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15.01.2015

19:52 Uhr

Schweizer Franken ohne Mindestkurs

„Was die Notenbank veranstaltet, ist ein Tsunami“

1,20 Franken je Euro: Der Mindestkurs der Schweizer Währung war Gesetz. Bis heute. Notenbank-Chef Thomas Jordan reagiert auf die wahrscheinlichen Anleihekäufe der EZB. Swatch-Chef Nick Hayek gibt sich ungehalten.

Imago

Zürich/DüsseldorfBrechend voll war der Pressesaal der Notenbank in Zürich, als Thomas Jordan am Donnerstagmittag eintrat, um die überraschendste Entscheidung seiner Amtszeit zu erläutern. Gut eine Stunde dauerte die Befragung des Chefs der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Doch am Ende blieb Jordan einen überzeugende Begründung schuldig, der die Aufgabe des Franken-Mindestkurses zum jetzigen Zeitpunkt rechtfertigen würde.

Der Moment sei richtig gewesen, das Kursziel von 1,20 Franken je Euro aufzugeben, sagte Jordan. Ein Festhalten an dem Kursziel hätte auf lange Sicht keinen Sinn ergeben. „Der Ausstieg musste überraschend erfolgen“, erklärte er.

Die Finanzmärkte hat dieser Schritt kalt erwischt. Sie reagierten mit heftigen Turbulenzen. Der Dax brach zunächst ein, schoss dann aber wieder über die Marke von 10.000 Punkten. Die Schweizer Börse blieb dagegen tief im Minus. Schließlich hatte die SNB bis zuletzt zugesichert, das Kursziel unter allen Umständen mit unbegrenzten Devisenkäufen verteidigen zu wollen.

Das sagten Experten am 15. Januar zum Schweizer Manöver

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin

„Die Entscheidung der Schweizer Notenbank war längst überfällig. Ihre Wechselkurspolitik hat zwar in den vergangenen Jahren Schweizer Exporteure geschützt und deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwächeren Franken unterstützt. Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen. Denn der Franken wird langfristig gegenüber dem Euro aufwerten. Die Wertverluste auf die Devisenreserven könnten deshalb enorm groß werden. Der Zeitpunkt der Entscheidung ist sicherlich nicht zufällig. Die Erwartung eines Anleihenkaufprogramms der EZB sollte den Euro mittelfristig weiter schwächen, und damit die sonst notwendigen Ankäufe und diese Verluste für die Schweizer Notenbank erhöhen.“

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse

„Es war von Anfang an klar, dass die Wechselkursuntergrenze eine temporäre Maßnahme sein soll. Auch die Wirtschaft strebt im Prinzip eine Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen an, aber nicht jetzt. Denn in der gegenwärtig angespannten Situation ist die Gefahr sehr groß, dass es zu einem Überschießen des Frankens kommt. Wir sind davon ausgegangen, dass die Wechselkursuntergrenze für die nächsten Monate noch halten wird.

Wir sind jetzt weit jenseits der Kaufkraftparität, die ich auf 1,29 Franken pro Euro schätze. Mit einer leichten kontinuierlichen Aufwertung kann die Wirtschaft leben. Aber bei einer schockartigen Aufwertung ist die Industrie überfordert. Das wird sehr große Probleme geben.

Es bricht eine schwierige Zeit für die Schweizer Unternehmen an. Dies gilt vor allem für die Export- und Zuliefer-Industrie sowie für den Tourismus. Die Planungssicherheit ist vorderhand weg. Entscheidend ist jetzt, wo sich der Euro einpendeln wird. Mit 1,15 Franken kann die Wirtschaft leben. Bei 1,05 würde es zu einem größeren Einbruch kommen.“

Schweizerischer Gewerkschaftsbund

„Der Entscheid der SNB, den Mindestkurs aufzuheben, gefährdet die Löhne und Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft massiv und erhöht die Deflationsgefahren in der Schweiz. Auch zum Kurs von 1,20 gegenüber dem Euro war der Franken nach wie vor deutlich überbewertet. Mit der Aufhebung der Untergrenze ist der Devisenspekulation nun Tür und Tor geöffnet. Es ist mit einer unkontrollierten Aufwertung zu rechnen. Die bereits heute unter dem überbewerteten Franken leidende Exportwirtschaft (Industrie/Tourismus) wird zusätzlich belastet.“

Christian Lips von der NordLB

„Die SNB scheint nicht mehr an eine Durchsetzbarkeit für den Fall eines EZB-Staatsanleihenankaufprogramms zu glauben – und könnte sich doch mit der Panikreaktion in eine Sackgasse manövriert haben. Zumindest ist die Kommunikation der SNB – bei allem Wohlwollen – als missglückt zu bezeichnen.“

JP Morgan Research

„Die größte Überraschung der heutigen Entscheidung ist, dass die SNB sich gegen einen gelenkten Rückzug entschieden hat – sie hat dem Euro zum Franken komplett den Boden entzogen.

