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16.01.2015

19:03 Uhr

Schweizer Franken

Die Auswirkungen des SNB-Manövers

Die Schweizer Nationalbank hat den Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken aufgehoben. Schweiz-Reisende müssen sich auf noch höhere Preise gefasst machen. Ein Gräuel für die Alpenrepublik – es gibt aber auch Profiteure.

Das Schweizer Luxus-Alpendorf Gstaad: Bleiben die Touristen nun aus? AFP

Das Schweizer Luxus-Alpendorf Gstaad: Bleiben die Touristen nun aus?

Genf/ZürichEin Schnitzel für 30 Euro? 6,30 Euro für ein Bier? Auf diese Preise müssen sich Schweiz-Reisende nach der überraschenden Aufwertung des Franken gefasst machen. Es ist ein Gräuel für die ansonsten erfolgsverwöhnte Alpenrepublik, in der Urlauber aus anderen Ländern etwa drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts stellen. „Will jemand mein Hotel kaufen?“, fragt etwa Hotelier Thomas Frei aus dem Luxus-Alpendorf Gstaad auf Twitter. Die ersten Gäste hätten bereits storniert. Auf der anderen Seite der Grenze bricht hingegen Jubel aus: Ressort-Betreiber in französischen Skigebieten nennen den superstarken Franken ein „Gottesgeschenk“ und freuen sich auf zahlreiche Urlauber aus der Schweiz.

Die Schweizer Nationalbank hatte am Donnerstag den vor mehr als drei Jahren eingeführten Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken aufgehoben. Die Schweizer Währung zog daraufhin um zeitweise knapp 30 Prozent an. Der Schritt, der eine Schockwelle an den Währungsmärkten weltweit auslöste, findet mitten in der wichtigen Winter-Skisaison statt und eine Woche vor dem alljährlichen Treffen von Wirtschaftsführern und Politikern aus aller Welt im Bergort Davos. Die Gäste des Gipfels müssen nicht auf ein paar Franken mehr oder weniger achten, aber vielleicht merken sie, dass ihre Lieblingslektüre teurer geworden ist: Für das Wirtschaftsmagazin „Economist“ müssen sie nun zehn Franken berappen – 70 Prozent mehr als der deutsche Kioskpreis von 5,80 Euro.

Und im Zürcher Zeughauskeller, der in keinem Reiseführer fehlt, schnellte der Preis für ein Schnitzel über Nacht um vier Euro auf 28 Euro nach oben. Touristen öffnen ihr Portemonnaie in der Stadt nur noch im Notfall. „Ich bin froh, dass ich nur einen Tag hier bin“, sagt der 29-jährige Amit Raj aus Sevilla während er die Auslagen eines Uhrengeschäfts auf der Shopping-Meile Bahnhofstraße bewundert. „Ich werde definitiv vorsichtiger sein und heute Abend kein Geld mehr abheben.“

Das sagten Experten am 15. Januar zum Schweizer Manöver

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin

„Die Entscheidung der Schweizer Notenbank war längst überfällig. Ihre Wechselkurspolitik hat zwar in den vergangenen Jahren Schweizer Exporteure geschützt und deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwächeren Franken unterstützt. Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen. Denn der Franken wird langfristig gegenüber dem Euro aufwerten. Die Wertverluste auf die Devisenreserven könnten deshalb enorm groß werden. Der Zeitpunkt der Entscheidung ist sicherlich nicht zufällig. Die Erwartung eines Anleihenkaufprogramms der EZB sollte den Euro mittelfristig weiter schwächen, und damit die sonst notwendigen Ankäufe und diese Verluste für die Schweizer Notenbank erhöhen.“

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse

„Es war von Anfang an klar, dass die Wechselkursuntergrenze eine temporäre Maßnahme sein soll. Auch die Wirtschaft strebt im Prinzip eine Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen an, aber nicht jetzt. Denn in der gegenwärtig angespannten Situation ist die Gefahr sehr groß, dass es zu einem Überschießen des Frankens kommt. Wir sind davon ausgegangen, dass die Wechselkursuntergrenze für die nächsten Monate noch halten wird.

Wir sind jetzt weit jenseits der Kaufkraftparität, die ich auf 1,29 Franken pro Euro schätze. Mit einer leichten kontinuierlichen Aufwertung kann die Wirtschaft leben. Aber bei einer schockartigen Aufwertung ist die Industrie überfordert. Das wird sehr große Probleme geben.

