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05.05.2015

08:33 Uhr

Staatsbankrott ohne Euro-Austritt

Pleite nach Plan

VonJan Mallien

Griechenlands Finanzlage wird immer prekärer. Doch eine schnelle Einigung mit den Gläubigern ist ungewiss. Niemand will eine Staatspleite, doch das Risiko besteht. Dies hätte nicht zwingend den Euro-Austritt zur Folge.

Die überwältigende Mehrheit der Griechen ist für den Verbleib in der Euro-Zone. dpa

Fahnen vor dem griechischen Parlament

Die überwältigende Mehrheit der Griechen ist für den Verbleib in der Euro-Zone.

FrankfurtDie Haltung der griechischen Bevölkerung zum Euro ist eindeutig. 72,9 Prozent wollen laut einer  repräsentativen Umfrage  der griechischen Zeitung „To Vima“ von Ende April die europäische Gemeinschaftswährung behalten. Dennoch steht die griechische Mitgliedschaft in der Währungsunion auf der Kippe, da der Regierung das Geld ausgeht. Die Finanzlage ist inzwischen so prekär, dass die Regierung die Städte per Gesetz gezwungen hat, ihre Geldeinlagen an die Zentralbank zu überweisen. Keiner der wichtigen Akteure will eine Staatspleite Griechenlands. Doch die Situation ist so komplex, dass dieser Fall dennoch eintreten könnte - und sei es durch einen Unfall.  

Laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg rechnet inzwischen eine Mehrheit von Investoren, Analysten und Händlern mit einem Euro-Austritt Griechenlands. Es könnte jedoch sein, dass Griechenland in die Insolvenz geht – und trotzdem im Euro bleibt. „Ein griechischer Zahlungsstopp muss nicht zwangsläufig den Euro-Austritt bedeuten“, sagt Sylvain Broyer, Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis in Frankfurt.

Griechenlands Bankenlandschaft

Die wichtigsten Banken

In Griechenland gibt es vier große Geldhäuser - die National Bank of Greece, die Piraeus Bank, die Eurobank und die Alpha Bank. Sie stehen für rund 95 Prozent des Marktes. Ihr Börsenwert liegt zusammengefasst bei 8,6 Milliarden Euro. Das entspricht 21 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung an der griechischen Börse. Bank-Aktien haben in Athen seit Jahresbeginn wegen des sich verschärfenden Schuldenstreits mit den internationalen Geldgebern rund die Hälfte ihres Wertes eingebüßt.

Einlagen

Die Einlagen von privaten Haushalten und Unternehmen bei griechischen Banken betrugen Ende Februar 140,5 Milliarden Euro - 12,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Allein von Dezember bis Februar wurden Guthaben im Volumen von 25,4 Milliarden Euro abgezogen. Wegen der Abflüsse waren die Geldhäuser gezwungen, verstärkt Notfall-Hilfen (ELA) ihrer heimischen Notenbank und direkte Liquiditätsspritzen der EZB in Anspruch zu nehmen.

Finanzierung durch das Eurosystem

Die Finanzierung griechischer Banken durch die EZB, bei der Sicherheiten verlangt werden, hatte Ende März ein Volumen von 38,67 Milliarden Euro. Die ELA-Hilfen durch die Athener Notenbank summierten sich zudem auf 68,6 Milliarden Euro. Hellas-Banken nutzen diesen Weg verstärkt, seitdem die EZB sie ab Mitte Februar von der direkten Finanzierung ausgeschlossen hat. Die EZB hatte damals eine Sonderregel gekippt, die griechischen Banken bis dahin erlaubte, auch bonitätsschwache Staatsanleihen des Landes als Pfand für frisches Zentralbankgeld zu hinterlegen.

Die Versorgung über ELA-Hilfen der Athener Notenbank ist für Banken teurer als die direkte Finanzierung durch die EZB. Zuletzt hatte die EZB eine Aufstockung des ELA-Rahmens um 1,5 Milliarden auf 75,5 Milliarden Euro genehmigt.