Das ist zwar die sauberste Option für die SNB – alle Verbindungen zur Geldpolitik der EZB können nun gekappt werden. Aber es ist auch die Option mit dem größten Risiko, den Euro-Franken-Kurs unter den fairen Wert zu drücken, den wir bei etwa 1,10 Franken sehen.“

Thomas Gitzel von der VP Bank

„Die SNB beugt sich dem Marktdruck, setzt aber ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Interventionen der vergangenen Wochen waren wohl für die eidgenössischen Währungshüter zu viel. Bei der Einführung des Mindestwechselkurses war an punktuelle Interventionen gedacht, nicht aber an permanente. Letztlich dürfte aber auch die Gold-Initiative eine gewisse Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. (...) Da der Franken auf den aktuellen Kursniveaus deutlich gegenüber dem Euro überbewertet ist, sollten sich nach einer Übertreibungsphase wieder höhere Kursniveaus beim Währungspaar Euro-Franken einstellen.“

Jefferies-Stratege Jonathan Webb

„Die Entscheidung der SNB hat den Markt völlig überrascht. Die SNB geht vermutlich davon aus, dass die EZB in der kommenden Woche auf ihrer Ratssitzung ihre Geldpolitik weiter lockern wird. Angesichts der anstehenden Wahlen in Griechenland wäre es für die Schweizer ziemlich schwierig, den Mindestkurs aufrecht zu halten.“

Chris Beauchamp, Markt-Analyst bei IG

„Meine erste Reaktion war, dass das ein Signal für eine bevorstehende Aktion der EZB ist. Allerdings war die Reaktion an den Aktienmärkten dafür zu negativ. Aber es passiert ja nicht jeden Tag, dass eine Notenbank einfach einer Währung den Boden unter den Füßen wegzieht. Und die Leute haben eindeutig Angst, dass etwas Größeres bevorsteht. Für den Schweizer Markt und die Wirtschaft ist das sehr schlecht, wenn der Franken so rasant steigt und der Euro abstürzt. Die Stimmung ist seit Jahresbeginn ziemlich unruhig, und so eine Nachricht sorgt für Volatilität aus.“

Helaba-Analyst Ulrich Wortberg

„Die Aufhebung des Mindestkurses kommt sehr überraschend und die SNB dürfte an Glaubwürdigkeit verlieren, da sie in den vergangenen Monaten stets die vehemente Verteidigung der Untergrenze betonte. Einen neuen Mindestkurs dürfte es wohl nicht mehr geben, da Marktteilnehmer kein Vertrauen mehr haben, dass dieser langfristig gehalten wird. Der Euro-Franken wird nun den Marktkräften überlassen und es dürften sich Kurse im Bereich der Parität einstellen.“

Doch der Druck durch die EZB wurde offenbar zu groß: Ökonomen sehen einen engen Zusammenhang zwischen der Entscheidung der Schweizer Notenbank und der Aussicht auf eine neue Geldspritze der Europäischen Zentralbank. „Die Aufgabe des Euro-Mindestkurses hängt mit der EZB-Politik zusammen“, sagt Alexander Rathke von der Schweizer Konjunkturforschungsstelle (KOF) aus Zürich zu Handelsblatt Online.

Viele Ökonomen rechnen damit, dass die EZB auf der Ratssitzung am Donnerstag nächster Woche grünes Licht für massive Anleihekäufe gibt. Sie könnte dann entsprechend ihres Kapitalschlüssels Staatsanleihen der Euro-Länder kaufen. Tendenziell würde dies den Wechselkurs des Euro schwächen. „Die Aussicht auf massive Anleihekäufe im Zusammenspiel mit der Russland-Krise hat den Druck auf die Schweizer Notenbank verstärkt“, sagt Rathke.

