief

Die Währung verlor seit Wochenbeginn mehr als 15 Prozent, die jüngste Erholung vom Mittwochvormittag auf einen Kurs von einem Dollar je 64 Rubel eingerechnet. Seit Jahresbeginn summiert sich der Wertverfall auf mehr als 50 Prozent. Allein am Dienstag war der Rubel zeitweise um 24 Prozent eingebrochen und hatte ein Rekordtief von einem Dollar je 80 Rubel markiert. Die Zentralbank hatte die Talfahrt noch in der Nacht zuvor mit einer drastischen Erhöhung des Leitzinses um 6,5 Prozent zu stoppen versucht. Doch vergebens.

Einkaufen bis zum Abwinken

Der Währungsverfall treibt die Russen in die Geschäfte. Begehrt sind bei den Kunden vor allem importierte Autos, Kühlschränke, Fernseher und Waschmaschinen. Ihre Devise: Noch schnell Rubel loswerden, bevor bald Schilder mit höheren Preisen in den Schaufenstern hängen.

„Nun ist genau die Zeit, um sämtliche Einkäufe zu erledigen, die man aufgeschoben hat, weil es morgen andere Preise gibt“ sagt Alexej Malachow, ein 27-jähriger IT-Angestellter, der ein Google-Telefon für 18 000 Rubel (rund 200 Euro) erstanden hat. Vor zwei Wochen habe er eine Waschmaschine gekauft. Seitdem habe sich deren Preis um 25 Prozent erhöht. „Wir haben nicht alles gekauft, was wir bräuchten, aber es ist kein Geld mehr übrig“, klagt er.

Dmitri Rajenko hat einen Ofen und einen Kaffeemacher ergattert. „Man muss das philosophisch angehen: Kauf, was du jetzt brauchst“, sagt der 45-jährige Angestellte im Sport-Marketing. „Wir sind in einem Wirtschaftskrieg, und es ist unwahrscheinlich, dass es bald besser wird.“

Der Öl-Faktor

Im Tandem mit den Sanktionen des Westens wurde der Absturz des Rubels von einem Preisverfall beim Öl angetrieben. Das Barrel sackte von einem Sommerhoch von 107 Dollar auf nunmehr 56 Dollar ab. Dabei kommt der Bärenanteil der Einnahmen der Regierung aus dem Ölgeschäft.

Der Angst-Faktor

Und doch erklärt sich die Währungskrise längst nicht allein aus dem Absturz der Ölpreise. Vielmehr herrsche eine Vertrauenskrise bei jedem, der im Markt involviert sei, konstatiert Philip Hanson, Experte für russische Wirtschaft am Königlichen Institut für Internationale Angelegenheiten in London. „Es ist einfach, das Wort 'Panik' zu benutzen, aber ich denke, das ist genau das, was passiert ist.“

Dazu gehöre, dass Unternehmen versuchten, ihre Rücklagen in Dollar umzuwandeln und auch gewöhnliche Bürger ihr Erspartes retteten, in dem sie Rubel umtauschten.

Zwar versuchen Staatsmedien das Ausmaß der Krise herunterzuspielen, doch selbst einige russische Beamte wirken ratlos. „Die Situation ist kritisch“, räumt der Vize-Chef der Zentralbank, Sergej Schwetsow

Schmerzhafte Sanktionen

Dem Rubel setzen die Sanktionen zu, die die USA und Europa wegen der Rolle Moskaus in der Ukraine-Krise verhängt haben. Hintergrund sind die Schwierigkeiten russischer Firmen, ihre Dollar- und Euroschulden auf den westlichen Kapitalmärkten zu refinanzieren. „Daher streben sie danach, Euros oder Dollars zu erwerben, um externe Schulden zu bezahlen und gehen dabei in einer Art und Weise vor, mit der sie das sonst nicht tun würden, wenn die Sanktionen nicht wären“, sagt Experte Hanson. Mit anderen Worten: Die Unternehmen erbetteln sich Dollars und verkaufen Rubel, um sie zu bekommen - und schicken den Rubel damit nur auf eine noch steilere Talfahrt.

Just auf dem Höhepunkt der Krise kündigte das Weiße Haus am Dienstag an, Präsident Barack Obama werde ein Gesetz mit neuen Strafmaßnahmen gegen Moskau unterzeichnen.

