Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.04.2016

13:38 Uhr

Wende am Rohstoff-Markt?

Ölpreis hängt (noch) in der Spekulationsspirale fest

VonMatthias Streit

Kurz vor dem Opec-Treffen am Sonntag ist der Preis für das schwarze Gold um sieben Dollar in einer Woche gestiegen. Mit den Fundamentaldaten lässt sich das nicht erklären. Wovon die weitere Entwicklung jetzt abhängt.

Sowohl die Förderung als auch die Lagervorräte sind derzeit auf einem sehr hohen Niveau. Reuters

Gefüllte Öllager

Sowohl die Förderung als auch die Lagervorräte sind derzeit auf einem sehr hohen Niveau.

FrankfurtSeit gut einer Woche kennt der Ölpreis im Grunde nur eine Richtung: nach oben. Für die Rohstoffproduzenten ist das eine willkommene Atempause nach dem drastischen Verfall des Ölpreis seit Juni 2014. Fraglich jedoch ist, wie nachhaltig dieser Preisanstieg ist – und wie viel Spekulation darin steckt.
Was den Ölpreis derzeit treibt, sind Ankündigungseffekte in Perfektion. Es handelt sich aktuell vor allem um die Erwartungen aufgrund eines anstehenden Ereignisses: Am Sonntag treffen sich die Mitglieder der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) gemeinsam mit weiteren Förderländern in der katarischen Hauptstadt Doha, um ein Einfrieren ihrer Fördermenge zu besprechen. Allein vom 4. April bis zum Schlussstand am Dienstag kletterte der Preis für ein Barrel (159 Liter) Brent-Öl um sieben Dollar – von 37,69 Dollar auf 44,69 Dollar.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Doch Experten wie Daniel Yergin bleiben dem euphorischen Treiben am Markt gegenüber skeptisch. Der Öl-Historiker ist Vizepräsident des Analyseunternehmens IHS und eine Koryphäe in der Branche. Eine Begrenzung der Förderung hält er erst für möglich, wenn der Iran endgültig erkläre, wie viel Öl das Land exportieren könne, sagte er vor wenigen Tagen der Financial Times in einem Interview.
Vieles spricht dafür, das reine Spekulationen den Ölpreis nach oben treiben. Denn um das Treffen ranken sich viele Gerüchte. So verlautete am Dienstag, dass sich Saudi-Arabien und Russland eine Grenze geeinigt hätten, prompt schoss der Ölpreis nach oben.

Fracking: Banken wollen Ölfirmen kein Geld mehr leihen

Fracking

Banken wollen Ölfirmen kein Geld mehr leihen

Die niedrigen Ölpreise werden für immer mehr Fracking-Unternehmen in den USA zum Problem. Die Banken schränken ihre Kreditvergabe ein. Analysten warnen vor einer Pleitewelle in der Branche.

Die Rohstoff-Experten der Commerzbank bleiben jedoch zurückhaltend: „Da der Iran sich nicht beteiligt und freiwillige Produktionskürzungen bei den anderen Ländern ausgeschlossen sind, wird die OPEC-Produktion auch nach Doha weiter steigen“, schreiben sie in einem Kommentar. Zudem sei es durchaus wahrscheinlich, dass Öltrader nach dem Treffen Gewinne mitnehmen, getreu dem Motto „Kaufe das Gerücht, Verkaufe den Fakt“.

Kommentare (11)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Helmut Metz

13.04.2016, 14:16 Uhr

Der Ölpreis hängt nicht in der Spekualtionsspirale sondern in der Deflationsspirale fest. Die weltweite - verleugnete - Rezession (denn Politik und Zentrralbanken müssten ja ansonsten ihr Totalversagen eingestehen) zeigt sich halt in einer stark erniedrigten Nachfrage, auf die die Erdölproduzenten mit einem (deflationären) Preiskampf reagieren müssen.
Fast alle wichtigen Industriemetalle (= Konjunkturindikatoren) zeigen nämlich ebenfalls einen Preisrückgang an, z.B.
http://www.finanzen.net/rohstoffe/aluminiumpreis (1 Jahr -13,7%)
oder
http://www.finanzen.net/rohstoffe/kupferpreis (1 Jahr -21%)



Account gelöscht!

13.04.2016, 14:36 Uhr

Din Öl-Ländern steht das Wasser bis zum Hals also müssen sie pumpen und verkaufen, wobei die Perser auf den Markt drängen.
Die Öl-Lager plus die Öl-Tanker sind randvoll. Der Dollar ist etwas gefallen das erklärt den Preisanstieg beim Öl und wenn die Amis es wollen, dann geht der Dollar auf 1,20 und der Ölpreis in Richtung 50 USD.

Herr Moritz J. Mueller

13.04.2016, 14:43 Uhr

So ist es!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×