SNB-Chef Jordan hingegen trat Vermutungen entgegen, die Schweizer Notenbank könnte faktisch zu dem Schritt gezwungen gewesen sein. Marktdruck sei nicht ausschlaggebend gewesen, so der Notenbankchef.

Zuletzt lag der Wechselkurs des Frankens sehr nahe an dem von der SNB festgesetzten Mindestkurs von 1,20 Euro. Das spricht dafür, dass die SNB stärker intervenieren musste. Sprich: Sie druckt Franken und tauscht diese am Devisenmarkt in Euro, um die Zielmarke für den Wechselkurs zu verteidigen. Der Nebeneffekt ist eine höhere Inflation und eine Ausweitung der Zentralbankbilanz. Höhere Preise sind für die Eidgenossen im Moment jedoch das geringere Problem. 2012 und 2013 war die Inflation in der Schweiz negativ, 2014 lag sie nur knapp über der Nullmarke.

Die Auswirkungen sind auch bei Verbrauchern zu spüren. An den Geldautomaten der Bank Postfinance können vorübergehend keine Euro-Noten mehr bezogen werden. Dies sagte ein Postfinance-Sprecher der Schweizer Wirtschaftsnachrichtenagentur AWP. „Wir haben nach dem Entscheid der Schweizerische Nationalbank (SNB) den Devisenhandel vorübergehend ausgesetzt.“ Dies gelte für die Geldautomaten, aber auch für Internettransaktionen. „Am Devisenmarkt findet derzeit keine adäquate Preisbildung statt“, begründete er die Maßnahme. Wann der Stopp aufgehoben wird, sei derzeit noch offen. Bei anderen Schweizer Banken können hingegen weiter Euro-Noten bezogen werden, wie die AWP berichtet. So gebe es bei den Raiffeisen-Banken laut einem Firmensprecher keine generelle Anweisung zur Einschränkung des Euro-Bezugs.

Kommentare (43)

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Account gelöscht!

15.01.2015, 16:10 Uhr

Die deutsche Presse schreibt schon wieder bevormundent und nach dem Willen der deutschen-EU Diktatur. Dieser Satz im Artikel beweist es....

"Doch am Ende blieb Jordan einen überzeugende Begründung schuldig, der die Aufgabe des Franken-Mindestkurses zum jetzigen Zeitpunkt rechtfertigen würde."

Herr Manfred Zimmer

15.01.2015, 16:16 Uhr

Ganz klar was hier abläuft!

Die Schweiz muss sich dringend schützen nicht mit in den Abwärtssog hinein gezogen zu werden.

Alle Deutschen, die zuvor mit den Steuer-CDs in Panik gebracht wurden und das sichere Geld wieder Heim holten, werden jetzt das zweite Mal betrogen.

Das Geld jenseits der Grenze war sicher. Es hatte seinen berechtigten Grund dort zu sein.

Schäuble und Draghi arbeiteten und arbeiten Hand in Hand gegen die Bürger.

Wir brauchen keine AfD, um jetzt Klarheit zu erkennen. Wir brauchen auch keine Pegida-Demonstranten, denen Rechtstendenzen angedichtet werden. Wir brauchen nicht einmal Demonstrationen.

Der Kursverfall des Euros ist die neutrale Beurteilung und mathematische Umsetzung und Bewertung der "erfolgreichen Politik" der GroKo.

Pegida ist jetzt überall. Und die Politiker hatten sich im letzten Jahr noch wegen ihrer großartigen Arbeit nochmals 10 % Diätenerhöhung gegönnt. Was verstehen diese Leute eigentlich unter "sozialer Gerechtigkeit".

"Asche, Asche, alles in meine Tasche", hören wir aus ihrem Mund.

Herr Tom Schmidt

15.01.2015, 16:23 Uhr

Dieser Satz ist richtig und wichtig!

Er bedeutet, dass die Schweizer Nationalbank ihre wahre Motivation nicht kommentiert hat und ihr Heil in allgmeine Ausflüchten gesucht hat.

Sie wollte oder konnte dazu wohl nichts sagen, was ja auch klar ist! Eine Notenbank kritisiert nicht die andere! Die Schweizer Nationalbank hat gestern den Generalanwalt der EUGh gehört und sich dann gefragt ob es sinnvoll ist Euros als Währungsreserve zu horten. Die Antwort war nein!

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