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25.10.2011

12:20 Uhr

Währungswetten

Spekulanten in der Bärenfalle

VonRalf Drescher, Jörg Hackhausen

Selten waren sich die Investoren so einig: Mit dem Euro kann es nur abwärts gehen. Am Devisenmarkt gibt es so viele Wetten gegen den Euro wie nie. Doch die Spekulanten haben Europas Währung zu früh abgeschrieben.

Devisenhändler in Chicago: Massive Wetten gegen den Euro. Reuters

Devisenhändler in Chicago: Massive Wetten gegen den Euro.

DüsseldorfDer Euro legt zu - und keiner weiß warum. In den vergangenen Tagen stieg der Kurs unbeeindruckt von der Schuldenkrise fast auf 1,40 Dollar. Für einen Euro gibt es aktuell 1,3923 Dollar.

Dabei hagelt es täglich schlechte Nachrichten. Der Schuldenschnitt für Griechenland wird nicht nur wahrscheinlicher, er dürfte auch deutlich höher ausfallen als gedacht. Nach Schätzungen müssen die Gläubiger rund 60 Prozent ihrer Forderungen abschreiben. Ob alle europäischen Banken das verkraften, ist noch nicht klar.

Dass der Euro trotzdem steigt, dürfte manchen auf dem falschen Fuß erwischen. Spekulanten haben Milliarden auf einen fallenden Euro gesetzt. Gut möglich, dass sie den Euro zu früh abgeschrieben haben. „Alle haben damit gerechnet, dass der Euro noch einmal in Richtung 1,30 oder 1,25 Dollar einbricht. Entsprechend waren die spekulativen Investoren fast überwiegend auf der Verkäuferseite zu finden“, sagt Eugen Keller, Währungsstratege beim Bankhaus Metzler.

Die Kursentwicklung des Euro seit Einführung

1. Januar 1999

1. Januar 1999: Der Euro wird von den elf Gründerländern der Europäischen Währungsunion (EWU) aus der Taufe gehoben. Der Umrechnungskurs zur D-Mark beträgt 1,95583 DM je Euro.
Am 4. Januar startet der Handel in Sydney - der ersten großen Börse, die nach dem Datumswechsel öffnet - mit 1,1747 Dollar.

Dezember 1999

Der Euro fällt erstmals auf 1,00 Dollar.

Frühherbst 2000

Bei Kursen unter 0,85 Dollar wächst die Befürchtung, der schwache Euro könnte die Weltwirtschaft destabilisieren. Mit Unterstützung der Zentralbanken Japans und der USA greift die EZB der jungen Währung unter die Arme. Doch die Interventionen verpuffen rasch: Am26. Oktober ist ein Euro noch 0,8225 Dollar wert. Eine weitere Interventionsrunde im November hievt ihn wieder auf 0,86 Dollar.

Januar 2002

Die reibungslose Einführung des Euro-Bargelds honorieren die Finanzmärkte mit Euro-Käufen. Im Juli erreicht der Euro wieder die Ein-Dollar-Marke.

März 2003

Der Beginn des Irakkrieges geht zu Lasten des Dollar. Der Euro erreicht wieder sein Einführungsniveau.

September 2003

Finanzminister und Notenbanker der sieben führenden Industrieländer (G7) fordern flexiblere Wechselkurse, was an den Märkten als Signal für den Wunsch nach einem schwächeren Dollar interpretiert wird. Am 28. November 2003 steigt der Euro erstmals über 1,20 Dollar.

September 2007

Nach einer deutlichen US-Zinssenkung im Zuge der Subprime-Krise steigt der Euro über 1,40 Dollar.

Juli 2008

Der Euro erreicht mit 1,6038 Dollar ein Rekordhoch. Nur wenige Tage zuvor - am 11. Juli - hatte übrigens auch der Ölpreis mit 147,50 Dollar je Fass sein Allzeithoch erreicht.

Oktober 2008

Im Sog der Lehman-Pleite ziehen US-Investoren ihre Euro-Gelder ab und drücken ihn bis zum 28. Oktober auf 1,2328 Dollar ,den niedrigsten Stand seit April 2006.

Oktober 2009

Mit den Aktienmärkten steigt zwar auch der Euro - erstmals seit einem Jahr klettert er am 21. Oktober über 1,50 Dollar. Doch das Comeback ist von kurzer Dauer: Griechenland schockiert die Märkte mit der Ankündigung eines etwa doppelt so hohen Haushaltsdefizits wie bislang gedacht.

Dezember 2009, Januar 2010

Mit ersten Herabstufungen Griechenlands durch die Ratingagenturen Fitch, Standard & Poor's sowie Moody's beginnt der Euro seine Talfahrt.

