Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.01.2015

17:29 Uhr

Schweizer Franken und die Börse

Märkte als Spielball der Notenbanken

VonJessica Schwarzer

Die Schweizer Notenbank hat für heftige Turbulenzen an den Märkten gesorgt und wieder einmal gezeigt, wie mächtig die Notenbanken sind. Nicht umsonst heißt eine alte Börsenweisheit: Spekuliere nie gegen die Notenbank!

Die Schweizer Notenbank sorgte für mächtige Ausschläge an den Märkten. Getty Images

Die Schweizer Notenbank sorgte für mächtige Ausschläge an den Märkten.

DüsseldorfDie Schockwellen sind noch immer zu spüren. Auch am Tag nachdem die Schweizer Notenbank angekündigt hat, die Bindung des Schweizer Franken an den Euro aufzuheben, reagieren Anleger verschnupft und fliehen aus Schweizer Aktien. Der Standardwerteindex SMI rutschte am Freitag zeitweise um fast sechs Prozent ab.

Der überraschende Rückzug der SNB hatte die Finanzwelt am Donnerstag kalt erwischt. Der Dax stürzte um mehrere hundert Punkte ab, erholte sich dann aber schnell wieder und schloss im Plus oberhalb der Marke von 10.000 Punkten. Anders an der Börse in Zürich: Der SMI stürzte um neun Prozent in die Tiefe. Das ist der größte Tagesverlust seit 25 Jahren und der zweitgrößte seiner Geschichte.

Das sagten Experten am 15. Januar zum Schweizer Manöver

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin

„Die Entscheidung der Schweizer Notenbank war längst überfällig. Ihre Wechselkurspolitik hat zwar in den vergangenen Jahren Schweizer Exporteure geschützt und deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwächeren Franken unterstützt. Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen. Denn der Franken wird langfristig gegenüber dem Euro aufwerten. Die Wertverluste auf die Devisenreserven könnten deshalb enorm groß werden. Der Zeitpunkt der Entscheidung ist sicherlich nicht zufällig. Die Erwartung eines Anleihenkaufprogramms der EZB sollte den Euro mittelfristig weiter schwächen, und damit die sonst notwendigen Ankäufe und diese Verluste für die Schweizer Notenbank erhöhen.“

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse

„Es war von Anfang an klar, dass die Wechselkursuntergrenze eine temporäre Maßnahme sein soll. Auch die Wirtschaft strebt im Prinzip eine Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen an, aber nicht jetzt. Denn in der gegenwärtig angespannten Situation ist die Gefahr sehr groß, dass es zu einem Überschießen des Frankens kommt. Wir sind davon ausgegangen, dass die Wechselkursuntergrenze für die nächsten Monate noch halten wird.

Wir sind jetzt weit jenseits der Kaufkraftparität, die ich auf 1,29 Franken pro Euro schätze. Mit einer leichten kontinuierlichen Aufwertung kann die Wirtschaft leben. Aber bei einer schockartigen Aufwertung ist die Industrie überfordert. Das wird sehr große Probleme geben.

Es bricht eine schwierige Zeit für die Schweizer Unternehmen an. Dies gilt vor allem für die Export- und Zuliefer-Industrie sowie für den Tourismus. Die Planungssicherheit ist vorderhand weg. Entscheidend ist jetzt, wo sich der Euro einpendeln wird. Mit 1,15 Franken kann die Wirtschaft leben. Bei 1,05 würde es zu einem größeren Einbruch kommen.“

Schweizerischer Gewerkschaftsbund

„Der Entscheid der SNB, den Mindestkurs aufzuheben, gefährdet die Löhne und Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft massiv und erhöht die Deflationsgefahren in der Schweiz. Auch zum Kurs von 1,20 gegenüber dem Euro war der Franken nach wie vor deutlich überbewertet. Mit der Aufhebung der Untergrenze ist der Devisenspekulation nun Tür und Tor geöffnet. Es ist mit einer unkontrollierten Aufwertung zu rechnen. Die bereits heute unter dem überbewerteten Franken leidende Exportwirtschaft (Industrie/Tourismus) wird zusätzlich belastet.“

