Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.09.2013

18:03 Uhr

Rückgang der Liquidität

Draghi stellt Banken neue Notkredite in Aussicht

Viele Banken zahlen derzeit die Notkredite zurück, die ihnen die EZB auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise gewährte. Doch dadurch sinkt die Liquidität im Finanzsystem. EZB-Chef Mario Draghi ist alarmiert.

EZB-Präsident Mario Draghi vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss: „Wir werden diese Entwicklung besonders genau beobachten“. AFP

EZB-Präsident Mario Draghi vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss: „Wir werden diese Entwicklung besonders genau beobachten“.

Brüssel/FrankfurtEuropas oberster Währungshüter Mario Draghi hat den Banken im Währungsraum neue Notkredite in Aussicht gestellt. Die Europäische Zentralbank (EZB) könne den Geldhäusern - falls nötig - eine neue Finanzspritze geben, sagte Draghi am Montag in Brüssel bei einer Anhörung vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europaparlaments in Brüssel.

Allerdings zielten die Worte des EZB-Chefs nicht auf eine akut drohende neue Eskalation im Finanzsektor – im Gegenteil. Draghi bezog sich vor allem auf die rasche Rückzahlung der Notkredite mit ungewöhnlich langer Laufzeit von bis zu drei Jahren, die die Notenbank Ende 2011 und Anfang 2012 auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise an Banken ausgereicht hatte. Dadurch sank die Überschussliquidität im Finanzsystem zuletzt spürbar von mehr als 800 auf nur noch 225 Milliarden Euro.

Dass viele Institute diese Darlehen vorzeitig tilgten, sei zwar ein gutes Zeichen, so Draghi. „Es zeigt, dass die Banken weniger abhängig von der EZB sind.“ Allerdings treibe der Rückgang dieser Liquidität die Kreditraten am Markt für kurzfristige Geldleihen. Diese Entwicklung droht, die einsetzende wirtschaftliche Erholung im Euro-Raum abzuwürgen. „Wir werden diese Entwicklung besonders genau beobachten“, sagte der EZB-Chef.

Die Folgen der EZB-Niedrigzinspolitik

Schulden steigen

Künstlich niedrig gehaltene Zinsen befördern die Schuldenwirtschaft, insbesondere die der Staaten und der Bankenindustrie.

Spekulationswellen

Künstlich tiefe Zinsen lösen (inflationäre) Spekulationswellen aus, führen zu „Boom-and-Bust“-Zyklen: überhitzte Situationen, in denen, wenn niemand mehr bereit ist, Kredite zu finanzieren, alles in sich zusammenbricht.

Fehlinvestitionen werden künstlich am Leben gehalten

Ein künstlich tief gehaltener Zins befördert, dass unprofitable Investitionsprojekte also Fehlinvestitionen aufrecht gehalten werden.

Verminderter Reformdruck auf Krisenländer

Werden die Zinsen künstlich abgesenkt, so verringert sich der Reformdruck auf Regierungen und Banken, ihre Haushalte beziehungsweise Bilanzen zu verbessern.

Zahlreiche Geldmarktexperten rechnen damit, dass die EZB sich wegen der anziehenden Zinssätze beim Geldverkehr zwischen den Banken schon bald zum Nachlegen gezwungen sieht. Nach einer neuen Reuters-Umfrage halten 13 der 22 befragten Geldmarkt-Händler ein neues - im Fachjargon LTRO genanntes - langfristiges Geldmarktgeschäft der EZB binnen Jahresfrist für gut möglich.

Draghi bekräftigte auch das Versprechen, das Geld im Währungsraum dauerhaft extrem billig zu halten. „Die Zinsen werden für einen längeren Zeitraum niedrig bleiben“, so der EZB-Chef. Derzeit liegt der Leitzins auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent. Die Inflation dürfte nach den Worten Draghis auf absehbare Zeit unter dem angepeilten Ziel von knapp zwei Prozent liegen. Der geringe Teuerungsdruck eröffnet Spielraum für eine lockere Geldpolitik. Der EZB-Rat entscheidet kommende Woche das nächste Mal über seinen geldpolitischen Kurs.

Die Aussagen des EZB-Präsidenten drückten den Euro-Kurs am Nachmittag unter die Marke von 1,35 US-Dollar. Die europäische Gemeinschaftswährung fiel auf ein Tagestief von 1,3480 Dollar, nachdem Draghi die Möglichkeit neuer Notkredite eingeräumt hatte. Draghi ermahnte außerdem die Regierungen im Euro-Raum zum Festhalten am Sparkurs: „Die jüngere Geschichte zeigt, dass die geringsten Abweichungen vom Konsolidierungspfad die Märkte zu brutalen Reaktionen veranlassen.“

Kommentare (45)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Rainer_J

23.09.2013, 18:28 Uhr

Zum Glück hat die AfD einen guten Start hingelegt (Wählergebnis ca. 67% besser als die Umfragezahlen vor der Wahl). Somit haben wir jetzt eine Partei, die sich diesem illegalen Treiben entgegenstellt. Also eine Alternative zu den Eurofanatikern.

Jetzt_gehts_los

23.09.2013, 18:43 Uhr

ENDLICH kann Herr Draghi die Schulden weginflationieren. Hat ja schon unruhig auf das Ende der Wahl gewartet. Letztlich war die Wahl ja eine Bestaetigung seiner Politik und die von Herrn Schaeuble. Das Paradies mit Transferunion kann endlich Wirklichkeit werden.

RedAdair

23.09.2013, 19:08 Uhr

EZB-Chef Mario Draghi ist alarmiert.
-------------------------------------------
Er ist alarmiert?
Ja, muss er das nicht ständig sein, .... alarmiert?
Sollte man das bei seinem Job nicht a priori voraussetzen?
Wenn er nicht ständig alarmiert wäre, wer sollte sonst bei der EZB für Alarm zuständig sein?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×