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16.01.2015

17:52 Uhr

Schweizer Franken

Die Eidgenossen verehren einen neuen Wilhelm Tell

VonOliver Stock

Der Schweizer Nationalbank-Präsident wird zum Nationalhelden: Thomas Jordan hat den Eidgenossen Selbstvertrauen zurückgegeben. Seine Entscheidung, den Franken vom Euro zu lösen, stärkt die Rechten.

Wilhelm-Tell-Statur: Notenbank-Chef Jordan hat den Schweizern Selbstvertrauen zurückgegeben.

Wilhelm-Tell-Statur: Notenbank-Chef Jordan hat den Schweizern Selbstvertrauen zurückgegeben.

Düsseldorf„Der Mann ist fast zwei Meter groß und ein Freund klarer Ansagen.“ So hat ein Porträt im Handelsblatt begonnen, als Thomas Jordan vor drei Jahren das Amt des Nationalbank-Präsidenten in der Schweiz übernahm. Die Größenangabe stimmt noch immer, die Sache mit der klaren Ansage nicht: Jordan hat mit der Abkehr von der festen Bindung an den Euro eine 180-Grad-Wende vollzogen – und das innerhalb weniger Tage. Noch Ende letzten Jahres war ihm der Satz, wesentliches Element einer „glasklaren geldpolitischen Ausrichtung“ sei der Mindestkurs von 1,20 Franken gegenüber dem Euro, noch ohne Stottern über die Lippen gekommen.

Dennoch hat Jordan in der Schweiz am Donnerstag seinen Ruf nicht verloren, sondern gefestigt. Der Mann ist für viele Eidgenossen kein Wortbrüchiger, sondern ein Held. Roger Federer, Wilhelm Tell, Thomas Jordan – deren Bildnisse in Öl über dem Cheminée würden das Lebensgefühl zahlreicher Schweizer zutreffend illustrieren. „Die Zeit von Schönwetterkapitänen und Manager-Darstellern ist vorbei – auf geht’s!“, ruft der Kommentator eines Finanzblogs seinen Landsleuten zu und lobt Jordans Mut zur Zumutung.

Wer verstehen will, warum in unserem Nachbarland ein Mann gefeiert wird, der mit seiner Entscheidung den Wert der einheimischen Unternehmen mal eben um ein Drittel vermindert hat, der am Tag eins nach seinem Federstrich die ersten Pleiten in der Firmenwelt registrieren muss, und der seit seinem Donnerstag für Tourismusmanager zur Hassfigur aufgestiegen ist, der kommt nicht drum herum, einen Blick ins Seelenleben der Eidgenossen zu werfen.

Franken und der Euro: Schweizer Unternehmen müssen fliehen

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Schock für die Schweiz: Weil die Zentralbank den Franken vom Euro löst, werden Exporte deutlich teurer. „Wir haben keine Marge mehr“, klagt der Unternehmer Andy Keel – und denkt darüber nach, das Land zu verlassen.

Wie sie wirklich über Europa denken, das innerste Seelenleben nach außengekehrt, das haben die Schweizer in aller Deutlichkeit bei einer Abstimmung zu Beginn dieses Jahrtausends kundgetan. Zur Wahl stand der EU-Beitritt. Die Befürworter machten geltend, dass die Schweiz durch zahlreiche Gesetze mit der EU verbunden ist, auf die Gesetzgebung in Brüssel jedoch keinen Einfluss hat. Deswegen forderten sie Bern auf, Verhandlungen mit dem Ziel zu führen, dass das Land EU-Mitglied wird. An der Wahlurne fiel dieser Vorschlag krachend durch, knapp 77 Prozent der Wähler waren dagegen.

Die Ablehnung war der Anfang des Aufstiegs der Schweizerischen Volkspartei (SVP), die der Milliardär, Chemie-Unternehmer und erklärte EU-Kritiker Christoph Blocher anführte. Mit einer geschickten Mischung aus konservativer Wirtschaftspolitik, Schweiztümelei und EU-Ablehnung gelang es Blocher, die SVP zur stärksten Partei zu formen und selbst zumindest zeitweise ein Ministeramt zu bekleiden. Die Schweiz habe „große Chancen, wenn sie sich abmeldet aus Brüssel“, sagt Blocher.

Die SVP hat das harmonieverliebte Land, das stets von einer Allparteienregierung gelenkt wird, seither verändert. Die politischen Pole sind weiter auseinandergerückt, zwischen der weltoffeneren französischen Schweiz und Großstädten wie Zürich auf der einen Seite, und den wirtschaftlich abgehängten Kantonen wie dem Jura oder auch dem Tessin wird schärfer als jemals zuvor um Einwanderungsbegrenzung, Abzocker-Initiativen und die Höhe des Zollsatzes auf ausländische Petersilie gerungen, der schon mal mehr als 1000 Prozent für ein paar Stängel dieses grünen Krauts betragen kann.

Kommentare (8)

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Herr Sascha Fischer

16.01.2015, 17:59 Uhr

Na da hat Jordan sich an die Erkenntnisse aus seinem Buch gehalten. Ich gratuliere den Schweizern zu einem solchen starken und aufrechten Zentralbankchef.

Weidmann nörgelt nur immer ein wenig, um sich dann Draghi und Merkel zu beugen. Traurig.

Herr Manfred Zimmer

16.01.2015, 18:06 Uhr

Man stelle sich nur vor, dass Peer Steinbrück die deutsche Kavallerie in die Schweiz führt und die Schweiz deren Pferde in Zahlung nimmt.

Unvorstellbar, dass die Schweiz Männer wie Peer Steinbrück oder Wolfgang Schäuble überhaupt in der Schweiz sehen wollen. Der einzige den die Schweizer haben wollen, ist meines Wissens nur Herr Borjans und den geben sie nicht mehr her.

Herr C. Falk

16.01.2015, 18:09 Uhr

In einem schwierigen Umfeld hat Jordan eine schwerwiegende Entscheidung getroffen. Dieser Mann verdient Respekt und ist "schwer" in Ordnung und so sieht es auch die überwiegende Mehrzahl seiner Landsleute.

Direkte Demokratie erzeugt mutige Menschen, die mutige Entscheidungen treffen.

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