Hinter den Kulissen

Marktanalysten zufolge trug ein Geheimdeal des angeschlagenen staatlichen Ölgesellschaft Rosneft zur Aushöhlung des Rubel bei. Der von Putins Langzeit-Intimus Igor Seschin geführte Konzern ruft bereits seit Monaten nach einem Rettungsring der Regierung, weil die Sanktionen seine Möglichkeiten einschränkten, sich im Ausland Geld zu leihen.

Durch den Verkauf von Anleihen mit niedrigen Zinssätzen - laut Analysten an staatliche Banken - borgte sich Rosneft am Freitag 625 Millionen Rubel. Zu dem Zeitpunkt waren dies 10,9 Milliarden Dollar (rund 8,7 Milliarden Euro). Zwar stritt Rosneft ab, jegliche Erlöse aus den Anleihen in Dollar umgetauscht zu haben. Doch aus Sicht von Experten dürften Gerüchte über den Deal für die Währungskrise mitverantwortlich sein.

Rosneft sei so wichtig, dass es nur schwer vorstellbar ist, dass Russland den Konzern in die Zahlungsunfähigkeit gehen lasse, sagt Ewgeny Solowjow, Analyst bei der Société Générale in London. „Und wir haben eben gesehen, dass sie das nicht zulassen werden.“

Was tun?

Die jüngste Zinserhöhung durch die Zentralbank soll die Händler dazu ermuntern, an ihren Rubel festzuhalten. Doch Analysten zufolge war die Maßnahme schon deshalb unzureichend, weil Banken und Unternehmen viel größere Gewinne durch den Kauf harter Währung erzielen könnten. Im Übrigen könnten sich die höheren Zinssätze als Bumerang erweisen und der Wirtschaft schaden.

Sollten die panischen Rubel-Verkäufe weiter anhalten, könnten die russischen Behörden sich gezwungen sehen, Kapitalkontrollen einzuführen, mutmaßen Experten. Das wären jedoch schlechte Nachrichten für all jene ausländischen Investoren, die ihr Geld noch nicht aus Russland abgezogen haben.

Grund für den Wertverlust sind vor allem der fallende Ölpreis sowie die Sanktionen des Westens wegen der Rolle Moskaus im Ukraine-Konflikt. Durch den Währungsverfall sind die Preise für russische Verbraucher erheblich gestiegen.

Sowohl die Europäische Union als auch die USA bereiten unterdessen weitere Sanktionsschritte vor: Bis zum EU-Gipfel am Donnerstag würden neue Strafmaßnahmen gegen die von Russland annektierte Halbinsel Krim beschlossen, kündigten Diplomaten in Brüssel an. Ein Sprecher von US-Präsident Barack Obama erklärte, dieser werde das vom Kongress verabschiedete Gesetz zur Verschärfung der Strafmaßnahmen gegen Russland bis zum Ende der Woche unterzeichnen.

Kommentare (53)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Niko Pol

17.12.2014, 10:13 Uhr

Wir sind Zeugen wie eine Währung bzw. eine große Wirtschaft angegriffen wird.

Und Spekulaten wir Sorros haben das schon mit dem britischen Pfund gemacht.
Diese ganze Aktionen des Westens untergraben das Vertrauen in das
Geldsystem und werden auch bei uns schwere Folgen haben.
Gewinnen werden zum Schluss wieder paar superreiche Spekulanten. Die
Verlierer sind die Volkswirtschaften. Das ganze System ist faul, wenn die
USA eine spezielle Abteilung hat um Staaten wirtschaftlich zu ruinieren
(Die Zeit hat schon darüber berichtet).

Man sollte sich ernsthaft darüber fragen wohin das ganze zum Schluss
führt.

Herr Vittorio Queri

17.12.2014, 10:17 Uhr

>> Der Verkauf könne schrittweise erfolgen. >>

Russland könnte auch mal in dem Kasino 100-300 Mrd. € in den Topf werfen......wäre doch mal interessant zur Abwechslung, wie die Märkte darauf reagieren.

Herr Josef Schmidt

17.12.2014, 10:31 Uhr

Es wird zu dem führen wozu es gedacht ist. Krieg in Europa.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×