Frühjahr und Sommer 2011

EZB-Chef Jean-Claude Trichet signalisiert am 3. März überraschend für April eine Zinserhöhung. Im Juli folgt sogar eine zweite Zinsanhebung. Am 4. Mai notiert der Euro zeitweise über 1,49 Dollar. Spekulationen über einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone bremsen die Gemeinschaftswährung aber für den Rest des Sommers aus. Sie pendelt meist in einer Spanne von etwa 1,40 bis 1,45 Dollar.

Ende Februar 2012

Eine zweite EZB-Geldspritze lässt den Euro wieder steigen. Er schafft es fast bis auf 1,35 Dollar. Banken können sich bei der EZB für drei Jahre zum historisch niedrigen Leitzins von einem Prozent Geld leihen. Zusammen mit der ersten derartigen Aktion vom Dezember greifen die europäischen Banken rund eine Billion Euro ab.

Juni 2012

Die Angst der Investoren vor einer Eskalation der Staatsschuldenkrise ist größer denn je und belastet den Euro. Vor allem Spanien ist wegen seines taumelnden Bankensektors angezählt. Im Juni fällt der Euro bis auf 1,21 Dollar.

Juli 2012

Vor Investoren in London kündigt EZB-Chef Draghi am 26. Juli an, die EZB werde „alles nötige tun, um den Euro zu erhalten.“ Der vorläufige Wendepunkt in der Euro-Krise. Sofort steigt der Euro deutlich. Innerhalb eines Tages von 1,2118 auf 1,2287 US-Dollar. Wenige Wochen später machte Draghi klar, was das bedeutet: Im Notfall kauft die EZB unbegrenzt Anleihen der Krisenländer. Der Euro startet einen neuen Höhenflug.

Februar bis März 2013

Die Erleichterungs-Rally geht weiter: Anfang Februar steigt der Euro bis auf 1,37 Dollar. Das Hoch hält allerdings nicht lange vor. Wegen Unsicherheiten in Italien und Zypern fällt die Gemeinschaftswährung und notiert aktuell bei knapp unter 1,30 Dollar.

September 2014

Die EZB überrascht die Märkte mit einem neuen Zinssenkungszyklus. Der Euro nimmt seine Talfahrt wieder auf. Signale von EZB-Chef Mario Draghi für weitere Geldspritzen drücken den Euro bis zum Jahresende auf rund 1,21 Dollar.

06. Januar 2015

Der Euro fällt auf 1,1853 Dollar und erreicht damit das Tief von Februar 2006. Zugleich nimmt die Talfahrt der Ölpreise weiter Fahrt auf. Nordseeöl der Sorte Brent verbilligt sich um bis zu 1,7 Prozent auf 50,22 Dollar je Barrel (159 Liter).

Den Aufwärtstrend des Euros hat das verstärkt: „Viele mussten erkennen, dass der Trend eher nach oben geht und ihnen hohe Verluste drohen. Das hat dazu geführt, dass Short-Positionen aufgelöst wurden, was den Euro-Kurs treibt“, erklärt Keller.

Im Börsenjargon spricht man in dem Fall von einer "Bärenfalle" - die Spekulanten sind reingetappt. Sie hatten so viele Wetten gegen den Euro abgeschlossen wie selten zuvor. Das belegen die Zahlen vom International Monetary Market (IMM) in Chicago, einem der weltweit größten Handelsplätze für Termingeschäfte auf Währungen.

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

25.10.2011, 12:44 Uhr


Politische Nichtentscheidungen in Italien und GR sorgen für fallende Eurokurse, wetten dass ?

EinBuerger

25.10.2011, 12:45 Uhr

Im Prinzip gibt es doch für die Euro-Schulden-Probleme keine Lösung:

- Werden die Rettungstöpfe groß genug dass sich die Investoren sicher fühlen sinkt aber der Reformdruck in den Schuldenländern gegen null.

- Bleiben die Rettungstöpfe klein wird das Risiko für die Investoren zu groß, entsprechend steigen die Zinsen ins unbezahlbare.

- Jede EU-Budget-Kontrolle scheitert schon daran, dass man zwar Budgets ablehnen kann, aber dann drohen die Länder mit Nicht-Zahlung von Gehältern und Renten = Bürgerkrieg.
Und Gesetze wie Rentenalter kann die EU sowieso nicht erlassen, und auch auf das tatsächliche Steuereintreiben kann die EU keinen wirklichen Einfluss nehmen.

Account gelöscht!

25.10.2011, 12:45 Uhr

Ob dies so richtig dargestellt ist? Wenn ich andere Waehrungen auch betrachte, dann faellt der USD. Dort wird ja schon wieder von der kranken FED nachgedacht, neue zu drucken. Da wird alles getan um den USD abzuwerten. Muss man sich mal vorstellen - der Euro in der absoluten Krise und der USD faellt und faellt...und Obama und Bernanke freuen sich und beschuldigen andere Laender der Waehrungsmanipulation.

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