Sicherheiten

Griechische Banken setzen bei der Liquiditätsversorgung als Sicherheiten unter anderem Staatsanleihen, kurzfristige Geldmarktpapiere (sogenannte T-Bills), von der Regierung garantierte Bank-Anleihen und Kredite ein. Die Banken besaßen im Februar solche Pfänder im Umfang von zusammen rund 50 Milliarden Euro. Inzwischen ist dieser Puffer auf rund 40 Milliarden Euro gesunken.

Griechische Staatsanleihen

Hellas-Banken haben rund fünf Milliarden Euro in griechische Staatsanleihen investiert. Das entspricht nur 1,4 Prozent ihrer Bilanzsumme. Darüber hinaus besitzen sie kurzfristige T-Bills im Volumen von rund 3,5 Milliarden Euro. Aktuell wird für bonitätsschwache griechische Papiere, welche die Banken als Pfänder für ELA-Hilfen einsetzen, nach Angaben von Bankern und Analysten aus Sicherheitsgründen ein Wertabschlag (Haircut) von 32 bis 35 Prozent vorgenommen.

Allerdings wäre ein solcher Spagat alles andere als einfach: „Wenn es dazu käme, müssten die  Euro-Länder die griechischen Banken rekapitalisieren“, sagt Broyer.  „Der Zahlungsstopp kann also auf keinem Fall einseitig von Tspiras entschieden werden.“

Mitte April berichtete die „Zeit“ darüber, dass die Bundesregierung  an einem Plan arbeite, Griechenland auch im Falle einer Staatspleite im Euro zu halten. Der Plan ziele darauf ab, die griechischen Banken soweit zu sanieren, dass sie auch nach einem Staatsbankrott an den Geldgeschäften der EZB teilnehmen können. Voraussetzung für ein solches Entgegenkommen sei aber, dass Griechenland kooperiere.

Bei einem solchen Szenario hängt alles vom griechischen Bankensektor ab. Seit Anfang Februar sind Hellas Banken von den normalen Refinanzierungsgeschäften der EZB ausgeschlossen und halten sich mit Ela-Notkrediten der griechischen Notenbank über Wasser. Die Banken bekommen die Kredite jedoch nur, wenn sie zumindest auf dem Papier solvent sind. Im Moment sind sie das noch, vor allem deshalb, weil in ihren Büchern hohe Forderungen gegenüber dem griechischen Staat stehen. Sobald dieser seine Rechnungen nicht mehr zahlt, werden sie wertlos.

Kommentare (30)

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Herr Phillip Schneider

05.05.2015, 08:44 Uhr

"72,9 Prozent wollen laut einer repräsentativen Umfrage der griechischen Zeitung „To Vima“ von Ende April die europäische Gemeinschaftswährung behalten."

Ein bekanntes Sprichwort lautet: "Traue keiner Statistik die du nicht selbst gefälscht hast".
Gilt natürlich auch für "repräsentative" Umfragen.

Herr Jürgen Dannenberg

05.05.2015, 09:06 Uhr

Niemand will eine Staatspleite, Das sehe ich ganz anders. Griechenland hat sich diese Staatspleite redlich verdient.

Herr Ragin Allraun

05.05.2015, 09:18 Uhr

Griechenland wird nie aus dem Euro ausscheiden. Weder selbst, noch von den anderen hinaus geschmissen werden. ES - ist in einer äußerst komfortablen Situation, wohlwissend das die potenten Eurostaaten immer die finale Rechnung zahlen werden. Und zwar bis zum St. Nimmerleinstag.

Wer anderes denkt, und/oder spekuliert das ein Austritt/Rausschmiss aufgrund der prekären Situation naheliegt ist naiv und ein Träumer.

Griechenland wird immer im Euro bleiben, bis die Eurozone mit Pauken und Trompeten kollabiert.

Willkommen in der Wirklichkeit. Willkommen bei "Heute schon verarscht worden?"

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