Es bricht eine schwierige Zeit für die Schweizer Unternehmen an. Dies gilt vor allem für die Export- und Zuliefer-Industrie sowie für den Tourismus. Die Planungssicherheit ist vorderhand weg. Entscheidend ist jetzt, wo sich der Euro einpendeln wird. Mit 1,15 Franken kann die Wirtschaft leben. Bei 1,05 würde es zu einem größeren Einbruch kommen.“

Schweizerischer Gewerkschaftsbund

„Der Entscheid der SNB, den Mindestkurs aufzuheben, gefährdet die Löhne und Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft massiv und erhöht die Deflationsgefahren in der Schweiz. Auch zum Kurs von 1,20 gegenüber dem Euro war der Franken nach wie vor deutlich überbewertet. Mit der Aufhebung der Untergrenze ist der Devisenspekulation nun Tür und Tor geöffnet. Es ist mit einer unkontrollierten Aufwertung zu rechnen. Die bereits heute unter dem überbewerteten Franken leidende Exportwirtschaft (Industrie/Tourismus) wird zusätzlich belastet.“

Christian Lips von der NordLB

„Die SNB scheint nicht mehr an eine Durchsetzbarkeit für den Fall eines EZB-Staatsanleihenankaufprogramms zu glauben – und könnte sich doch mit der Panikreaktion in eine Sackgasse manövriert haben. Zumindest ist die Kommunikation der SNB – bei allem Wohlwollen – als missglückt zu bezeichnen.“

JP Morgan Research

„Die größte Überraschung der heutigen Entscheidung ist, dass die SNB sich gegen einen gelenkten Rückzug entschieden hat – sie hat dem Euro zum Franken komplett den Boden entzogen.

Das ist zwar die sauberste Option für die SNB – alle Verbindungen zur Geldpolitik der EZB können nun gekappt werden. Aber es ist auch die Option mit dem größten Risiko, den Euro-Franken-Kurs unter den fairen Wert zu drücken, den wir bei etwa 1,10 Franken sehen.“

Thomas Gitzel von der VP Bank

„Die SNB beugt sich dem Marktdruck, setzt aber ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Interventionen der vergangenen Wochen waren wohl für die eidgenössischen Währungshüter zu viel. Bei der Einführung des Mindestwechselkurses war an punktuelle Interventionen gedacht, nicht aber an permanente. Letztlich dürfte aber auch die Gold-Initiative eine gewisse Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. (...) Da der Franken auf den aktuellen Kursniveaus deutlich gegenüber dem Euro überbewertet ist, sollten sich nach einer Übertreibungsphase wieder höhere Kursniveaus beim Währungspaar Euro-Franken einstellen.“

Jefferies-Stratege Jonathan Webb

„Die Entscheidung der SNB hat den Markt völlig überrascht. Die SNB geht vermutlich davon aus, dass die EZB in der kommenden Woche auf ihrer Ratssitzung ihre Geldpolitik weiter lockern wird. Angesichts der anstehenden Wahlen in Griechenland wäre es für die Schweizer ziemlich schwierig, den Mindestkurs aufrecht zu halten.“

Chris Beauchamp, Markt-Analyst bei IG

„Meine erste Reaktion war, dass das ein Signal für eine bevorstehende Aktion der EZB ist. Allerdings war die Reaktion an den Aktienmärkten dafür zu negativ. Aber es passiert ja nicht jeden Tag, dass eine Notenbank einfach einer Währung den Boden unter den Füßen wegzieht. Und die Leute haben eindeutig Angst, dass etwas Größeres bevorsteht. Für den Schweizer Markt und die Wirtschaft ist das sehr schlecht, wenn der Franken so rasant steigt und der Euro abstürzt. Die Stimmung ist seit Jahresbeginn ziemlich unruhig, und so eine Nachricht sorgt für Volatilität aus.“

Helaba-Analyst Ulrich Wortberg

„Die Aufhebung des Mindestkurses kommt sehr überraschend und die SNB dürfte an Glaubwürdigkeit verlieren, da sie in den vergangenen Monaten stets die vehemente Verteidigung der Untergrenze betonte. Einen neuen Mindestkurs dürfte es wohl nicht mehr geben, da Marktteilnehmer kein Vertrauen mehr haben, dass dieser langfristig gehalten wird. Der Euro-Franken wird nun den Marktkräften überlassen und es dürften sich Kurse im Bereich der Parität einstellen.“

Bereits vor der Hauruck-Aktion der SNB machten die Deutschen einen Bogen um die Eidgenossenschaft. Die Zahl der Besucher sank in den vergangenen fünf Jahren nach Berechnungen des Deutschen Reiseverbands bereits um 19 Prozent auf 1,9 Millionen im Jahr 2013. Es gibt allerdings auch Profiteure: Clement Marie, Manager des Savoyarde Hotels im französischen Val d'Isere, hofft, dass nun massenhaft Besucher aus der nahen Schweiz in den Skiort strömen. „Das könnte ein Gottesgeschenk sein, da wir bislang nur wenig Schnee und wenige Gäste hatten.“ Die Antwort kam prompt. „Schweizer, macht in der Schweiz Urlaub“, sagt Jürg Schmid, Chef des dortigen Tourismusverbands.

Von

rtr

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