Christian Lips von der NordLB

„Die SNB scheint nicht mehr an eine Durchsetzbarkeit für den Fall eines EZB-Staatsanleihenankaufprogramms zu glauben – und könnte sich doch mit der Panikreaktion in eine Sackgasse manövriert haben. Zumindest ist die Kommunikation der SNB – bei allem Wohlwollen – als missglückt zu bezeichnen.“

JP Morgan Research

„Die größte Überraschung der heutigen Entscheidung ist, dass die SNB sich gegen einen gelenkten Rückzug entschieden hat – sie hat dem Euro zum Franken komplett den Boden entzogen.

Das ist zwar die sauberste Option für die SNB – alle Verbindungen zur Geldpolitik der EZB können nun gekappt werden. Aber es ist auch die Option mit dem größten Risiko, den Euro-Franken-Kurs unter den fairen Wert zu drücken, den wir bei etwa 1,10 Franken sehen.“

Thomas Gitzel von der VP Bank

„Die SNB beugt sich dem Marktdruck, setzt aber ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Interventionen der vergangenen Wochen waren wohl für die eidgenössischen Währungshüter zu viel. Bei der Einführung des Mindestwechselkurses war an punktuelle Interventionen gedacht, nicht aber an permanente. Letztlich dürfte aber auch die Gold-Initiative eine gewisse Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. (...) Da der Franken auf den aktuellen Kursniveaus deutlich gegenüber dem Euro überbewertet ist, sollten sich nach einer Übertreibungsphase wieder höhere Kursniveaus beim Währungspaar Euro-Franken einstellen.“

Jefferies-Stratege Jonathan Webb

„Die Entscheidung der SNB hat den Markt völlig überrascht. Die SNB geht vermutlich davon aus, dass die EZB in der kommenden Woche auf ihrer Ratssitzung ihre Geldpolitik weiter lockern wird. Angesichts der anstehenden Wahlen in Griechenland wäre es für die Schweizer ziemlich schwierig, den Mindestkurs aufrecht zu halten.“

Chris Beauchamp, Markt-Analyst bei IG

„Meine erste Reaktion war, dass das ein Signal für eine bevorstehende Aktion der EZB ist. Allerdings war die Reaktion an den Aktienmärkten dafür zu negativ. Aber es passiert ja nicht jeden Tag, dass eine Notenbank einfach einer Währung den Boden unter den Füßen wegzieht. Und die Leute haben eindeutig Angst, dass etwas Größeres bevorsteht. Für den Schweizer Markt und die Wirtschaft ist das sehr schlecht, wenn der Franken so rasant steigt und der Euro abstürzt. Die Stimmung ist seit Jahresbeginn ziemlich unruhig, und so eine Nachricht sorgt für Volatilität aus.“

Helaba-Analyst Ulrich Wortberg

„Die Aufhebung des Mindestkurses kommt sehr überraschend und die SNB dürfte an Glaubwürdigkeit verlieren, da sie in den vergangenen Monaten stets die vehemente Verteidigung der Untergrenze betonte. Einen neuen Mindestkurs dürfte es wohl nicht mehr geben, da Marktteilnehmer kein Vertrauen mehr haben, dass dieser langfristig gehalten wird. Der Euro-Franken wird nun den Marktkräften überlassen und es dürften sich Kurse im Bereich der Parität einstellen.“

Für noch größere Verwerfungen hatte die Ankündigung der Währungshüter am Devisenmarkt gesorgt. Am Donnerstag hatte der Euro fast 30 Prozent zum Franken verloren. Eine Katastrophe für die Wirtschaft im Nachbarland – und für viele Devisen-Spekulanten. „Die Spekulation auf Währungskursveränderungen ist ein gewagtes Glücksspiel“, kommentiert Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Die Ausschläge können immens sein, wie Anleger schmerzhaft erleben mussten. Der Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken gilt nicht mehr, Parität – also ein Franken gleich ein Euro – lautet die Gleichung am Freitag. Damit notiert der Franken auf Vortagesniveau.

Nach Meinung von Stephan Risse von der hanseatischen HPM Portfoliomanagement sei für viele Anleger der 1999 verstorbene Börsenaltmeister Andre Kostolany ein Mann mit alten amüsanten Börsenanekdoten der Vergangenheit gewesen. „Wer aber sein Ende der 80er Jahre erschienenes Buch ,Und was macht der Dollar? Im Irrgarten der Währungsspekulation‘ gelesen hat, wäre nicht im Traum darauf gekommen, sich auf die Euro-Franken-Spekulation einzulassen“, meint der Portfoliomanager.

Wie mächtig die Notenbanken sind und wie wichtig ihre Entscheidungen für die Märkte sind, zeigt auch eine alte Börsenweisheit: Spekuliere nie gegen die Notenbank! Philipp Dobbert ist überzeugt, dass diese Börsenweisheit fast immer stimmt. „Gerade im heutigen Börsenumfeld sollte jeder Anleger vermeiden, sich gegen den Wind zu lehnen, der dem Markt aus der Chefetage der Zentralbanken entgegenweht“, sagt der Chefvolkswirt der Quirin Bank.

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Josef Duffner

16.01.2015, 17:39 Uhr

Was man doch so alles in anderen Medien zu lesen bekommt.
So sieht der US-Handel mit Russland aus. Dabei geben die USA den Europäischen Staaten vor, dass sie Russland sanktionieren sollen.
Wenigstens Lesen und sich eine eigen Meinung bilden. Man muss nicht immer alles glauben doch es kann auch nicht schaden mal über den Tellerrand zu sehen.:
http://de.sputniknews.com/wissen/20150116/300629109.html

Herr Jürgen Jantschik

16.01.2015, 17:52 Uhr

UND HIER SIEHT MAN, WER WIRKLICH DIE POLITIK BESTIMMMT UND UNS BÜRGERN SAGT, WAS GUT FÜR UNS IST !


SPD und CDU lehnen Transparenz über Lobbyisten im Bundestag ab
Deutsche Wirtschafts Nachrichten | Veröffentlicht: 16.01.15 10:06 Uhr | 19 Kommentare

SPD und Union verweigern die Herausgabe der Daten von Lobbyisten, die mit ihrer Hilfe Hausausweise für den Deutschen Bundestag erhalten. Mit diesen Ausweise können sich Lobbyisten in den Bundestagsbüros frei bewegen. Abgeordnetenwatch wollte wissen, welche Lobbyisten diesen Service von den Regierungsparteien in Anspruch nehmen. Weil die Parteien schweigen, will Abgeordnetenwatch die Herausgabe der Informationen mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht erzwi

Account gelöscht!

16.01.2015, 18:08 Uhr

Jahrelang haben die Notenbanken die Märkte mit einer schier grenzenlosen Liquidität überschwemmt und damit nicht zuletzt den nun schon mehr als fünf Jahre andauernden Börsenboom ausgelöst.

------------------------------------------------------

Es ist eine ständige EZB geschaffene Liquidität...

dass nur Spekulanten dient.

Aber EUROPA BRAUCHT ARBEITSPLÄTZEN !!!

Und darin besteht der Haupt-versagen sämtliche bisherige EZB-Lösungen die bisher aufgebracht wurden.

EUROPA braucht gezielte Arbeitsplatz Beschaffungen...

hierbei muss die Gesamte EU seine Mentalität schnell ändern.

Zuerst müssen EU-Staaten Firmen gründen...

um es dann an den Aktienmarkt zu privatisieren !!!!!

Wenn Europa noch mehr Zeit verstreichen lässt

wird der Schaden irgendwann nicht mehr reparabel sein.




Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×